Konjunktur erreicht ihren Tiefpunkt

Die Inflationsrate in Deutschland ist im März auf 2,2 Prozent gefallen, erneut stärker als erwartet.

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Die deutschen Staatsschulden sind im Jahr 2023 um 62 Milliarden auf 2,62 Billionen Euro angestiegen. Gleichzeitig ist die Staatsschuldenquote, also die Staatsschulden bezogen auf das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP), von 66,1 auf 63,7 Prozent gesunken. Die deutliche Differenz zwischen dem hohen nominalen – nicht preisbereinigten – und dem realem Wachstum im letzten Jahr (-0,3 Prozent) lässt sich durch die Inflation erklären. In Deutschland wurden zwar weniger Waren und Dienstleistungen produziert, deren Preise sind aber deutlich angestiegen. Staatsschuldenquoten lassen sich so über längere Zeiten erhöhter Inflation deutlich reduzieren, zumal die Steuereinnahmen des Staates nominale Größen sind, also mit steigender Inflation ebenfalls zulegen.

Leichte Verbesserungen beim ifo-Geschäftsklima und den ZEW-Konjunkturerwartungen

Die deutsche Konjunktur dürfte mit einem voraussichtlich negativen Wachstum im ersten Quartal den Tiefpunkt durchschritten haben. Sowohl ifo-Geschäftsklima als auch die ZEW-Konjunkturerwartungen zeigten zuletzt leicht verbesserte Zukunftserwartungen an. Zudem stieg das Welthandelsvolumen im Januar im Vergleich zum Vorjahr erstmals wieder leicht an, wovon die Industrieproduktion künftig profitieren sollte. Die Daten zeigen aber auch, dass der Welthandel – abgesehen von coronabedingten Ausschlägen – schon seit 2018 deutlich schwächer zulegen konnte, denn weltweit zunehmender Protektionismus, Lieferkettenunterbrechungen und geopolitische Konflikte erschweren internationale Arbeitsteilung. Dieser Trend wird sich kaum kurzfristig umkehren, daher ist die Transformation der stark auf die exportorientierte Industrie fokussierten deutschen Volkswirtschaft umso dringender.

Der private Konsum fällt als Stütze der Konjunktur in Deutschland bisher aus. Die Menschen in Deutschland sparen angesichts allgegenwärtiger, vor allem politischer Unsicherheiten mehr, anstatt größere Anschaffungen zu planen. Es ist aber davon auszugehen, dass die Zuversicht mit dem beginnenden Frühjahr und steigenden Realeinkommen – hohe Lohnabschlüsse bei gleichzeitig deutlich sinkender Inflation – künftig zunehmen wird und die privaten Konsumausgaben damit anstiegen.

Die Inflationsrate in Deutschland ist im März auf 2,2 Prozent gefallen, erneut stärker als erwartet. Auch in der Eurozone sind die Teuerungsraten rückläufig. Während die nominale Inflation auf 2,4 Prozent absackte und damit die Zielzone der EZB von 2 Prozent im Laufe des zweiten Quartals erreicht werden dürfte, bleibt die Kernrate der Inflation – ohne die Komponenten Energie und Nahrungsmittel – allerdings mit 2,9 Prozent erhöht. Hier wirken vor allem lohninduzierte Steigerungen von Dienstleistungspreisen treibend.

Wenn ab dem zweiten Halbjahr 2024 auch die inflationssenkenden Preis-Basis-Effekte durch den Vergleich der aktuellen Energiepreise mit den höheren Niveaus des Vorjahres auslaufen, ist mit erneut steigenden Inflationsraten zu rechnen. Die EZB dürfte vor diesem Hintergrund eine erste Leitzinssenkung im Juni beschließen, der zwei oder drei weitere kleine Zinsschritte um jeweils 0,25 Prozentpunkte folgen könnten. Sie wird allerdings weiterhin datenabhängig, also unter Bezug auf die jeweils aktuellen Wachstums- und Inflationszahlen ihre geldpolitische Ausrichtung anpassen.

Börsen behalten die Zinsen im Blick

In den USA zeigen die jüngsten ISM-Einkaufsmanagerindizes sowohl für den Dienstleistungsbereich als auch erstmals seit Anfang 2022 wieder für das Verarbeitende Gewerbe eine Expansion der Produktion an. Die Wachstumsdynamik dürfte entsprechend hoch bleiben, auch weil der Arbeitsmarkt und damit der private Konsum stabil bleiben sollte.

Die Beschäftigungskomponenten der ISM-Indizes deuten nur eine leicht steigende Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten an, womit steigende Löhne den Inflationsdruck höher halten werden als in der Eurozone. Vor diesem Hintergrund könnte die Erwartung von bis zu drei Leitzinssenkungen durch die US-Notenbank Fed zu hoch gegriffen sein.

In vielen Schwellenländern sind die Einkaufsmanagerindizes bereits stärker angestiegen und deuten konjunkturelle Erholungen an. Zudem sinken Inflationsraten in vielen Staaten und einige Notenbanken von Schwellenländern haben bereits die Leitzinsen gesenkt.

An den Kapitalmärkten dürften weiterhin vor allem die Zinsentwicklungen eine maßgebliche Rolle spielen. Neben sinkenden kurzfristigen Zinsen im Zuge weniger restriktiver Notenbanken dürften auch Renditen von Staatsanleihen vorerst nachgeben. Damit steigt die Attraktivität von Edelmetallen, Aktien und Krypto-Anlagen, wenngleich bereits viel positive Markterwartung eingepreist wurde.

Ein Kommentar von Carsten Mumm

Er ist Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel. Das Traditionshaus mit Sitz in Hamburg und München setzt auf qualifizierte und umfassende Beratung für vermögende Privatkunden, Unternehmer, Immobilienkunden und institutionelle Kunden.

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