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Seit es Aktiengesellschaften gibt, werden die Anteile daran in Papierform als echte Stücke gehandelt. In Zeiten von Internet und Online-Brokerage mag mancher das als antiquiert belächeln. Doch historische Wertpapiere sind alles andere als wertloses Altpapier.

Die so genannten Nonvaleurs sind auch heute, zum Teil Jahrhunderte nach ihrer bestimmungsgemäßen Nutzung noch eine gute Anlagemöglichkeit. Das gilt selbst dann, wenn das dahinter stehende Unternehmen längst nicht mehr interessiert. Wie bei vielen sammelswerten Gegenständen entscheidet die vorhandene Anzahl und die Qualität über den Wert eines solch alten Wertpapiers. Dabei muss es nicht mal immer eine klassische Aktie sein. Auch Genussscheine, Optionsscheine oder so genannte Kuxe zeichnen sich durch einen mehr oder minder hohen Sammlerwert aus. Offiziell nennt sich das Sammelgebiet historischer Wertpapiere Scripophily. Diese Wortschöpfung hob die Londoner Tageszeitung The Times mit einem Preisausschreiben 1978 aus der Taufe.

Das älteste Wertpapier. Im Jahr 1602 wird mit der Niederländischen Ostindien-Kompanie (kurz VOC) die erste globale Aktiengesellschaft gegründet. Für die Finanzierung dieser monopolistischen Handelskompanie entscheidet sich der chronisch finanzschwache niederländische Staat, eine Aktiengesellschaft ins Leben zu rufen. Mit großem Erfolg, denn die VOC wuchs bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1800 zu einer der größten Handelsunternehmungen der Welt. Die papierenen Zeugnisse von damals werden auf Auktionen für fünfstellige Summen gehandelt.

Doch wertmäßig spielt die Musik längst nicht mehr in der Zeit der südostasiatischen Kolonien. Stattdessen stürzen sich Sammler auf seltene Einzelstücke von noch heute existierenden Unternehmen, auf Papiere mit Originalunterschriften bekannter Persönlichkeiten wie Benjamin Franklin oder auch schlicht auf grafisch herausragend gestaltete Papiere.

Für erfolgreiche Sammler muss es also nicht gleich eine Aktie der niederländischen Ostindien-Kompanie sein. Auch neuere Papiere bieten Anlagechancen. Die Faustregel: Je seltener die Aktien und umso dekorativer sie ausgestaltet sind, desto eher wird aus dem einfachen Papier ein Anlageschatz und kann für den Hausgebrauch auf jeden Fall herangezogen werden.

Werner lebt als Filmfigur weiter – die Achterbahn AG ist dagegen längst Geschichte. (Bildquelle: markteinblicke.de)

Ein eigener Index. Im Jahr 2016 wurde mit dem Historic Stocks Market Index ein eigener Index für die Welt der Scripophily ins Leben gerufen. Dieser spiegelt die Wertentwicklung von 100 Historischen Wertpapieren wider. Bei der Auswahl der Titel wurde darauf geachtet, dass unterschiedliche Regionen, Branchen und Ausgabezeiträume ausgewogen vertreten sind.

Bei der Entwicklung des Index wurden die Daten rückwirkend bis 2013 mit einbezogen. Der Index wird jeweils am Anfang eines Halbjahres auf Basis der in den letzten sechs Monaten erzielten Auktionspreise errechnet. Als Startwert dient in Folge dessen der letzte Zuschlagspreis vor dem 1. Januar 2013. Der Historic Stocks Market Index dient also eher als Gradmesser für die Sammlerszene, denn als Indikator für tagesaktuelle Preise. Aber die nachgewiesene Wertsteigerung von rund 26 Prozent in fünf Jahren kann sich für ein „langweiliges“ Sammelobjekt durchaus sehen lassen.

Die 100 repräsentativen Aktien reichen von A wie der Accessory Transit Co. (of Nicaragua), einem Bond aus dem Jahr 1856, bis zu W wie Würzburger Hofbräu AG, einer Brauereiaktie aus dem Jahr 1954. Dazwischen finden sich beispielsweise Aktien der legendären Standard Oil mit Originalsignatur von John D. Rockefeller sowie historische Papiere der heute noch bestehenden Konzerne American Express, Boeing, Daimler, Ford, IBM, Linde und Siemens.

Infrastrukturprojekte sind heute in der Regel staatsfinanziert. Wie der Eisenbahnbau in den USA oder der Bau des Suez- oder Panamakanals zeigen, ging es früher oft auch privatwirtschaftlich. Die 1880 gegründete Compagnie Universell du Canal Interoceanique de Panama (Bild) musste zwar neun Jahre später bereits Konkurs anmelden. Aber in dieser Zeit wurde immerhin ein Sechstel der Erdmassen bewegt. Ein zweiter privatwirtschaftlicher Versuch der Compagnie Nouvelle du Canal de Panama verkaufte seinen Kanal, der zu 40 Prozent fertiggestellt war, 1902 an die USA, die ihn bis 1914 fertigstellten. (Bildquelle: markteinblicke.de)

Reichsbankschatz. Bis zur Wiedervereinigung war der Markt mit deutschen historischen Vorkriegs-Wertpapieren überschaubar. Das lag daran, dass nur wenige Papiere den Zweiten Weltkrieg auf Dachböden oder westdeutschen Tresoren überdauert hatten. Das änderte sich, als das Bundesamt zur Regelung offener Vermögensfragen Mitte der 1990er Jahre die bis dahin im verborgenen gelagerten Wertpapiere der früheren Reichsbank zur „Verwertung“ freigab und der „Reichsbankschatz“ gehoben wurde.

In mehreren Auktionsrunden wurden die tausende Papiere nach und nach auf den Markt geworfen. Dennoch sorgte die Flut an Aktien aus der Zeit von 1781 bis 1945 für einen nicht gekannten Preisverfall. Allerdings stellt der Reichsbankschatz auch ein bedeutendes Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte dar, denn nicht alle Papiere aus der Vorkriegszeit waren überhaupt im Westen bekannt bzw. in großer Stückzahl vorhanden gewesen.

Vielfältiges Sammeln. Die Vielfältigkeit der Historischen Wertpapiere erlaubt es Sammlern und Anlegern gleichermaßen, auf die unterschiedlichsten Themen zu setzen. Neben einzelnen Ländern oder Regionen bieten sich auch spezielle Branchen zum Sammeln an. Klassische Gebiete sind etwa Brauereien, Eisenbahngesellschaften oder Banken.


ME-TIPP
Mehr über historische Wertpapiere aus Deutschland finden Sie auf den Seiten des Historic Stocks Market Index sowie den Seiten zum Reichsbankschatz.

www.hstm-index.de
www.reichsbankschatz.de


Für Einsteiger bieten sich vor allem europäische Unternehmen an, da deren Papiere gut verfügbar sind, aber nicht in dem Maße existent sind, wie US-Aktien. Da amerikanische Aktien meist als Namensaktien ausgestaltet sind, musste bei jedem Verkauf ein neues Wertpapier mit dem Namen des neuen Besitzers versehen werden. Auf diese Weise existiert eine große Anzahl an US-Papieren, die jedoch aus dekorativen Aspekten wenig zu bieten haben.

Aus der Badischen Anilin und Soda Fabrik wurde inzwischen die BASF – der größte Chemiekonzern der Welt. (Bildquelle: markteinblicke.de)

Für Einsteiger mit Schwerpunkt Deutschland bietet der Reichsbankschatz die Möglichkeit, schnell eine große Menge an interessanten Papieren zu finden. Wertsteigerungen sind hier allerdings aufgrund der Masse vielfach begrenzt. Allerdings lohnt es sich, genau hinzusehen. Papiere, die nicht aus dem Reichsbankschatz entstammen, haben zum Teil eine andere Entwertung und sind dadurch deutlich wertvoller.

Einblicke in das Preisgefüge geben neben dem Blick in eBay die zahlreichen Auktionen etablierter Experten, die zum Teil auch online verfolgt werden können. Mithilfe der oftmals sehr schön gestalteten Auktionskataloge lässt sich ein guter Überblick über die aktuelle Spanne von Angebot und Nachfrage gewinnen.

Fazit. Aktienfans kann man ansonsten nur raten, sich einmal einige schöne Stücke auszusuchen und zu Dekorationszwecken aufzuhängen. Manche Stücke sind wahre Kunstwerke, da es etwa in Belgien üblich war, die Aktien von renommierten Künstlern gestalten zu lassen. Historische Wertpapiere bieten also nicht nur etwas für den Investor mit Renditeanspruch, sondern auch für den Sammler mit Sinn für Optik.

Dieser Beitrag ist ein Stück aus marktEINBLICKE – dem Quartals-Magazin für Geldanlage und Lebensart. Erhältlich am Kiosk, als Online-Ausgabe oder im Abo. shop.markteinblicke.de

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