Bildquelle: Pressefoto Europäische Zentralbank

EZB-Präsident Mario Draghi steht vor einem großen Dilemma: Ausgerechnet jetzt, wo die lockere Geldpolitik eigentlich wieder zurückgefahren werden soll, droht der nächste Konjunkturabsturz. Werden Nullzinsen in Europa zum Dauerzustand?

Dass sich EZB-Präsident Mario Draghi nicht sehr wohl fühlt, konnte man ihm bei der Pressekonferenz zum EZB-Zinsentscheid in der vergangenen Woche stellenweise sehr deutlich ansehen. Betrachtet man das Dilemma, auf das sich die Währungshüter in der Eurozone zubewegen, ist die schlechte Stimmung durchaus verständlich.

Denn ausgerechnet jetzt, wo der Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik auch in der Eurozone konkreter werden sollte, könnten eben die Voraussetzungen für ein Ende der Orgien des billigen Geldes wegbrechen.

Die Anleihekäufe der EZB sollen noch bis mindestens September gehen, und ab dem kommenden Jahr hätten dann eigentlich die Leitzinsen auch in der Eurozone wieder steigen können, so die Erwartung vieler Marktteilnehmer. Eigentlich höchste Zeit, dass die EZB eine Ausstiegsstrategie erarbeitet und den Markt darauf vorbereitet, wie die Geldpolitik in den kommenden Jahren aussehen soll. Doch die EZB rührt vorerst keinen Finger und hat bei der Ratssitzung in der vergangenen Woche nicht einmal über eine Änderung der Geldpolitik gesprochen, wie Draghi sagte.

Das Zögern der EZB ist verständlich. Denn während Draghi in der Vergangenheit am Liebsten auf die Erfolge der lockeren Geldpolitik verwies, holt ihn nun die Realität ein: Die Konjunktur in der Eurozone hat sich seit Jahresbeginn rapide eingetrübt. Draghi macht keinen Hehl daraus, dass man deswegen „besorgt“ sei und die Entwicklung genau beobachte. Die Eintrübung betrifft praktisch alle Länder der Eurozone und alle wirtschaftlichen Sektoren, wie Draghi feststellte.

Auch der deutschen Konjunktur könnte ein Absturz bevorstehen, wenn man einen Blick auf das ifo-Geschäftsklima wirft. Im April gab der wichtigste Stimmungsindikator der deutschen Wirtschaft bereits den fünften Monat in Folge nach. Ein Blick auf den längerfristigen Verlauf zeigt sehr deutlich, dass der jahrelange Aufschwung wohl zu Ende sein dürfte.

Mithilfe eines mathematischen Modells lässt sich aus dem ifo-Geschäftsklima eine Wahrscheinlichkeit errechnen, dass die deutsche Wirtschaft im jeweiligen Monat gewachsen ist. Das Ergebnis: Zum ersten Mal seit zwei Jahren dürfte die deutsche Wirtschaft im März und April 2018 nicht mehr gewachsen sein.

Die EZB steht vor einem großen Dilemma. Ausgerechnet jetzt, wo der Markt eigentlich eine Ausstiegsstrategie aus der ultralockeren Geldpolitik erwartet, droht der Wirtschaft in Europa die Puste auszugehen.

Zwar ist die EZB gut beraten, ihre Geldpolitik nicht von einzelnen monatlichen Datenpunkten abhängig zu machen, sondern sich auf die mittel- bis langfristige Entwicklung zu konzentrieren. Trotzdem könnte es sein, dass die EZB den idealen Zeitpunkt für das Ende der ultralockeren Geldpolitik bereits verpasst hat und die nächste Krise vor der Haustüre steht. Würde ausgerechnet dann auch noch die ultralockere Geldpolitik zurückgefahren, könnte ein Crash epochaler Ausmaße drohen – zumal die zugrundeliegenden Schwächen Europas wie mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und hohe Verschuldung in den vergangenen Jahren nicht oder nur sehr unzureichend bekämpft wurden. Man möchte derzeit nicht in der Haut von EZB-Präsident Mario Draghi stecken.

Autor: Oliver Baron, Redakteur bei GodmodeTrader.de

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