Ist Ihnen auch schwindelig geworden ob der unendlich großen Zahlen, die in den letzten Wochen durch die Nachrichten gegeistert sind? Nahezu über Nacht wurden 1 Billion Euro zur Verfügung gestellt, um hälftig in unsere Verteidigung und zur anderen Hälfte in Infrastruktur, nachhaltige Projekte und die Finanzierung der Kommunen investiert zu werden. Die Leichtigkeit, mit der diese Entscheidungen „durchgepeitscht“ worden sind, lässt einen erstaunt zurück.
Lässt man das Politische einmal außen vor und ebenso unbeachtet, welche Versprechen von welcher Partei vor der Bundestagswahl gemacht wurden, und wendet man den Blick vielmehr ausschließlich in die Zukunft, vermag dieses Billionen-Paket vielleicht tatsächlich die Initialzündung für etwas Gutes und vor allem Besseres zu sein. Verschiedene Wirtschaftsforschungsinstitute sehen insofern auch einen unmittelbaren Impact des Investitionspakets auf unser Bruttoinlandsprodukt. Auch wenn die Effekte dabei unterschiedlich bewertet werden, steht aber immer ein Plus unter dem Strich.
Wer das Ganze und damit letztendlich die Zeche bezahlen muss, steht heute schon fest. Man kann nur hoffen, dass das Mehr an Wachstum tatsächlich dauerhaft und damit nachhaltig vermag, die hohen Schulden zu rechtfertigen und diese auch abzubezahlen. Ansonsten gilt der bekannte Satz, dass die Schulden von heute die Steuererhöhungen von morgen sind.
Interessant und bedenklich ist, dass nicht schon viel früher und damit unabhängig von der Sicherheitslage in Europa dafür gesorgt wurde, mehr Kapital für Wachstum zur Verfügung zu stellen. Natürlich war es jetzt die konkrete Gefahr, dass wir in Europa nicht mehr unter dem Schutzschirm der USA stehen könnten, der dazu geführt hat, dass wir mehr Geld in unsere Verteidigungsfähigkeit investieren müssen. Das beantwortet aber ganz und gar nicht die Frage, warum nun auch mit mehreren Hundert Milliarden ebenso in Infrastruktur und nachhaltige Projekte Geld gepumpt wird.
Die Frage, warum das nicht vorher passiert ist, mag vielleicht auf den ersten Blick etwas eindimensional erscheinen. Bedenkt man jedoch, dass auf den Sparkonten der europäischen Bürgerinnen und Bürger über 11 Billionen Euro schlummern und damit lediglich Zinsen erzielt werden, die sich unterhalb der Inflationsrate bewegen und somit im Endeffekt Wert vernichten, erscheint die Frage dann doch in einem ganz anderen Licht.
Dazu passt, dass ich vor rund 15 Jahren, damals noch gemeinsam mit dem Entwicklungshilfeministerium in Peking unterwegs, war, um der chinesischen Regierung zu erklären, wie die Anlegerschutzsysteme in Deutschland und Europa funktionieren. Der Hintergrund dabei war, dass die chinesische Regierung seinerzeit die Spareinlagen der chinesischen Bürgerinnen und Bürger aktivieren wollte, um diese für die heimische Wirtschaft und damit für Wachstum nutzbar zu machen. Bedenkt man, dass die Sparquote in China deutlich höher ist als hierzulande, war das ein smarter Plan.
Erstaunlich, dass wir es hierzulande und auch in Europa nicht schaffen, die Bürgerinnen und Bürger zu animieren und zu aktivieren, ihr Erspartes für eine bessere Zukunft zur Verfügung zu stellen und zugleich für sich eine Rendite zu erwirtschaften.
Auf EU-Ebene gibt es schon seit langer Zeit den Plan einer Kapitalmarktunion, die über die EU-Grenzen hinweg einen einheitlichen Kapitalmarkt in der Europäischen Union auch für Privatanleger ermöglichen soll. So alt der Plan ist, so weit sind wir auch von dessen Realisierung entfernt. Nun hat man sich in der EU von der ursprünglichen Idee einer Kapitalmarktunion verabschiedet. Das neue Projekt trägt den Namen „Savings- und Investment-Union“. Dabei geht es weniger um die Frage der Organisation eines einheitlichen Kapitalmarkts in Europa, sondern vielmehr um die Frage, wie man mehr privates Kapital für Investitionen in Europas Wirtschaft lenken kann. Das hehre Ziel einer grenzüberschreitenden Investition von europäischen Bürgerinnen und Bürgern hat also einen neuen Namen bekommen – am Ende soll das Ergebnis aber dasselbe sein wie bisher. Europäische Bürger sollen ihr Erspartes für europäische Projekte und die europäische Wirtschaft zur Verfügung stellen und eine gute Zukunft mitgestalten.
Der Weg dahin ist sicherlich noch weit. Die Lösung liegt aber eigentlich auf der Hand: Stellt man sich vor, es gäbe ein Anlageprodukt, das ganz bewusst und zudem ohne Einfluss der Politik in europäische Großprojekte, zum Beispiel im Bereich der Infrastruktur, investiert, könnte man dabei mit recht sicheren Renditen rechnen. Die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit europäischen Projekten wäre deutlich höher und könnte die Aufmerksamkeit für die europäische Idee nochmals stärken und sogar aufflammen lassen.
Wenn man sich vor Augen führt, dass über 11 Billionen Euro als Spareinlagen und Guthaben in der Europäischen Union vorhanden sind, mag man sich gar nicht ausmalen, was es bedeuten würde, wenn nur 20 Prozent davon in europäische Zukunftsprojekte fließen. Zugleich erscheinen dann auch die in Deutschland frisch freigesetzten Mittel in Höhe von 1 Billion Euro plötzlich nicht mehr ganz so groß. Denn dann reden wir bereits über 2,2 Billionen Euro an ungenutztem Potenzial.
Und das besonders Schöne daran: Das alles wäre sogar ohne die Gefahr künftiger Steuererhöhungen möglich, weil das Konjunkturprogramm und die Investitionen nicht durch Schulden, sondern durch bereits vorhandenes Kapital der EU-Bürger finanziert würden. Insofern sollten wir uns nicht zu sehr von den großen Zahlen erschrecken lassen und in Schockstarre verfallen, sondern vielmehr schauen, wie wir selbst für unsere Gemeinschaft und zugleich für unser Portemonnaie mit unser aller Geld einen Mehrwert schaffen können.
Ein Beitrag von Marc Tüngler
Er ist Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V. (DSW) und ist ein profunder Kenner des deutschen Aktienmarktes. Als Redner und Aktionärsvertreter auf vielen Hauptversammlungen weiß er um die Befindlichkeiten von Vorständen und Aktionären.
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