Die Frage nach der Jahresendrallye

Die Jahresendrallye wirkt greifbar, doch die Märkte schwanken zwischen Euphorie und Vorsicht. Warum hohe Bewertungen und politische Risiken den Endspurt spannender machen als gewohnt.

(Bildquelle: Pressefoto Deutsche Börse AG)

Liebe Leserinnen und Leser,

kaum jemand wünscht sich sie nicht – eine schöne Jahresendrallye an den Börsen. Doch aktuell scheint der Markt erst einmal auf Standby zu gehen: Eine Mischung aus Hoffnung, Vorsicht und dem Bewusstsein, dass jeder Berganstieg auch Pausen kennt.

Anlegerpsychologie im Schlusslauf des Jahres

In diesem Jahr haben die großen Indizes bereits eine stattliche Performance gezeigt. Während der US‑Leitindex S&P 500 zirka 14 Prozent im Plus liegt, steht der heimische DAX bei rund 18 Prozent. Zwei Werte also, die den historischen Durchschnitt deutlich übersteigen. Doch was heißt das?

Es heißt: Wer jetzt aus der Reihe tanzt, könnte am Ende der Rallye stehen oder abgesprungen sein. Die psychologische Dynamik verschiebt sich: Rücksetzer werden zunehmend nicht als Risiko, sondern als Nachkaufchancen wahrgenommen. Die berühmt‑berüchtigte „Buy‑the‑Dip“-Mentalität macht sich breit. Klartext: Sollte die Party starten, wollen viele Gäste schon den Hut auf haben.

Die Gründe für vorsichtigen Optimismus

Die Rahmenbedingungen passen: Die Inflation bleibt kontrolliert, Zollpolitik liefert keine neuen Überraschungen, Zinsfantasien könnten tatsächlich in eine Lockerungsphase münden. Hinzu kommt: In den USA wachsen die Gewinnerwartungen kräftig.

Für 2026 werden im S&P 500 Gewinne von über 13 Prozent prognostiziert, in Europa immerhin rund 9 Prozent. Noch wichtiger ist: Das vierte Quartal ist historisch oft eine starke Phase für Aktien. Und bei geopolitischer Entspannung dürfen Risikowetten wieder platziert werden.

Die Gründe fürs Bremsen – oder zumindest fürs Anschnallen

Doch bevor die Party losgeht sei eines auch erwähnt: Die Bewertungen sind hoch. Sehr hoch. Das Kurs‑Gewinn‑Verhältnis (Forward) beim US‑Index S&P 500 liegt weit über dem Langzeitschnitt. Die KI‑Thematik wird omnipräsent gehandelt, viele Investoren haben das Upgrade schon im Kurs eingepreist.

Gleichzeitig lauern Risiken. Die Unsicherheit um eine Zinsentscheidung im Dezember macht den Markt empfindlich. Je höher die Bewertung, desto kleiner der Spielraum für Überraschungen. Und kleine Überraschungen kosten heute schneller als früher.

Das marktEINBLICKE-Fazit

Was heißt das konkret für Sie? Geduld ist wichtiger denn je. Schwankungen werden bleiben – auch ohne Crashszenario. In solchen Zeiten gewinnen Instrumente wie Absicherung, gezielte Portfolioanpassung und Flexibilität an Bedeutung.

Das gilt insbesondere für aktive Investoren. Langfristige Anleger sollten hingegen nicht wild umherhüpfen, sondern einen Blick auf die Strategie werfen: Qualität statt Quantität, Substanz statt Spektakel. Ob die Jahresendrallye nun kommt oder nicht würde langfristig betrachtet kaum einen Unterschied machen – wenn das Fundament steht.

In diesem Sinne,

Ihre marktEINBLICKE-Herausgeber
Christoph A. Scherbaum & Marc. O. Schmidt

P.S. Alle Daten der Daten der kommenden Handelswoche und Prognosen finden Sie in unserem Wirtschaftskalender.