neulich saßen wir mit einem Bekannten beim Glühwein auf dem Ludwigsburger Weihnachtsmarkt. Zwischen Bratwurst und Lebkuchen kam das Gespräch – wie könnte es anders sein – auf die Börse. „Läuft doch“, sagte er mit einem zufriedenen Grinsen, „mein Depot hat dieses Jahr richtig zugelegt.“ Dann kam die unvermeidliche Frage: „Meint ihr, das geht 2026 weiter?“
Wir mussten beide schmunzeln. Denn genau diese Mischung aus Euphorie und Unsicherheit beschreibt die aktuelle Stimmung perfekt. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 62 Prozent der deutschen Privatanleger blicken optimistisch auf 2026, wie die jüngste Retail-Investor-Beat-Umfrage von eToro zeigt. Zum Vergleich: Global sind es nur 56 Prozent. Wir Deutschen – traditionell eher bekannt für Sparbuch-Romantik und Risiko-Aversion – haben offenbar Blut geleckt. 82 Prozent zeigen sich zuversichtlich in Bezug auf ihr Portfolio.
Das Ende der Sparbuch-Ära
Pascal Nörrenberg von eToro, bringt es schön auf den Punkt: „Angesichts des traditionell stark ausgeprägten Sicherheitsbedürfnisses in Deutschland – wo das Sparbuch jahrzehntelang zu den beliebtesten Anlageformen gehörte – ist diese Entwicklung bemerkenswert.“ Tatsächlich erleben wir gerade einen historischen Wandel. Die Generation, die noch mit dem Weltspartag groß geworden ist, investiert plötzlich in Wachstumstitel und Krypto-Assets. 46 Prozent der Generation Z und 31 Prozent der Millennials planen sogar, ihre Investitionen 2026 zu erhöhen.
Doch bei aller Euphorie – und hier wird es interessant – haben die Anleger durchaus ein Gespür für die Risiken entwickelt. 48 Prozent nennen politische Unsicherheit als größte Bedrohung, 40 Prozent fürchten geopolitische Instabilität oder Krieg, 33 Prozent sorgen sich um nachlassendes Wirtschaftswachstum. Nörrenberg kommentiert trocken: „Privatanleger haben sich jedoch auf dieses neue Gleichgewicht eingestellt und reagieren immer weniger sensibel auf Breaking News aus Washington.“
KI – Blase oder Jahrhundertchance?
Die spannendste Anleger-Frage für 2026 bleibt wohl die nach der künstlichen Intelligenz. Daniel Morris, Chief Market Strategist bei BNP Paribas Asset Management, bleibt hier gelassen optimistisch: „Wir glauben, dass die Gewinne von Technologieunternehmen im nächsten Jahr weiterhin robust, wenn auch langsamer, steigen werden, da die Revolution der künstlichen Intelligenz weiterhin hohe Kapitalausgaben und letztendlich Gewinne in allen Sektoren nach sich zieht.“
Der Clou dabei: Die wirkliche KI-Dividende kommt nicht aus dem Silicon Valley, sondern aus der Breite. Morris erklärt: „Die größten Auswirkungen von KI werden sich letztendlich in anderen Wirtschaftsbereichen zeigen, wenn Unternehmen die Technologie zur Steigerung des Gewinnwachstums einsetzen.“ Heißt:
Also weniger „Magnificent Seven“, mehr produktivere Mittelständler, effizientere Logistiker, smartere Versicherer.
Und falls die KI-Blase doch platzt? Morris winkt ab: „Sollte es sich bei KI tatsächlich um eine Blase handeln, die bald platzen wird, werden die Bewertungen schnell fallen, aber die Zinssätze dürften keinen Abschwung wie im Jahr 2022 auslösen, da die Federal Reserve plant, den Leitzins im nächsten Jahr zu senken, anstatt ihn zu erhöhen.“ Anders gesagt: Diesmal steht die Fed auf der Seite der Anleger, nicht gegen sie.
Die Zinsfrage – 35 gegen 28
Zurück zur Umfrage unter Deutschlands Anleger: Bei den Zinserwartungen herrscht Uneinigkeit: 35 Prozent der deutschen Anleger erwarten sinkende Zinsen, 28 Prozent rechnen mit steigenden. Das ist bemerkenswert unentschieden und zeigt: Niemand weiß es wirklich. Die Fed selbst gibt sich vage, die EZB laviert zwischen Inflationssorgen und Wachstumsschwäche. Immerhin: 44 Prozent haben ihre Portfolios bereits an den Zinssenkungszyklus angepasst.
Die Favoriten für 2026? Die deutschen Anleger sagen: Wachstumstitel (27 Prozent), Krypto-Assets (24 Prozent) – ja, Sie lesen richtig –, Rohstoffe wie Gold und Öl (22 Prozent), und dann erst dividendenstarke Aktien (15 Prozent). Das zeigt: Die Risikobereitschaft ist da, aber auch der Wunsch nach Diversifikation.
US-Markt: die große Kluft
Ein Blick in die USA offenbart eine erstaunliche Schere: Der Nasdaq 100 legte seit Juli bis Ende Oktober um satte 50 Prozent zu, während der Russell 1000 Value nur halb so viel schaffte. Technologie frisst die Welt, könnte man meinen.
Doch Morris mahnt zur Vorsicht: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des Russell-Index ist mittlerweile „ungewöhnlich hoch“. Die Bewertungen beim Nasdaq hingegen sind zwar hoch, aber im Verhältnis zum Gewinnwachstum gerechtfertigt.
Zurück zu unserem Bekannten auf dem Weihnachtsmarkt. Was haben wir ihm geantwortet? „Es läuft – aber sei nicht leichtsinnig.“ 2026 wird kein Jahr der spektakulären Durchbrüche, sondern der geduldigen Diversifikation. Die US-Tech-Giganten bleiben stark, aber nicht alternativlos. Schwellenländer bieten Aufholpotenzial, europäische Nebenwerte könnten überraschen, Gold bleibt als Absicherung wichtig.
Und für alle, die keine Lust auf tägliches Portfolio-Monitoring haben? Hier kommen unsere Baustein-Aktien ins Spiel. Das sind keine schnellen Trades, sondern solide, dividendenstarke Qualitätsunternehmen mit starken Bilanzen – die Art von Investments, die man kauft und dann in Ruhe arbeiten lässt, während man selbst das Leben genießt. Keine Highflyer, keine Exoten, sondern das Fundament eines langfristig erfolgreichen Depots.
Das marktEINBLICKE-Fazit
Optimismus ja – aber mit Augenmaß: Die Stimmung für 2026 ist gut, vielleicht sogar zu gut. Wenn 62 Prozent optimistisch sind, lohnt es sich, als Contrarian zumindest die Gegenseite zu durchdenken. Doch eines ist klar: Wer heute noch auf dem Sparbuch sitzt, verpasst nicht nur Rendite, sondern einen fundamentalen Wandel im Vermögensaufbau.
Unser Ansatz bleibt pragmatisch: Eine breite Streuung über Regionen und Anlageklassen, ein gesunder Mix aus Wachstum und Stabilität, und ein Portfolio-Kern aus verlässlichen Baustein-Aktien. Diese bilden das Fundament – planbar, defensiv, nicht spektakulär, aber genau das macht ihre Stärke aus. Denn während andere nervös auf jeden Fed-Tweet reagieren, sorgen solide Dividendenzahler für ruhigen Schlaf und kontinuierliche Erträge.
2026 wird spannend. Aber es wird kein Jahr der großen Überraschungen, sondern der klugen Entscheidungen. Wer sein Depot wetterfest aufstellt, kann die kommenden Turbulenzen gelassen aussitzen.
Ihre marktEINBLICKE-Herausgeber
Christoph A. Scherbaum & Marc. O. Schmidt
P.S. Alle Daten der Daten der kommenden Handelswoche und Prognosen finden Sie in unserem Wirtschaftskalender.








