Liebe Leserinnen und Leser,
wir feiern gerade Rekorde, die nach jahrzehntelanger Aktienabstinenz tatsächlich Grund zur Freude geben. Das Deutsche Aktieninstitut meldet 14,1 Millionen Menschen in Deutschland, die in Aktien, ETFs oder Aktienfonds investieren. Ein historisches Hoch.
Die Botschaft ist angekommen: Ohne Aktien keine Altersvorsorge, ohne Teilhabe am Produktivkapital keine Rendite. Die Generation Z, also alle zwischen 14 und 39 Jahren, stellt mittlerweile die größte Anlegergruppe. Fast jeder Zweite unter 40 bespart regelmäßig einen ETF- oder Fondssparplan.
Das klingt fantastisch. Endlich. Endlich! Deutschland wird erwachsen an der Börse.
Aber – und jetzt kommt das große Aber, das uns beim Lesen zweier neuer Studien fast vom Stuhl gehauen hat – wir haben ein massives Generationenproblem. Und zwar genau dort, wo Finanzbildung in Deutschland traditionell stattfindet: am Küchentisch.
Die Eltern sind die Finanz-Gurus der Nation. Leider.
Union Investment hat zusammen mit Professor Oscar Stolper von der Uni Marburg über 2.000 Menschen befragt, darunter 1.006 Vertreter der Gen Z und über 1.000 Eltern. Das Ergebnis könnte man als tragikomisch bezeichnen, wenn es nicht so folgenreich wäre: 71 Prozent der jungen Erwachsenen geben an, dass ihre Eltern die wichtigste Rolle spielen, wenn es um Finanzwissen geht. 77 Prozent vertrauen bei grundsätzlichen Finanzfragen den Eltern. Wenn es konkret um Aktien, Fonds und ETFs geht, nennen 18 Prozent das Elternhaus als Hauptinformationsquelle, 24 Prozent vertrauen deren Ratschlägen am meisten.
Bankberater? 15 Prozent informieren sich dort, 20 Prozent vertrauen ihnen. Social Media, das angeblich allgegenwärtige TikTok und Instagram? Gerade mal zwölf Prozent nutzen es zur Information, nur sieben Prozent vertrauen darauf. Das ist auch eigentlich gut so, denn die meisten Finfluencer habe nur wenig Substanz und so manch Bankberater denkt eigentlich nur an die Produkte seiner Bank, anstatt an den Kunden.
Stattdessen dominiert also die Küchentisch-Finanzberatung die deutsche Anlegergeneration von morgen. Das wäre wunderbar, wenn – ja wenn – Mama und Papa tatsächlich Ahnung hätten.
Das kleine Problem
Jetzt wird es unangenehm: Nur 54 Prozent aller befragten Eltern konnten mindestens zwei von drei simplen Wissensfragen zur Geldanlage in Aktien und Fonds richtig beantworten. Knapp die Hälfte, 46 Prozent, versagte bei zwei oder sogar allen drei Fragen. Anders formuliert: Fast jeder zweite selbsternannte Finanz-Coach am heimischen Esstisch hat keine Ahnung, wovon er oder sie redet.
Bei Eltern, die selbst aktienbasiert anlegen, sieht es besser aus. Hier beantworteten immerhin 69 Prozent mindestens zwei Fragen korrekt. Aber selbst das bedeutet: Ein Drittel der investierenden Eltern gibt Ratschläge, ohne die Grundlagen wirklich zu verstehen.
Das Pikante daran: 89 Prozent aller befragten Eltern sehen sich selbst als wichtigste Ratgeber ihrer Kinder, gerade wenn schulische Finanzbildung fehlt. Mit anderen Worten: Wir haben es mit einer Generation von Finanzcoaches zu tun, die überwiegend selbstbewusst, aber erschreckend schlecht informiert ist.
Der Apfel und das Sparbuch
Die Konsequenzen sind verheerend – und lassen sich direkt in den Vermögensstrukturen ablesen. Die Gen Z kopiert nämlich eins zu eins das Anlageverhalten ihrer Eltern. Kinder von Eltern ohne Aktienerfahrung investieren zu 46 Prozent in Sparkonto, 25 Prozent in Tagesgeld, 21 Prozent in Bausparverträge. Nur 36 Prozent von ihnen finden den Weg an die Börse.
Bei Kindern von Eltern mit Aktienerfahrung dreht sich das Bild komplett: 74 Prozent investieren aktienbasiert, bevorzugt in ETFs (69 Prozent), Aktienfonds (50 Prozent) und – Achtung, Überraschung – zu 36 Prozent in Kryptowährungen. Das heißt:
Die Finanz-DNA wird weitervererbt. Wer am Küchentisch gelernt hat, dass Sparen Sicherheit bedeutet und Aktien Teufelszeug sind, bleibt diesem Muster treu. Wer hingegen Eltern hat, die über Chancen und Diversifikation sprechen, baut ein völlig anderes Depot auf.
Professor Stolper bringt es auf den Punkt: „Hängt Vermögensbildung vom Finanzwissen der Eltern ab, fehlen vielen Kindern solide Startbedingungen.“
Die Generation der Ausbrecher
Es gibt Hoffnung. Etwa ein Drittel der Gen Z investiert aktienbasiert, obwohl die Eltern es nicht tun. Diese „Ausbrecher“ holen sich Rat bei Bankberatern (12 Prozent), in sozialen Medien (11 Prozent) oder bei Freunden (10 Prozent). Die Eltern spielen hier nur noch eine marginale Rolle (7 Prozent).
Aber auch hier lauert ein Problem: 55 Prozent dieser jungen Aktionäre, die ohne elterliche Anlageerfahrung investieren, beantworten nur eine oder keine einzige Wissensfrage richtig. Sie sind risikobereit (50 Prozent beschreiben sich als chancenorientiert), aber ihre Entscheidungen basieren oft nicht auf solidem Wissen, sondern auf Halbwissen aus dem Internet oder gut gemeinten Tipps von Freunden.
Was das für uns alle bedeutet
Die jüngsten Zahlen vom Deutschen Aktieninstitut sollten uns ermutigen. Ja, 2 Millionen neue Aktionäre in einem Jahr sind fantastisch. Ja, die Tatsache, dass jeder Fünfte in Deutschland mittlerweile am Aktienmarkt investiert ist, zeigt:
Die Botschaft kommt an. Sparpläne machen es auch Menschen mit kleinerem Einkommen möglich, kontinuierlich und breit gestreut zu investieren. Die Politik hat mit dem Standortfördergesetz und der geplanten Frühstart-Rente Signale gesetzt. Die EU-Kommission fordert steuerlich geförderte Anlagesparkonten.
Der gesellschaftliche Rückenwind für die Aktie ist da. Die Infrastruktur wird besser. Aber wir haben ein fundamentales Bildungsproblem.
Unser mE-Fazit
Finanzbildung am Küchentisch reicht nicht. Sie kann nicht reichen, wenn die Hälfte der Coaches selbst keine Ahnung hat. Schulische Finanzbildung muss endlich Standard werden, nicht Kür. Und gleichzeitig brauchen wir qualifizierte, unabhängige Beratung für die junge Generation – gerade mit Blick auf die Altersvorsorge.
Denn was nützen uns 14 Millionen Aktionäre, wenn Millionen davon auf der Grundlage von Halbwissen oder falschen Ratschlägen investieren? Was hilft es, wenn die einen zu risikoscheu bleiben, weil Mama immer sagte „Aktien sind Zockerei“, während die anderen zu risikofreudig werden, weil TikTok-Finanzgurus schnelle Gewinne versprechen?
Deutschland ist auf einem guten Weg. Aber ohne systematische Finanzbildung wird der Apfel weiterhin nicht weit vom Sparbuch fallen. Und das können wir uns in Zeiten von Inflation, Rentenlücke und demografischem Wandel wirklich nicht leisten.
In diesem Sinne: Sprechen Sie mit Ihren Eltern. Oder besser noch: Sprechen Sie mit Ihren Kindern – über den langfristigen Vermögensaufbau mit Baustein-Aktien.
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