Liebe Leserinnen und Leser,
Deutschland liebt ETFs. Das ist keine Übertreibung, sondern ein harter Fakt: Mit rund 500 Mrd. Euro ETF-Vermögen zur Jahresmitte 2025 ist die Bundesrepublik laut Daten von BVI und Clearstream zum größten ETF-Markt Europas aufgestiegen und vereint knapp ein Viertel des gesamten europäischen ETF-Markts auf sich.
Jede fünfte Person ab 14 Jahren investiert hierzulande inzwischen direkt oder indirekt am Aktienmarkt. So viele wie nie zuvor. Der Markt wächst um rund 20 Prozent jährlich und verdoppelt sich damit etwa alle fünf Jahre. Und mit der geplanten Rentenreform, die ETFs ab 2027 als zentrales Instrument der staatlich geförderten Altersvorsorge etablieren soll, dürfte sich dieser Trend noch beschleunigen.
Das ist, auf den ersten Blick, eine hervorragende Nachricht.
Die Aktienkultur in Deutschland – lange Zeit ein Fremdwort – scheint endlich anzukommen. Besonders junge Anleger zwischen 18 und 34 Jahren investieren enthusiastisch über Neobroker und Sparpläne, halten rund drei Viertel ihres Vermögens in ETFs, sparen monatlich im Schnitt fast 450 Euro und haben dabei vier Sparpläne gleichzeitig laufen. Das klingt nach vorbildlicher Altersvorsorge.
Doch wir sagen: Treten wir als Anlegerschaft ein bisschen auf die Euphoriebremse. Denn hinter der glänzenden Oberfläche dieses ETF-Booms lauern strukturelle Risiken, über die kaum gesprochen wird und die gerade dann gefährlich werden, wenn man sie am wenigsten erwartet.
Das stille Systemrisiko: Wenn alle dasselbe kaufen
Das grundlegende Problem von ETFs ist ihr größter Vorteil: Sie bilden vor allem Indizes nach. Der MSCI World liegt bei deutschen Privatanlegern wenig überraschend ganz vorne, gefolgt von breiten Standardindizes und thematischen Produkten. Zwischen Mitte 2023 und Mitte 2025 flossen fast 90 Prozent der neu in Publikumsfonds angelegten Gelder in ETFs. Das bedeutet im Klartext: Hunderte Milliarden Euro bewegen sich im Gleichschritt.
Was passiert, wenn alle denselben Index besparen und dieser Index in Turbulenzen gerät? Dann verkaufen – vereinfacht gesprochen – alle zur selben Zeit. Indexfonds müssen die im Index enthaltenen Wertpapiere proportional halten.
Bricht ein Markt ein und Anleger beginnen massenhaft Anteile zu verkaufen, müssen ETF-Anbieter die zugrunde liegenden Aktien ebenfalls verkaufen. Das verstärkt den Kursrückgang, was weitere Anleger zum Verkauf veranlasst – eine selbstverstärkende Abwärtsspirale, die Fachleute als „Crowding-Effekt“ bezeichnen.
In ruhigen Phasen ist das irrelevant. Aber an den Märkten gibt es keine ewige Ruhe. Bekannte Kursmarken – technische Unterstützungsniveaus –, die von Algorithmen und regelbasierten Handelssystemen beobachtet werden, können zu Triggerpunkten für automatische Verkaufsorders werden.
Wird der breite US-Index S&P 500 unter eine wichtige gleitende Durchschnittslinie gedrückt, lösen Dutzende automatisierter Systeme gleichzeitig Verkaufssignale aus. ETFs auf diesen Index müssen folgen. Die Abwärtsbewegung beschleunigt sich. Der Markt verkauft sich quasi selbst.
Hochkorrelation: Das Ende der Diversifikation
Hinzu kommt ein weiteres, oft unterschätztes Problem: ETFs sorgen für eine zunehmende Korrelation aller enthaltenen Wertpapiere. Wenn alle Anleger über breit gestreute Index-ETFs investieren, steigen und fallen alle Aktien im Index gemeinsam.
Der MSCI World enthält rund 1.400 Unternehmen aus 23 Industrieländern – eigentlich die Definition von Diversifikation. Aber: US-Aktien machen aktuell rund 70 bis 72 Prozent des Index aus (je nach Stichtag leicht schwankend). Das bedeutet: Obwohl es ein „Welt“-Index ist, dominiert der US-Markt sehr deutlich. Vor allem wegen der hohen Marktkapitalisierung der bekannten amerikanische Tech-Konzerne, die wiederum 20 Prozent des Gesamtindex ausmachen.
In vorherigen Krisenzeiten zeigte sich schon: Eine hohe Korrelation macht diese Streuung illusorisch. In der Corona-Krise von März 2020 verlor der MSCI World binnen weniger Wochen rund 34 Prozent. Nahezu alle Sektoren, nahezu alle Regionen, nahezu alle Stile – alles fiel gleichzeitig. Die vermeintliche Diversifikation verschwand genau dann, als man sie am dringendsten brauchte.
Das Paradoxon ist beunruhigend: Je mehr Anleger in dieselben Index-ETFs investieren, desto stärker bewegen sich die enthaltenen Aktien im Gleichschritt und desto weniger Schutz bietet die scheinbare Streuung. Akademische Studien belegen, dass die Korrelation zwischen Aktien in breit gefassten Indizes in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, nicht zuletzt wegen der wachsenden ETF-Dominanz.
Die Bewertungsfrage: Was kauft man eigentlich?
Ein dritter blinder Fleck: ETFs kaufen alles, bedingungslos, proportional zur Marktkapitalisierung. Der größte Anteil im MSCI World entfällt auf die teuersten Unternehmen. Also oft genau jene, die am stärksten bewertet sind. Wer heute einen breiten Aktien-ETF kauft, investiert automatisch überproportional in Unternehmen mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 40, 50 oder höher. Ob diese Bewertungen gerechtfertigt sind, ist dem Index egal. Er kennt keine Meinung, keine Analyse, kein Urteil. Er kauft, was groß ist.
Das ist in steigenden Märkten wunderbar. In fallenden Märkten bedeutet es: Die größten Positionen im Portfolio sind oft genau jene Titel, die am stärksten korrigieren, weil sie am stärksten überteuert waren.
Rentenreform und die Gefahr der Monokultur
Die geplante Rentenreform der Bundesregierung sieht ETFs als zentrales Instrument für die geförderte private Altersvorsorge vor. Das ist grundsätzlich begrüßenswert. Besser als das Sparbuch, besser als die klassische Lebensversicherung.
Aber wenn Millionen von Deutschen ab 2027 staatlich gefördert in dieselben ETFs einzahlen, entsteht eine Monokultur, die systemische Risiken potenziell noch verstärkt. Die Schwarmintelligenz wird zum Schwarmproblem, wenn alle in eine Richtung rennen.
Ein Fundament, das ETFs nicht ersetzen können
Was bedeutet das für Sie als langfristigen Anleger? Die Antwort ist keine generelle ETF-Kritik, sondern ein Plädoyer für Differenzierung. ETFs sind ein nützliches Instrument. Als Beimischung, als kostengünstiger Zugang zu Trends, Branchen oder Regionen. Ein KI-ETF, ein Infrastruktur-ETF, ein europäischer Small-Cap-ETF – solche thematischen Produkte können ein Portfolio bereichern und kostengünstig Diversifikation ermöglichen.
Doch das Fundament eines langfristigen Depots, das echten Schutz vor Marktstürmen bietet, sollte zum überwiegenden Teil aus etwas anderem bestehen: aus Baustein-Aktien. Aus soliden, etablierten Unternehmen mit nachweisbaren Wettbewerbsvorteilen, stabilen Cashflows, zuverlässigen Dividenden und der Fähigkeit, Krisen nicht nur zu überstehen, sondern gestärkt aus ihnen hervorzugehen.
Unternehmen, die keiner Automatik folgen müssen, wenn der Index fällt. Unternehmen, die bewertet und analysiert werden können – deren Wert nicht einfach in einem Index-Strudel mitgerissen wird.
Wer ausschließlich auf ETFs setzt, delegiert nicht nur seine Anlageentscheidung an einen Algorithmus. Er gibt auch seine Unabhängigkeit von der Marktbewegung auf. Denn ein ETF kann nicht entscheiden, dass ein Unternehmen trotz Kursrückgang fundamental stark ist. Er verkauft es – weil der Index es vorschreibt.
Das mE-Fazit
ETFs als Beimischung: Ja. Als einziges Fundament: Nein.
Die ETF-Euphorie in Deutschland ist verständlich – und in Teilen berechtigt. Günstige Kosten, breite Streuung, einfache Handhabung: Das sind echte Vorteile. Doch wer seinen gesamten Vermögensaufbau für die Altersvorsorge allein auf ETFs stützt, baut auf Sand – und unterschätzt die strukturellen Risiken, die im Gleichschritt von Millionen Anlegern lauern.
Baustein-Aktien bleiben das Fundament eines wetterfesten Portfolios. ETFs ergänzen dieses Fundament hervorragend, wenn es darum geht, Trends, Branchen oder Regionen abzubilden. Aber sie ersetzen es nicht. Denn das Fundament trägt das Haus, nicht die Dekoration.
In diesem Sinne, ein erholsames Wochenende und kluge Entscheidungen für die kommenden Wochen
Ihre marktEINBLICKE-Herausgeber
Christoph A. Scherbaum & Marc. O. Schmidt
P.S. Alle Daten der Daten der kommenden Handelswoche und Prognosen finden Sie in unserem Wirtschaftskalender.








