Europas Verteidigungsaktien: Elektronik auf dem Vormarsch

Europas Verteidigungsaktien erleben eine Neubewertung – doch das Wachstumspotenzial ist laut Experten noch lange nicht ausgeschöpft. Besonders Elektronik- und C4ISR-Systeme rücken in den Fokus.

Das Luftverteidigungsradar TRML-4D (Bildquelle: Pressefoto Hensoldt)

Europäische Verteidigungsaktien haben eine bemerkenswerte Neubewertung erfahren. Trotz der deutlichen Kursgewinne spiegeln die Bewertungen aus unserer Sicht bislang nur das untere Ende eines realistischen Wachstumsszenarios für die kommenden zehn bis fünfzehn Jahre wider.

Der Anstieg der Verteidigungsausgaben – von unter 2 Prozent des BIP vor 2020 hin zu 3 Prozent und perspektivisch darüber – ist zwar von den Märkten teilweise eingepreist. Diese Betrachtung erfasst jedoch nur einen Teil des Potenzials. Zusätzliche Aufwärtschancen ergeben sich aus Veränderungen im Beschaffungsverhalten sowie aus der Zusammensetzung der Verteidigungsausgaben.

Unsere Analyse zeigt, dass europäische Rüstungsunternehmen mindestens für die nächsten 5 bis 10 Jahre mit einem zweistelligen Wachstum rechnen können. Selbst ein moderater Anstieg der Verteidigungsausgaben von 2 Prozent auf 3 Prozent des BIP stützt ein Wachstum im niedrigen zweistelligen Prozentbereich für den Sektor. Zwei besonders wirkungsvolle, bislang unterschätzte „Wachstumsmultiplikatoren“ könnten zusätzliches Aufwärtspotenzial schaffen:

  • Anstieg der Ausrüstungsintensität: Derzeit werden nur etwa 30-35 Prozent der Verteidigungsbudgets für Ausrüstung aufgewendet, was angesichts der Modernisierung der Streitkräfte erheblichen Spielraum lässt.
  • „Buy Europe“-Beschaffung: Von diesen Ausgaben für Ausrüstung flossen in der Vergangenheit lediglich etwa 30 Prozent an europäische Anbieter, bedingt durch die starke Abhängigkeit von US-Unternehmen. Die EU-Kommission hat dieses Ziel angehoben und strebt an, bis 2030 rund 50 Prozent und bis 2035 etwa 60 Prozent bei europäischen Lieferanten zu investieren.
Software gestaltet die Zukunft der Verteidigung (Bildquelle: Pressefoto Hensoldt)

Diese Dynamiken untermauern das Potenzial für ein nachhaltiges Wachstum im mittleren bis hohen Zehnerprozentbereich, wobei Aufwärtsszenarien in bestimmten Phasen sogar in den niedrigen 20-Prozent-Bereich reichen können. Diese Einschätzung wird durch jüngste Kapitalmarkt-Updates führender europäischer Verteidigungsunternehmen gestützt, die das Vertrauen des Managements widerspiegeln, dass politische Verpflichtungen in konkrete Aufträge münden werden.

Verteidigungselektronik gewinnt strukturell an Bedeutung

Nicht alle Engagements im Verteidigungssektor sind gleichwertig. Da Automatisierung, Cyberfähigkeiten und elektronische Abschreckung eine immer zentralere Rolle in der Kriegsführung einnehmen, gewinnt Verteidigungselektronik strukturell stärker an Bedeutung als traditionelle Hardware wie Panzer oder Munition. Letztere hat zwar das jüngste Wachstum vorangetrieben, bietet aber eine geringere Nachhaltigkeit.

Wir bevorzugen elektronische Systeme mit langen Zyklen gegenüber Verbrauchsgütern mit kurzem Lebenszyklus. Diese langfristig angelegten elektronischen Systeme werden häufig als C4ISR bezeichnet (Command, Control, Communications, Computers, Intelligence, Surveillance and Reconnaissance – Führung, Kontrolle, Kommunikation, Computer, Aufklärung, Überwachung und Erkundung).

Der Begriff wurde 1996 vom US-Verteidigungsministerium geprägt. Sie profitieren von strukturellem Wachstum, da Streitkräfte umfassende Modernisierungsprozesse durchlaufen. Außerdem verfügen sie über eine höhere Resilienz gegenüber Waffenstillständen und Konfliktlösungen und sind breiter über verschiedene Plattformen und geografische Regionen hinweg einsetzbar.

Der Wandel verändert die Prioritäten bei Verteidigungsinvestitionen grundlegend. (Bildquelle: ©Bundeswehr/Jane Schmidt)

Dieser Wandel verändert die Prioritäten bei Verteidigungsinvestitionen grundlegend und stärkt die Rolle von Elektronik- und C4ISR-Unternehmen bei der Bereitstellung moderner Abschreckungsfähigkeiten. Wir halten Unternehmen wie Thales bereits seit der Zeit vor COVID, was unsere langjährige Überzeugung im Verteidigungssektor widerspiegelt. Diese Unternehmen stellen gewissermaßen das „Gehirn“ moderner militärischer Fähigkeiten dar – langfristige Produkte, die von nachhaltiger Modernisierung profitieren, statt von kurzfristigen Konfliktdynamiken abhängig zu sein.

Wir haben den Verteidigungssektor stets als investierbar angesehen, gestützt durch hohe Markteintrittsbarrieren und einen begrenzten Wettbewerb aus China. Unsere ursprüngliche Investmentthese für Thales basierte auf Diversifikation und strategischer Optionalität, wobei die seit 2022 steigenden europäischen Verteidigungsbudgets unsere Überzeugung weiter gestärkt haben.

Im Gegensatz dazu sind einige andere Verteidigungsunternehmen, wie Rheinmetall, stärker kurzzyklischen Produkten wie Raketen und Munition ausgesetzt, deren Nachfrage nach Waffenruhen deutlich zurückgehen kann. Angesichts der langfristigen Unterinvestition in die europäische Verteidigung sind wir überzeugt, dass auf Elektronik fokussierte Unternehmen am besten für ein dauerhaftes Wachstum positioniert sind.

Rheinmetall, Hensoldt und RENK Group mit ehrgeizigen Wachstumsplänen

Die jüngsten Kapitalmarktentwicklungen europäischer Rüstungsunternehmen bestärken uns in der Zuversicht, dass höhere Verteidigungsbudgets zu Aufträgen führen werden. Deutsche Konzerne wie Rheinmetall (WKN: 703000 / ISIN: DE0007030009), Hensoldt (WKN: HAG000 / ISIN: DE000HAG0005) und die RENK Group (WKN: RENK73 / ISIN: DE000RENK730) haben ehrgeizige Wachstumsziele vorgelegt:

Rheinmetall strebt für die nächsten fünf Jahre ein Umsatzwachstum von 35 bis 40 Prozent an, während Hensoldt und Renk eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate (CAGR) von etwa 15 bis 20 Prozent erwarten. Diese Prognosen stimmen mit unserer Analyse überein, die auf ein anhaltendes Wachstum im hohen Zehnerbereich für den gesamten Sektor hindeutet.

Der Zeitpunkt erscheint dabei durchaus bemerkenswert. Nach einer starken Rallye Anfang 2025 legten die Verteidigungsaktien eine Pause ein, da die Märkte darauf warteten, dass politische Zusagen in Aufträge umgesetzt werden – eine typische Verzögerung in Verteidigungszyklen. Wir glauben nicht, dass der Sektor überbewertet ist.

Die Bewertungen reflektieren weiterhin das Ausmaß, die Dauer und die Qualität der Chancen wider. Angesichts der soliden strukturellen Treiber, höherer Budgets, steigender Ausrüstungsintensität, zunehmender Beschaffungen in Europa und einer Verlagerung hin zu langlebigen Elektronikprodukten bleibt die europäische Verteidigungsindustrie ein überzeugendes langfristiges Investmentthema mit Potenzial für nachhaltiges Gewinnwachstum im nächsten Jahrzehnt.

Ein Beitrag von Ben Leyland

Er ist Senior Fund Manager der JOHCM Global Opportunities-Strategie.

 

 

 

 

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