Liebe Leserinnen und Leser,
Krieg im Iran. Die Straße von Hormus blockiert. Der Ölpreis auf Höhenflug. Tech-Werte unter Druck. Inflationssorgen zurück. Die Schlagzeilen lesen sich wie ein Endzeitdrehbuch, und überall wird zur Vorsicht gemahnt. „Das Chance-Risiko-Profil hat sich eingetrübt“, konstatiert das Strategie-Team von DJE diese Woche nüchtern. Benjamin Bente, Portfoliomanager bei Vates Invest, warnt: „Ruhe an den Märkten kann trügerisch sein.“ Und wenn selbst die Profis von Risiken sprechen, dann wird der Privatanleger nervös.
Doch halt. Bevor Sie jetzt panisch Ihr Depot auflösen und das Geld unters Kopfkissen legen: Durchatmen. Denn so berechtigt manche Sorgen sind, eine fundamentale Wahrheit bleibt bestehen: Keine Aktienanlage hört auf, nur weil es Krisen gibt.
Im Gegenteil. Krisen gehören zum Geschäft. Sie sind der Preis, den man für langfristige Renditen zahlt. Und wer jetzt aussteigt, zahlt diesen Preis – ohne die Rendite einzustreichen.
Die Gemengelage: Komplex, aber nicht hoffnungslos
Schauen wir uns an, was die Experten sagen. Das DJE-Team beschreibt die aktuelle Situation als „Gemengelage aus Irankrieg, Ölkrise, Zinssorgen und KI-Halbleiter-Investitionen“. Das klingt kompliziert und das ist es auch. Doch interessanterweise fügt DJE sofort hinzu: „Unabhängig vom Nahost-Konflikt bleiben Investitionen in KI- und Rechenzentrumsinfrastruktur ein wichtiger Treiber für die weitere Marktentwicklung.“
Das ist die erste wichtige Erkenntnis: Nicht alles hängt vom Iran ab. Die Hyperscaler bauen weiter aus, die Nachfrage nach Rechenkapazität steigt, die digitale Transformation läuft. Manche Trends sind stärker als kurzfristige geopolitische Verwerfungen.
Benjamin Bente wiederum macht eine bemerkenswerte Beobachtung: „Die Kapitalmärkte reagieren bislang erstaunlich gelassen auf die geopolitische Eskalation.“ Zwar gab es Ausschläge bei koreanischen Aktien und europäischen Anleihen, „insgesamt bleibt die Marktreaktion jedoch bemerkenswert geordnet.“
Warum? Weil professionelle Investoren wissen, was Privatanleger oft vergessen: Märkte überleben Krisen. Immer. Die Frage ist nicht, ob die Märkte sich erholen. Die Frage ist nur, wann.
Der Öl-Elefant im Raum
Natürlich ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Der Ölpreis ist der zentrale Faktor. „Solange er sich um 100 US-Dollar pro Barrel bewegt, bleibt die Belastung für die Weltwirtschaft begrenzt“, erklärt Bente. „Historisch zeigen makroökonomische Modelle jedoch, dass ein Preis von 120 bis 130 US-Dollar zur spürbaren Wachstumsbremse werden kann.“
Die wirkliche Gefahr? „Einige Marktstrategen modellieren inzwischen Szenarien mit Ölpreisen von bis zu 200 US-Dollar pro Barrel.“ Durch die Straße von Hormus fließen rund 20 Prozent des globalen Ölhandels und ein Viertel der weltweiten LNG-Exporte. Eine längerfristige Blockade würde einen „der größten Angebotsschocks am Energiemarkt seit den Ölkrisen der 1970er-Jahre“ bedeuten.
Das klingt dramatisch. Und ja, es wäre ein Problem. Aber – und das ist entscheidend – es wäre kein Todesstoß für die Aktienmärkte. Selbst die Ölkrisen der 1970er Jahre haben die Märkte nicht dauerhaft zerstört. Sie haben sie gebremst, korrigiert, erschüttert. Aber nicht beendet.
Szenario-Denken statt Panik
Bente bringt es auf den Punkt: „In einem solchen Umfeld verschiebt sich die entscheidende Frage: nicht mehr ‚Was wird passieren?‘, sondern ‚Wie robust ist mein Portfolio gegenüber unterschiedlichen Entwicklungen?‘“
Das ist die Kernfrage. Nicht: „Soll ich jetzt verkaufen?“ Sondern: „Ist mein Portfolio so aufgestellt, dass es verschiedene Szenarien übersteht?“ Das DJE-Team sieht durchaus Chancen – und zwar konkrete:
Beispielsweise die KI- und Halbleiterinvestitionen: „Relativ unabhängig von der Situation im Nahen Osten dürften die Investitionen der großen Technologiewerte weitgehend intakt bleiben.“ Die Hyperscaler brauchen Kapazitäten – Iran hin oder her.
Und die USA als relativer Gewinner: „Die USA genießen eine höhere Unabhängigkeit in puncto Energie als Europa oder Asien. Sie produzieren den Großteil des benötigten Öls und Gases selbst.“ Das bedeutet: Der Anstieg der Energiepreise trifft die USA weniger hart.
Da wären noch die Energie- und Agraraktien: „Ölaktien dürften in den nächsten Wochen positive Gewinnrevisionen erfahren.“ Höhere Preise bedeuten höhere Gewinne – zumindest für die Produzenten. Das alles sind keine Spekulationen, das sind Mechanismen. Und wer sein Portfolio breit aufstellt, kann von diesen Mechanismen profitieren.
Die Risiken sind real – aber nicht neu
Ja, es gibt Risiken. Bente warnt vor der „Konzentration im S&P 500“, wo die „Magnificent Seven“ inzwischen ein Drittel der Marktkapitalisierung ausmachen. Er weist auf den „rapide gewachsenen Private-Credit-Markt“ hin, der bei 3 bis 3,5 Billionen US-Dollar liegt – mit zunehmenden Berichten über schwächere Kreditqualität.
Das DJE-Team sieht die Gefahr erneut zunehmenden Inflationsdrucks und warnt, dass „bestimmte Märkte am oberen Ende ihrer historischen Bewertungsspannen notieren“.
All das ist richtig. All das ist relevant. Aber nichts davon ist ein Argument, jetzt auszusteigen. Es ist ein Argument für Diversifikation. Für Selektion. Für Qualität.
Die historische Wahrheit: Märkte überleben
Bente schreibt: „Historische Vergleiche helfen in dieser Situation nur begrenzt.“ Das stimmt. Die aktuelle Konstellation ist einzigartig. Aber eines lehrt die Geschichte dennoch: Märkte überleben. Die Ölkrisen der 1970er, die Technologieblase, die Finanzkrise, die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg – nach jeder Krise folgte eine Erholung.
Warum? Weil Aktienmärkte produktive Unternehmen repräsentieren. Unternehmen, die Güter herstellen, Dienstleistungen erbringen, Gewinne erwirtschaften. Solange die Weltwirtschaft insgesamt wächst – und das tut sie, trotz aller Krisen –, wachsen langfristig auch die Unternehmensgewinne.
Was Sie jetzt tun sollten – und was nicht
Verkaufen Sie nicht in Panik. Das ist das Schlimmste, was Sie tun können. Denn dann realisieren Sie Verluste und verpassen die Erholung.
Prüfen Sie Ihr Portfolio. Ist es breit diversifiziert? Haben Sie Qualitätsunternehmen mit soliden Bilanzen, Preissetzungsmacht und dauerhaften Wettbewerbsvorteilen? Das sind Baustein-Aktien – Unternehmen, die Krisen überstehen, weil ihr Geschäftsmodell robust ist.
Unser mE-Fazit
Nutzen Sie Schwäche zum Nachkaufen. Wenn gute Unternehmen günstiger werden, ist das eine Gelegenheit, keine Katastrophe.
Am Ende läuft es auf eine einfache Frage hinaus: Besitzen Sie Unternehmen, die auch dann funktionieren, wenn die Welt unruhig ist? Baustein-Aktien sind genau das: Unternehmen mit Geschäftsmodellen, die Krisen überdauern. Energieversorger, Konsumgüterhersteller, Infrastrukturbetreiber, solide Technologiefirmen – Unternehmen, deren Produkte und Dienstleistungen auch in Krisenzeiten nachgefragt werden.
In diesem Sinne, ein erholsames Wochenende und kluge Entscheidungen für die kommenden Wochen
Ihre marktEINBLICKE-Herausgeber
Christoph A. Scherbaum & Marc. O. Schmidt
P.S. Alle Daten der Daten der kommenden Handelswoche und Prognosen finden Sie in unserem Wirtschaftskalender.








