Warum Frankreich Preise macht und Deutschland Künstlerkarrieren

Savoir-vivre schlägt Sachlichkeit: Wie Frankreich den Kunstmarkt dominiert und was Deutschland daraus lernen kann.

(Bildquelle: Unsplash / Mike von SBSM)

Deutschland ist ein Land der Dichter, Denker und Direktoren. Im Kunstmarkt reicht es immerhin für eine solide Nebenrolle – und das, obwohl wir hierzulande hervorragende Künstler, leidenschaftliche Sammler, international erfolgreiche Galerien und eine Museumslandschaft haben, die selbst Pariser manchmal neidisch macht. Und trotzdem: Wenn es um die großen Zahlen geht, lohnt sich ein Blick über den Rhein. Denn Frankreich zeigt gerade, wie man kulturelle Stärke in internationale Marktbedeutung übersetzt – und zwar mit einer Eleganz, die fast schon wehtut.

Die nackten Zahlen: Wer hat, dem wird gegeben

Der aktuelle Art Basel & UBS Art Market Report 2026 legt die Kräfteverhältnisse schonungslos offen: Der globale Kunstmarkt erreichte 2025 ein Volumen von 59,6 Mrd. US-Dollar. Davon entfielen 44 Prozent auf die USA (weil dort die Reichen noch reicher werden und Kunst als Asset-Klasse gilt), 18 Prozent auf das Vereinigte Königreich (weil London seit Jahrhunderten weiß, wie man mit Stil Geld ausgibt) und 14 Prozent auf China (weil dort Kunst als Statussymbol so wichtig ist wie eine Rolex). Zusammen vereinen diese drei Märkte 76 Prozent des weltweiten Handels auf sich – und lassen den Rest der Welt wie eine Kunstmesse in einer Kleinstadt aussehen.

Frankreich? 4,5 Mrd. US-Dollar Umsatz – und damit stabil auf Platz vier. 9 Prozent Wachstum gegenüber dem Vorjahr. Deutschland? Rückgang um 10 Prozent, bei Auktionen sogar 17 Prozent. Frankreich hat uns also nicht überholt – es war schon immer voraus. Aber der Abstand wird größer. Und das, obwohl wir doch alle wissen, dass deutsche Kunst mindestens genauso gut ist wie französische. Oder etwa nicht?

Der Unterschied: Savoir-vivre vs. Sachlichkeit

Vielleicht liegt es tatsächlich am berühmten Savoir-vivre. In Frankreich ist Kunst nicht nur ein kulturelles Gut, sondern ein gesellschaftliches Ereignis. Man geht in Galerien, wie andere Leute ins Café – um gesehen zu werden, zu diskutieren und natürlich auch, um zu kaufen. In Deutschland dagegen wird Kunst oft mit einer Ernsthaftigkeit betrachtet, die fast schon religiöse Züge trägt. Manchmal so ernsthaft, dass man vergisst: Kunst darf man nicht nur bewundern, man darf sie auch besitzen.

Oder, wie es eine französische Galeristin einmal formulierte: „In Deutschland sammelt man Kunst wie Briefmarken – in Frankreich wie Wein.“ Und Wein, das weiß jeder, wird nicht nur getrunken, er wird auch gehandelt. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Franzosen Kunst als Lebensgefühl begreifen, während wir sie oft als Bildungsgut behandeln. Ein Unterschied, der sich auch in den Verkaufszahlen niederschlägt.

Die Macht der Hochpreis-Spektakel

Internationale Sichtbarkeit entsteht im Kunstmarkt nicht durch die Anzahl guter Ausstellungen, sondern durch die Anzahl bedeutender Verkäufe. Besonders im Hochpreissegment entscheidet sich, wo ein Markt global wahrgenommen wird. Verkäufe über 10 Mio. US-Dollar finden überwiegend in wenigen Zentren statt: New York, London – und zunehmend wieder Paris. 2025 wurden in den USA 40 Prozent mehr Werke über 10 Mio. US-Dollar verkauft als im Vorjahr. In Frankreich stieg der Anteil solcher Spitzenverkäufe von 2 Prozent auf 7 Prozent – nicht weltbewegend, aber immerhin eine Verdreifachung. Und während Deutschland seine Künstler exportiert, werden die höchsten Preise für deren Werke woanders erzielt. Wir produzieren Karrieren – verkauft werden sie in New York.

Ein besonders eklatantes Beispiel: Gerhard Richter, einer der teuersten lebenden Künstler der Welt. Seine Werke erzielen Rekordpreise – aber meistens nicht in Deutschland, sondern in New York oder London. Während wir uns hierzulande noch darüber streiten, ob seine abstrakten Gemälde nun „echte Kunst“ sind, werden sie anderswo längst als Blue-Chip-Investment gehandelt.

Digitalisierung? Ja, aber bitte nicht beim Kauf

Eine weitere Ironie der Geschichte: Während fast alle Lebensbereiche digitaler werden, hat sich der Online-Anteil im Kunstmarkt nach dem pandemiebedingten Boom wieder deutlich reduziert. 2021 erreichten reine Online-Verkäufe noch 13,3 Mrd. US-Dollar – 2025 waren es nur noch 9,2 Mrd. US-Dollar, der niedrigste Stand seit 2019. Der Anteil am Gesamtmarkt sank von 25 Prozent (2020) auf 15 Prozent.

Der Grund? Kunst wird digital entdeckt – aber analog gekauft. Besonders im Hochpreissegment spielt der digitale Vertrieb kaum eine Rolle. Über 50 Prozent des Wertes klassischer Auktionen entfallen auf Werke über 1 Mio. US-Dollar – Online-Auktionen bewegen sich dagegen meist unter 50.000 US-Dollar. Digitale Plattformen sind also weniger ein Ersatz für den klassischen Handel, sondern dessen Ergänzung.

Oder, wie ein Auktionator es ausdrückte: „Man kauft keinen Picasso per Mausklick – man kauft ihn in einem Raum voller Menschen, die alle denken: ‚Ich will ihn auch.‘“ Vielleicht liegt es auch daran, dass Kunstkäufer nicht nur ein Bild erwerben wollen, sondern ein Erlebnis – und das lässt sich nun mal nicht immer per Klick vermitteln.

(Bildquelle: Pressefoto Sotheby’s)

Was Deutschland von Frankreich lernen könnte

Frankreich zeigt gerade, wie man kulturelle Strahlkraft mit funktionierenden Marktplattformen verbindet. Paris hat nicht plötzlich bessere Künstler – aber bessere Mechanismen, um sie sichtbar und handelbar zu machen. Große Auktionen, internationale Sammler, neue Messeformate – all das trägt dazu bei, dass Paris wieder als globaler Handelsplatz wahrgenommen wird.

Ein besonders interessantes Detail aus dem Report: Die Art Basel Paris hat sich nach zwei Jahren bereits zu einem der wichtigsten Treffpunkte für internationale Sammler entwickelt. Nicht nur wegen der Kunst, sondern wegen des geselligen Rahmens – Abendempfänge, Dinner mit Künstlern, exklusive Preview-Events. In Deutschland dagegen dominiert oft noch der reine Ausstellungsbetrieb. Vielleicht sollten wir uns fragen: Warum nicht mehr Kunst als gesellschaftliches Event inszenieren?

Deutschland hat dagegen oft das Problem, dass es seine Stärken nicht als Marktchancen begreift. Wir haben eine breite Sammlerbasis, eine starke Galeriestruktur und eine bemerkenswerte Dichte an Künstlerkarrieren – aber wir tun uns schwer damit, daraus wirtschaftlichen Impact zu generieren.

Vielleicht brauchen wir einfach mehr von diesem französischen „Je ne sais quoi“ – dieses selbstverständliche Verständnis, dass Kunst nicht nur etwas für Museen ist, sondern auch für Investoren, Spekulanten und diejenigen, die einfach nur gerne etwas besitzen, das andere nicht haben.

Fazit: Kunst ist auch ein Geschäft – und das ist kein Verbrechen

Der Kunstmarkt folgt stärker als viele denken den Mechanismen klassischer Vermögensmärkte: Liquidität erzeugt Aufmerksamkeit – und Aufmerksamkeit erzeugt Preise. Frankreich versteht das. Deutschland tut sich damit schwerer – nicht aus mangelnder Qualität, sondern aus mangelnder Marktmentalität.

Vielleicht liegt es daran, dass wir Kunst oft als hehres Kulturgut betrachten, das sich nicht mit profanen Dingen wie Geld und Rendite gemein machen sollte. Doch die Realität zeigt: Kunst, die nicht gehandelt wird, bleibt unsichtbar – und unsichtbare Kunst hilft weder Künstlern noch Sammlern.

Vielleicht ist das aber auch gar kein Grund zur Skepsis, sondern eine Einladung. Eine Einladung, darüber nachzudenken, wie sichtbar ein Kunststandort sein kann, wenn er seine kulturellen Stärken nicht nur feiert, sondern auch vermarktet. Denn am Ende geht es nicht darum, ob wir besser malen als die Franzosen. Sondern darum, ob wir auch besser verkaufen – und damit unsere Künstler nicht nur fördern, sondern auch weltweit sichtbar machen.

Und wer weiß: Vielleicht liegt gerade in dieser Kombination aus deutscher Gründlichkeit und französischem Savoir-vivre das Geheimnis für einen wirklich erfolgreichen Kunstmarkt.

Ein Beitrag von Arne von Neubeck

Er ist Gründer & Geschäftsführender Gesellschafter von The Global Fine Art. Das Augsburger Kunsthandelshaus verbindet die Leidenschaft für die Kunst mit der kaufmännischen Analyse von Kunstwerken.
www.tgfag.de

 

 

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