Der Parkettboden der Börse bebt momentan unter einer existenziellen Frage: Vernichtet die Künstliche Intelligenz das klassische Software-as-a-Service-Modell (SaaS)? Seit geraumer Zeit stehen etablierte Software-Größen unter massivem Verkaufsdruck. Das Schreckgespenst der Investoren ist die sogenannte „Sitzplatz-Kompression“: Wenn eine KI die Arbeit von drei Buchhaltern erledigt, braucht das Unternehmen dann noch drei SAP-Lizenzen?
Was der Anthropic Economic Index verrät
Die Lektüre des brandneuen Anthropic Economic Index vom März 2026 liefert hierzu spannende Realdaten. Wir sehen eine deutliche Verschiebung der Anwendungsfälle: Komplexe Coding-Aufgaben wandern zunehmend von der Chat-Oberfläche direkt in automatisierte API-Workflows ab. Das bedeutet: KI wird nicht mehr nur als „Partner“ befragt, sondern tief in die Software-Infrastruktur eingebaut. Heißt konkret: Die KI-Modelle sind nun so gut, dass Software-Entwicklungs-Agenten nicht nur einzelne Befehle ausführen, sondern ganze Programmelemente eigenständig lösen. Der nächste Schritt ist nun, dass die erzeugte Software von der KI auf Sicherheitslücken und Konsistenz geprüft wird. Ganz ohne Einsatz von Software-Entwicklern.
Besonders interessant ist die Lernkurve: Erfahrene Nutzer verwenden KI heute zu fast 49 Prozent für echte berufliche Aufgaben und erzielen dabei eine um 10 Prozent höhere Erfolgsrate als Anfänger. Das zeigt: KI ist kein Spielzeug mehr, sondern ein Werkzeug, das mit der Erfahrung des Nutzers skaliert. Für Software-Unternehmen ist das eine Steilvorlage: Wer die KI am besten in seine Workflows integriert, bindet die effizientesten Nutzer an sich. Von entscheidender Bedeutung ist also: Wie tief sind Software-Anbieter in die Unternehmensprozesse der Firmen eingebunden, und wie gut schaffen sie es, KI und Software in ein perfekt orchestriertes Zusammenspiel zu bringen.
Disruption vs. Protection
Um die Spreu vom Weizen zu trennen, haben wir den Divizend AI Disruptions Index entwickelt, der nun auch interaktiv in unserer App „Divizend Companion“ verfügbar ist. Unser Modell bewertet Unternehmen nach einem 6-Säulen-Prinzip, das Risiko (z.B. Margendruck) gegen Schutzfaktoren (z.B. Wechselkosten) abwägt. An der Börse werden aktuell alle Software-Aktien in einen Topf geworfen und verkauft. Es gilt das Motto: „Sell now – think later“.
Doch unsere Ergebnisse sind differenzierter: Unternehmen wie Wix (Webseitenerstellung) oder GitLab (Programmierunterstützung) stehen unter hohem Druck, da KI-Tools die Einstiegshürden massiv senken.
Dagegen zeigen Schwergewichte wie SAP oder Microsoft eine hohe Resilienz. Warum? Weil ihre Wechselkosten durch tiefe Prozessintegration extrem hoch sind. Ein KI-Agent mag einen Report schreiben können, aber er ersetzt nicht über Nacht ein über Jahrzehnte gewachsenes ERP-System, das die gesamte Logistik eines Konzerns steuert. Außerdem schlafen Unternehmen wie SAP (WKN: 716460 / ISIN: DE0007164600) und Microsoft nicht. Microsoft selbst ist der größte Aktionär bei ChatGPT und der weltweit zweitgrößte Anbieter von Cloud-KI-Infrastruktur.
Die Stimmen der Visionäre: Orlando Bravo und Jensen Huang
Diese Datenlage deckt sich mit der Einschätzung prominenter Branchenköpfe. Orlando Bravo, CEO von Thoma Bravo, der führenden Beteiligungsgesellschaft für Software-Unternehmen, betont unermüdlich, dass KI und Software eine logische Kombination sind. Für ihn werden „sehr gute Softwareunternehmen durch KI nicht ersetzt, sondern deutlich besser“. Die KI fungiert als Effizienz-Turbo innerhalb der bestehenden, vertrauenswürdigen Plattformen. Auch NVIDIA-Chef Jensen Huang schlägt in die gleiche Kerbe: KI benötigt die Daten und die Struktur der Software, um wertschöpfend zu arbeiten. Ohne die „Leitplanken“ einer professionellen Softwareumgebung bleibt KI oft nur eine vage Inspiration.
Fazit:
Die aktuelle Panik bei Software-Aktien ist in vielen Fällen überzogen. Ja, das Geschäftsmodell rein „manueller“ Klick-Software wird disruptiert. Doch Unternehmen, die den Sprung vom „Sitzplatz-Verkauf“ zur „Wertschöpfenden KI-Monetarisierung“ schaffen, stehen vor einer goldenen Ära der Margenausweitung. Die Symbiose aus KI und Software hat gerade erst begonnen.
Ein Beitrag von Thomas Rappold
Er ist Internetunternehmer, Buchautor und Investor. Bereits mit 14 Jahren erlernte er die frühen Programmiersprachen im Selbststudium auf dem damaligen Kultcomputer Commodore C64. Er ist profunder Kenner des Silicon Valley und dort an verschiedenen Start-ups beteiligt.
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