Liebe Leserinnen und Leser,
manchmal ändern sich die Spielregeln so fundamental, dass alte Strategien plötzlich nicht mehr funktionieren. Die vergangenen Jahrzehnte waren geprägt von einem einfachen Mantra: Globalisierung bringt Effizienz, Effizienz senkt Kosten, niedrige Kosten steigern Gewinne. Just-in-Time-Produktion, weltumspannende Lieferketten, Outsourcing in Niedriglohnländer – all das folgte derselben Logik: möglichst schlank, möglichst günstig, möglichst global.
Doch dieses Modell bröckelt. Und zwei renommierte Fondsmanager – Robert Lancastle von J O Hambro und Peter Smith von Federated Hermes – liefern in ihren aktuellen Marktkommentaren eine klare Botschaft: Die Zeit, in der Effizienz automatisch zu Erfolg führte, ist vorbei. Willkommen in der Ära der Resilienz.
Das Ende der Effizienzillusion
Robert Lancastle bringt es auf den Punkt: „Die aktuellen Marktbewegungen sind für uns keine kurzfristige Reaktion auf geopolitische Spannungen, sondern Ausdruck eines tiefergehenden strukturellen Wandels. Wir bewegen uns in einer Welt, die fragmentierter, weniger effizient, aber dafür stärker auf Selbstversorgung ausgerichtet ist.“
Das klingt zunächst nach schlechten Nachrichten. Weniger effizient? Höhere Kosten? Langsameres Wachstum? Doch Lancastle sieht darin keinen Fluch, sondern eher eine neue Realität, auf die sich Anleger einstellen müssen. „Die Zeit, in der Globalisierung automatisch zu Effizienzgewinnen und sinkenden Kosten geführt hat, geht zu Ende. Stattdessen rücken Versorgungssicherheit, Redundanz und Infrastruktur in den Mittelpunkt.“
Redundanz ist ein Wort, das Effizienzfanatikern die Haare zu Berge stehen lässt. Doppelte Lagerbestände, alternative Lieferketten, lokale Produktionskapazitäten – all das kostet Geld. Aber es sichert das Überleben, wenn die Straße von Hormus blockiert ist, Taiwan unter Druck steht oder die nächste Pandemie zuschlägt.

Energie: Vom Kostenfaktor zum strategischen Asset
Am deutlichsten zeigt sich dieser Wandel im Energiesektor. Lancastle hat das Exposure seines Fonds hier von 5 auf 15 Prozent erhöht. Das ist eine massive Verschiebung. Doch es geht ihm nicht um eine simple Ölpreiswette. „Wir sind nicht grundsätzlich gegen Öl, sehen aber langfristige Unsicherheiten bei der Nachfrage. Deshalb setzen wir gezielt auf Übergangslösungen wie LNG, europäisches und asiatisches Gas sowie Uran.“
Das ist klug. Denn die Energiewende ist keine binäre Entscheidung zwischen fossil und erneuerbar. Sie ist ein jahrzehntelanger Umbau, bei dem Brückentechnologien unverzichtbar bleiben. Lancastle investiert deshalb in Unternehmen wie Baker Hughes – keine Ölproduzenten, sondern Dienstleister und Infrastrukturbetreiber, die vom Aufbau eines neuen Systems profitieren.
„Die eigentliche Investmentchance liegt aus unserer Sicht nicht in einzelnen Rohstoffen, sondern im Aufbau eines neuen Systems“, erklärt er. Das bedeutet: Pipelines, LNG-Terminals, Stromspeicher, Uranverarbeitung – all jene Infrastruktur, die in den kommenden Jahren Billionen verschlingen wird.
Internationale Aktien: Die unterschätzte Chance
Während Lancastle auf Energieinfrastruktur setzt, wirft Peter Smith von Federated Hermes einen Blick auf internationale Aktien und stellt eine provokante Frage: „Werden internationale Aktien durch den Iran-Konflikt ausgebremst?“ Seine Antwort: „Die kurze Antwort lautet: wahrscheinlich nicht.“
Das überrascht. Schließlich sind europäische und asiatische Märkte stärker vom Ölimport abhängig als die USA. Der Angebotsschock sollte sie härter treffen. Doch Smith bleibt zuversichtlich: „Ich denke, dass die positive Entwicklung internationaler Aktien noch intakt ist, auch wenn dies teilweise davon abhängen wird, wie lange der Krieg andauert.“
Seine Begründung: „Angebotsschocks lassen sich überwinden und die globalen Volkswirtschaften sowie Aktienmärkte können sich erholen.“ Als Beispiel nennt er die Marktreaktion auf die Aussicht eines Waffenstillstands: Europa stieg um 4,5 Prozent, Japan und Asien um mehr als 5 Prozent. Die Märkte preisen bereits ein, dass der Konflikt temporär ist.

Die Gefahr: Vom Angebotsschock zum Nachfrageschock
Doch Smith warnt auch vor einem Worst-Case-Szenario: „Sollte der Krieg über einen längeren Zeitraum andauern und die globalen Ölmärkte weiter blockiert bleiben, könnte aus einem Angebotsschock ein Nachfrageschock werden.“ Das würde Stagflation bedeuten – steigende Preise bei schrumpfender Wirtschaft. Ein Albtraum für Anleger.
Doch genau diese Gefahr könnte den Anreiz für Verhandlungen erhöhen. „Meine Vermutung ist daher, dass der Krieg im Iran enden wird, bevor ein Nachfrageschock und eine Stagflation einsetzen“, prognostiziert Smith.
Lancastle dagegen bleibt vorsichtiger. Er hält kurzfristig Ölpreise von 130 Dollar oder mehr für möglich und warnt: „Ein Umfeld strukturell höherer Inflation ist für viele Geschäftsmodelle eine Herausforderung.“
Portfolio-Anpassung: Weniger Zyklik, mehr Stabilität
Beide Experten ziehen ähnliche Schlüsse für die Portfolio-Konstruktion. Lancastle hat konjunkturabhängige Bereiche wie Consumer Discretionary reduziert. „Entscheidend ist heute stärker die Frage, welche Unternehmen auch in einem volatileren Umfeld stabile Erträge generieren können.“
Smith betont die Vorteile internationaler Aktien: „Die Dividendenrenditen sind attraktiv, die Gewinne können mit denen in den USA mithalten und die Bewertungen liegen weiterhin unter ihren historischen Durchschnitten.“
Das ist ein wichtiger Punkt. Während US-Aktien oft mit einem KGV von 20 und mehr gehandelt werden, finden sich in Europa und Asien qualitativ hochwertige Unternehmen mit einstelligen Bewertungen. Nicht weil sie schlechter sind, sondern weil sie unterschätzt werden.

Europa im Wandel
Lancastle sieht zudem regionale Verschiebungen: „Länder wie Spanien, Portugal oder Irland haben ihre Bilanzen gestärkt und profitieren von veränderten wirtschaftlichen Strömen.“ Auch Smith beobachtet: „Zwischen der NATO-kritischen Rhetorik der Trump-Administration und Europas Abhängigkeit von ausländischem Öl und Erdgas kommt die EU zusammen, um einige ihrer systemischen Probleme besser anzugehen.“
Brexit, Covid, Ukraine, Iran – all diese Krisen haben Europa gezwungen, erwachsen zu werden. Energiepolitik wurde überdacht, Investitionen hochgefahren, Regulierung reformiert. Das sind langfristige strukturelle Verbesserungen, von denen Anleger profitieren können.
Technologie bleibt wichtig – aber anders
Trotz aller Energiefokussierung vernachlässigt Lancastle Technologie nicht. „Plattformen und Infrastruktur, die in neue Systeme eingebunden sind, werden langfristig profitieren“, erklärt er. Amazon beispielsweise betrachte er zunehmend auch aus einer Infrastruktur- und Energieperspektive – etwa im Zusammenhang mit Rechenzentren.
Das ist ein kluger Ansatz. Denn die großen Tech-Konzerne sind längst keine reinen Software-Unternehmen mehr. Sie bauen Rechenzentren, verbrauchen Unmengen Strom, investieren in Energie – und werden damit Teil der Infrastruktur-Story.
Unser mE-Fazit
Was Lancastle und Smith beschreiben, ist ein fundamentaler Paradigmenwechsel: Von Effizienz zu Resilienz. Von Just-in-Time zu Just-in-Case. Von globalen Lieferketten zu regionaler Selbstversorgung. Dieser Wandel ist kein kurzfristiger Zyklus, sondern – wie Lancastle es nennt – „ein neues Marktregime“.
Für Anleger stellt sich die Frage: Welche Unternehmen profitieren davon? Die Antwort lautet: Baustein-Aktien. Denn genau diese Unternehmen verkörpern Resilienz als Geschäftsmodell. Sie sind Wetten auf Überleben, Anpassungsfähigkeit, Beständigkeit.
Lancastle fordert Portfolios, die „robuster werden“ und in „Resilienz, Infrastruktur und Selbstversorgung“ investieren. Smith empfiehlt Unternehmen mit „nachhaltigem, profitablem Geschäftsmodell“. Genau das sind Baustein-Aktien. Sie zahlen attraktive Dividenden (Resilienz), sind fair bewertet (Sicherheitsmarge) und funktionieren in verschiedenen Szenarien (Robustheit).
Die Welt wird fragmentierter, unsicherer, volatiler. Aber Qualität bleibt Qualität. Und Baustein-Aktien sind Qualität in Reinform.
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Christoph A. Scherbaum & Marc. O. Schmidt
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