Der Ölpreis bleibt ein wichtiges Signal für die Kapitalmärkte. Das Marktbild hat sich seit Ende April jedoch verändert. Nach dem Preissprung im April preisen Investoren nicht mehr nur die Eskalation rund um Iran und die Straße von Hormus ein, sondern zunehmend auch die Möglichkeit einer Deeskalation. Brent bewegte sich zuletzt weiter oberhalb der Marke von 100 Dollar je Barrel. Zugleich rückten Berichte über Fortschritte in den US-Iran-Gesprächen und eine mögliche Wiederöffnung der Straße von Hormus in den Fokus der Märkte.
Auch die großen Zentralbanken haben ihre April-Entscheidungen inzwischen getroffen. Die Fed hielt den Zielkorridor für die Federal Funds Rate bei 3,50 bis 3,75 Prozent. Die EZB ließ ihre Leitzinsen ebenfalls unverändert und verwies ausdrücklich darauf, dass der Krieg im Nahen Osten die Energiepreise stark erhöht, den Inflationsdruck verstärkt und die Wirtschaftsstimmung belastet. Die Bank of Japan hielt ebenfalls an ihrem geldpolitischen Kurs fest und verwies in ihrem April-Ausblick auf Risiken aus der Nahostlage für Finanz- und Devisenmärkte sowie für Konjunktur und Preise.
Für Schwellenländer ist dieser Blick jedoch nur der erste Schritt. Die wichtigere Frage lautet nicht nur, wie stark Ölpreise, Zinsen oder Wechselkurse schwanken. Entscheidend ist, wie Kapital auf diese Schwankungen reagiert. Kapital kann Wachstum finanzieren, Investitionen ermöglichen und Stabilität schaffen. Es kann in Stressphasen aber auch prozyklisch wirken, sich schnell zurückziehen und damit jene Verwundbarkeit verstärken, die es zuvor überdeckt hat.
Kapital ist nicht homogen. Kapital von Banken, Pensionsfonds, Hedgefonds, passiven Fonds sowie lokalen Kredit- und Leasinganbietern folgt unterschiedlichen Regeln. Manche Finanzierungsquellen sind langfristig gebunden und orientieren sich an realen Zahlungsströmen. Andere reagieren täglich auf Marktpreise, Liquidität und globale Risikoindikatoren. In ruhigen Phasen fällt dieser Unterschied kaum auf. Wenn Ölpreise, Währungen und Zinserwartungen stark schwanken, entscheidet genau dieses Verhalten darüber, ob Kapital stabilisiert oder Stress verstärkt.
Der Internationale Währungsfonds hat diesen Strukturwandel im April deutlich beschrieben. Schwellenländer haben seit der globalen Finanzkrise erhebliche grenzüberschreitende Portfoliozuflüsse erhalten, weitgehend vermittelt über Nichtbank-Finanzintermediäre. Diese Zuflüsse schaffen Chancen, erhöhen aber auch die Sensitivität gegenüber globaler Risikostimmung. Laut IWF reagieren Hedgefonds und Investmentfonds stärker auf globale Risikoänderungen als andere Nichtbank-Investoren; unter den Investmentfonds zeigen passive Fonds und ETFs die höchste Sensitivität. Länder, die stärker von solchen Investoren abhängen, können in Phasen globalen Marktstresses verschärfte Finanzierungsbedingungen erleben.
Damit verschiebt sich die Analyse. Es genügt nicht mehr zu fragen, ob Kapital in einen Markt fließt. Wichtiger ist die Frage, welches Kapital fließt. Bleibt es investiert, wenn der Dollar steigt? Passt seine Laufzeit zu den Cashflows der Realwirtschaft? Beruht es auf einer langfristigen Kreditbeziehung oder auf täglicher Handelbarkeit? Reagiert es auf reale Zahlungsfähigkeit oder vor allem auf Marktpreise, die sich innerhalb weniger Stunden ändern können? Entscheidend ist also, wie Kapital unter Druck reagiert: Bleibt es verfügbar, verteuert es sich nur – oder zieht es sich abrupt zurück?
Der IWF warnt im Global Financial Stability Report zudem vor erhöhten Stabilitätsrisiken durch den Krieg im Nahen Osten. Er verweist auf mehrere Kanäle, über die sich Stress verstärken kann: höheren Inflationsdruck, verschärfte Finanzierungsbedingungen, Kapitalabflüsse, Währungsdruck und abrupte Anpassungen in risikobehafteten Positionen. Für Schwellenländer ist diese Kombination besonders relevant, weil externe Finanzierung dort oft stärker von globaler Liquidität und Risikobereitschaft abhängt als in entwickelten Märkten.
Die aktuelle Marktphase testet deshalb nicht nur Konjunktur- und Inflationsprognosen. Sie testet auch die Qualität der Finanzierung. Kapital, das in guten Zeiten reichlich vorhanden ist, aber in schwierigen Phasen schnell verschwindet, hat eine andere Wirkung als Kapital, das an reale Zahlungsströme, längere Laufzeiten und klare Sicherheiten gebunden ist. Das eine kann Wachstum kurzfristig beschleunigen. Das andere kann Finanzierung über einen Zyklus hinweg verlässlicher machen – vorausgesetzt, Laufzeit, Sicherheiten und Quelle der Rückzahlung passen zur finanzierten Aktivität.
Damit verändert sich auch der Blick auf Stabilität. Stabil ist ein Markt nicht schon deshalb, weil Kapital verfügbar ist. Stabiler wird er, wenn Finanzierung zur wirtschaftlichen Realität passt. Sie sollte zur Laufzeit der Investition passen, sich an realen Cashflows orientieren und auch dann belastbar bleiben, wenn globale Investoren defensiver werden. Die Finanzierungsstruktur sollte Risiken früh sichtbar machen, bevor sie zu Ausfällen werden.
Für Anleger bedeutet das: Die klassische Analyse anhand von Land, Rating und Renditeaufschlag reicht nicht mehr aus. Ein Markt kann auf den ersten Blick attraktiv erscheinen, weil Renditen hoch sind und Kapitalzuflüsse robust wirken. Gleichzeitig kann er verwundbar bleiben, wenn ein großer Teil dieser Finanzierung schnell handelbar, kurzfristig oder stark von globalen Risikoindikatoren abhängig ist. Umgekehrt kann eine weniger spektakuläre Finanzierungsform stabiler wirken, wenn sie näher an der realen wirtschaftlichen Aktivität liegt.
Die jüngsten Ausschläge am Ölmarkt zeigen nicht nur, welche Länder Energie importieren oder exportieren. Sie zeigen auch, welche Kapitalstrukturen Belastungen aushalten und welche den Schock verstärken können. Das ist für Investoren ebenso wichtig wie für Aufsichtsbehörden und politische Entscheidungsträger. Denn Kapitalflüsse sind nicht automatisch stabilisierend. Sie stabilisieren nur dann, wenn sie zu den realen Finanzierungsbedarfen passen.
In den kommenden Monaten dürfte diese Unterscheidung wichtiger werden. Wenn Ölpreise, Zinsen und Währungen weiter stark schwanken, wird Kapital selektiver. Dann wird wichtiger, ob die Finanzierung verlässlich genug ist, um Investitionen, Beschäftigung und unternehmerische Aktivität auch in einem schwierigeren Umfeld zu tragen.
Ein Beitrag von Dr. Johannes Feist
Er ist Experte für Entwicklungsfinanzierung mit Erfahrung in kommerziellen, staatlichen und gemeinnützigen Geschäftsmodellen und CEO von MK Global Kapital.
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