KI-Systeme könnten in den kommenden Jahren nicht nur Arbeit automatisieren, sondern selbst zu eigenständigen wirtschaftlichen Akteuren werden. Genau dafür entsteht derzeit auf öffentlichen Blockchains die passende Finanzinfrastruktur. Denn autonome Software benötigt ein Zahlungssystem, das global, programmierbar und rund um die Uhr verfügbar ist. Zwar ist der Marktwert von KI-Anwendungen auf der Blockchain im Vergleich zu Sektoren wie DeFi noch vergleichsweise klein, der Bereich zeigt mit einer Kapitalisierung von rund 27 Mrd. US-Dollar aber starke Wachstumsmöglichkeiten auf.
Insbesondere mit dem steigenden Einsatz von KI-Agenten, könnte der Blockchain-Bereich eine neue technologische Blüte erleben. Denn die Stärke von Kryptowährungen liegt womöglich weniger im klassischen Zahlungsverkehr oder als alternatives Finanzsystem für Menschen. Ein größeres Potenzial könnte darin bestehen, als Infrastruktur für autonome Software-Systeme zu fungieren. KI-Agenten, die eigenständig Daten einkaufen, Rechenleistung buchen, APIs bezahlen oder digitale Dienstleistungen koordinieren, benötigen nämlich ein Zahlungssystem, das programmierbar, global verfügbar und rund um die Uhr nutzbar ist. Genau diese Eigenschaften bringen öffentliche Blockchains mit.
KI erhält anfangs klar definierte digitale Aufgaben
Noch befindet sich diese Entwicklung in einem frühen Stadium. Vollständig autonome KI-Agenten, die eigenständig Unternehmen steuern oder komplexe Geschäftsprozesse organisieren, existieren bislang kaum. Studien zeigen zwar, dass moderne KI-Systeme immer längere Aufgabenketten ohne menschliches Eingreifen bearbeiten können, gleichzeitig stoßen sie bei offenen, langfristigen Projekten weiterhin schnell an Grenzen. Auch die tatsächliche wirtschaftliche Nutzung konzentriert sich derzeit noch stark auf unterstützende Funktionen statt vollständiger Automatisierung. KI agiert heute noch überwiegend als Assistent und nicht als unabhängiger Akteur.
Dennoch zeichnet sich bereits ab, wie eine solche Ökonomie in den kommenden Jahren aussehen könnte, denn kaum eine Technologie wächst so rasant wie die der Künstlichen Intelligenz. Besonders realistisch erscheinen für KI-Agenten daher zunächst klar definierte digitale Aufgaben: Agenten könnten eigenständig Cloud-Kapazitäten buchen, Rechenleistung einkaufen, Stablecoin-Bestände verwalten, wiederkehrende Zahlungen ausführen oder APIs verschiedener Anbieter gegeneinander optimieren. Gerade dort, wo Arbeit vollständig digital, messbar und standardisierbar ist, entstehen erste sinnvolle Einsatzfelder. Der offene Krypto-Bereich ist aufgrund seiner rein digitalen Infrastruktur daher wie gemacht für das Zusammenspiel von KI-Agenten.

Warum gerade Krypto-Infrastruktur für KI-Agenten interessant wird
Der zentrale Unterschied zu traditionellen Finanzsystemen liegt in der technischen Architektur. Digitale Vermögenswerte werden über kryptografische Schlüssel kontrolliert und lassen sich dadurch direkt in Software integrieren. Öffentliche Blockchains bieten zudem Funktionen, die für autonome Systeme besonders relevant sind: permanente Verfügbarkeit, programmierbare Zahlungen, automatisierte Ausführungen mittels smart contracts und maschinenlesbare Zustände. Während klassische Finanzsysteme stark auf menschliche Freigaben, Bankenöffnungszeiten und manuelle Compliance-Prozesse ausgelegt sind, sind Blockchain-Netzwerke bereits heute automatisierte und offene Systeme, auf denen sich in Sekundenbruchteilen Kapital bewegen lässt. Für KI-Agenten ist das ein entscheidender Unterschied.
Besonders relevant werden dabei Stablecoins. Denn autonome Systeme benötigen keine volatilen Assets zur Spekulation, sondern eine stabile, global interoperable Recheneinheit für kontinuierliche Mikrotransaktionen. Genau in diesem Bereich entsteht derzeit eine neue Infrastruktur-Schicht für sogenannte „machine-native payments“. Neue Standards integrieren Zahlungen direkt in Web-Interaktionen und ermöglichen es digitale Dienstleistungen automatisch gegeneinander abzurechnen. Unterstützt werden solche Standards inzwischen unter anderem von Coinbase, Stripe, Cloudflare, Visa oder Mastercard.
Wert von KI-Agenten liegt im Detail
Besonders naheliegend erscheinen Einsatzfelder für KI-Agenten dort, wo Märkte bereits vollständig digitalisiert sind. Trading und Marktanalyse sind deshalb der Ausgangspunkt für autonome Agentensysteme. Kryptomärkte liefern kontinuierliches Feedback, sind rund um die Uhr geöffnet und lassen sich vollständig datenbasiert analysieren. KI-Agenten könnten dort eigenständig Liquidität verschieben, Handelsstrategien ausführen oder Stablecoin-Reserven verwalten.
Die eigentliche ökonomische Bedeutung solcher Systeme dürfte daher weniger in spektakulären humanoiden KI-Assistenten liegen als in Millionen kleiner Optimierungsentscheidungen innerhalb digitaler Märkte. Der Wert entsteht durch niedrigere Suchkosten, schnellere Ausführung, effizientere Kapitalnutzung und automatisierte Mikrotransaktionen.
Ethereum und Solana nehmen unterschiedliche Rollen ein
Mit wachsender Nutzung stellt sich zunehmend die Frage, welche Blockchain-Netzwerke sich für agentenbasierte Anwendungen überhaupt eignen. Dabei zeichnet sich zunehmend eine funktionale Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Netzwerken ab. Ethereum (ETH) bleibt vor allem dort stark, wo Liquidität, Stablecoin-Abwicklung, Kreditmärkte oder komplexe Finanzanwendungen benötigt werden. Die Infrastruktur rund um Smart Wallets und digitale automatisch ausgeführte Verträge (smart contracts) sind im Ethereum-Ökosystem derzeit am weitesten entwickelt.

Solana (SOL) wiederum eignet sich besonders für hochfrequente Anwendungen. Niedrige Gebühren und schnelle Bestätigungszeiten machen das Netzwerk attraktiv für Mikrotransaktionen und agentenbasierte Interaktionen mit geringer Marge. Langfristig spricht daher vieles nicht für Abwicklung auf einer einzelnen Blockchain, sondern für eine Multi-Chain-Struktur: schnelle Mikrozahlungen und häufige Interaktionen auf günstigen Netzwerken, während größere Liquidität, Besicherung und Abwicklung weiterhin stärker im Ethereum-Ökosystem stattfinden. Die Herausforderung wird darin bestehen, die Kompatibilität und das reibungslose Zusammenspiel zwischen diesen verschiedenen Blockchains zu gewährleisten.
Ungenutzte Rechenleistung über die Blockchain teilen
Neben Zahlungsinfrastruktur könnte auch der Markt für Rechenleistung durch Krypto-Netzwerke nach vorne gebracht werden. Das Protokoll Render (RNDR) etwa ist ein dezentrales Netzwerk, das ungenutzte GPU-Rechenleistung über die Blockchain für 3D-Rendering und KI-Anwendungen bereitstellt. Render versucht, ungenutzte GPU-Kapazitäten – etwa die des eigenen Smartphones oder PCs – in einen offenen Marktplatz für Rendering- und KI-Workloads zu überführen. Solche Netzwerke könnten helfen, die extreme Nachfrage nach GPU-Ressourcen breiter zu verteilen und zusätzliche Kapazitäten verfügbar zu machen.
Für hochsensible Unternehmensanwendungen oder das Training großer Modelle dürften klassische Cloud-Anbieter wie AWS, Microsoft oder Google jedoch vorerst dominant bleiben. Zu groß sind dort weiterhin die Anforderungen an Sicherheit, Verfügbarkeit und niedrige Latenz.
Krypto muss sich an nicht-menschliche Teilnehmer anpassen
Sollten KI-Agenten künftig tatsächlich eigenständig wirtschaftlich agieren, verändert sich auch die Rolle von Token-Systemen. Viele heutige Krypto-Modelle wurden implizit für menschliche Nutzer entworfen, autonome Systeme stellen jedoch andere Anforderungen. Alltägliche Transaktionen dürften überwiegend über Stablecoins abgewickelt werden, da Agenten planbare Preise und geringe Volatilität benötigen. Native Tokens wie Bitcoin und Ether könnten dennoch wichtig bleiben, zum Beispiel für Staking, Governance oder Zugangsrechte innerhalb dezentraler Netzwerke.
Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Identität und Berechtigungen. KI-Agenten benötigen Zugriffsrechte, Ausgabenlimits, Session-Keys oder Treuhandmodelle, die Ihnen die Verwaltung digitaler Assets erlauben. Auch Reputation wird wichtiger: Märkte müssen künftig unterscheiden können, ob sie mit einem Menschen oder einem autonomen System interagieren. Parallel dazu entwickelt sich die Infrastruktur für Mikrozahlungen weiter. Systeme wie Nanopayments des börsennotierten Stablecoin-Anbieters Circle sollen künftig selbst Transaktionen im Bereich von Millionstel-Dollar wirtschaftlich ermöglichen. Genau solche Modelle könnten entscheidend werden, wenn künftig Milliarden kleiner Maschinenzahlungen stattfinden.

Mehr Automatisierung bedeutet auch neue Risiken
Die zunehmende Automatisierung digitaler Märkte bringt allerdings neue Risiken mit sich. Schon heute verursachen Spam-Bots und automatisierte Handelsstrategien erhebliche Belastungen für Blockchain-Netzwerke. Untersuchungen zeigen, dass Bot-Aktivitäten zeitweise mehr als die Hälfte des Gebührenverbrauchs einzelner Netzwerke verursachten, teilweise entfiel der Großteil solcher Aktivitäten auf nur wenige Akteure. Skalieren Anwender solche Bots, könnten sie Netzwerke „verstopfen“ und die Gebühren für alle Nutzer gezielt in die Höhe treiben. Gleichzeitig steigt mit wachsender Automatisierung auch die Sicherheitsgefahr. Schon jetzt fließen jährlich Milliardenbeträge aus gehackten Krypto-Protokollen und Wallets ab, wobei kompromittierte Wallets von Privat-Anwendern zunehmend an Bedeutung gewinnen. Für Anleger erhöht sich damit die Bedeutung sicherer Verwahrungslösungen erheblich.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem vieler autonomer Systeme: Nicht jede ökonomisch effiziente Strategie ist auch gesellschaftlich wünschenswert. Gerade in frühen Phasen könnten KI-Agenten deshalb zunächst besonders erfolgreich in Bereichen wie Spam, Arbitrage, Betrug oder aggressiver Extraktion werden – also dort, wo digitale Märkte geringe Vertrauensanforderungen haben. Genau deshalb dürfte die nächste Entwicklungsphase der Krypto-Ökonomie weniger von vollständig autonomen KI-Unternehmen geprägt sein als von hybriden Systemen. Menschen definieren Regeln und Kontrollmechanismen, während Agenten zunehmend operative Aufgaben übernehmen. Der Übergang von assistierenden KI-Systemen zu eigenständigen ökonomischen Akteuren dürfte damit eher schrittweise und nicht in einem Rutsch erfolgen.
Ein Beitrag von Johanna Belitz
Sie ist Head of Nordics bei Valour. Zuvor war Belitz bei BNP Paribas, wo sie das ETP-Geschäft in Schweden und Finnland aufgebaut hat. Valour Inc. und Valour Digital Securities Limited emittieren ETPS, die privaten und institutionellen Anlegern einen einfachen und sicheren Zugang zu digitalen Vermögenswerten über ihr traditionelles Bankkonto ermöglichen. Valour ist Teil des Geschäftsbereichs Asset Management von DeFi Technologies Inc. Die Muttergesellschaft ist an der Nasdaq notiert.
Entstanden ist der Beitrag in Zusammenarbeit mit Reflexivity Research, einer Tochtergesellschaft von DeFi Technologies.
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