KI und Raumfahrt – Zwischen schöner Vision und harter Realität

Wo liegen die Chancen und Risiken von KI und Raumfahrt, die ohnehin immer größere Schnittmengen aufweisen?

Bildquelle: unsplash / SpaceX

Die Serie „Raumschiff Enterprise“ habe ich als Kind geliebt. Damals war ich von dieser fremden, völlig irrealen Welt mit ihren technologisch fantastischen Möglichkeiten fasziniert. Heutzutage ist zwar immer noch viel Fantasie. Doch nimmt die kommerzielle Dimension der Raumfahrt ohne Zweifel deutlich zu. Neben KI ist sie das zweite markante Zukunftsthema auch an der Börse. Wo liegen die Chancen und Risiken beider Branchen, die ohnehin immer größere Schnittmengen aufweisen?

Parallelen zur Tech- und Immobilien-Euphorie?

Mit dem Weltall-Märchen von „Raumschiff Enterprise“ oder von „Star Wars“ hat Raumfahrt heute nichts mehr zu tun. Die Realität des Börsengangs von SpaceX verschiebt die komplette Statik im Tech-Sektor. SpaceX ist Raumfahrtunternehmen, globaler (KI-)Infrastrukturkonzern und weltweit größter Satellitennetzbetreiber. Neben hochmoderner Satelliten- und Raketentechnik will man zukünftig Rechenzentren im All und deren Vermietung, industrielle Fertigung im Orbit, Asteroidenbergbau, Energieerzeugung auf dem Mond und dem Mars sowie Weltraumtourismus und multiplanetares Leben anbieten. „Faszinierend“ würde Spock, der legendäre Wissenschaftsoffizier auf der USS Enterprise, dazu sagen.

Beim Thema Raumfahrt haben wir es gleichzeitig mit ganz viel Faszination und ganz viel Hype zu tun. Angesichts der allerhöchsten Bewertung von SpaceX und den roten Zahlen haben viele Anleger ein Déjà-vu. Sie erinnern sich, dass der durchschnittliche Börsengang zwischen 1980 und 2024 in den drei Jahren nach Börseneinführung den Gesamtmarkt um 20 Prozentpunkte underperformte. Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als dem 40 fachen des Umsatzes schnitten sogar um knapp 60 Prozentpunkte schlechter ab. Und SpaceX geht sogar mit mehr als dem 90 fachen des Umsatzes an die Börse.

Überhaupt wird geargwöhnt, dass IPOs vielfach gegen Ende von Hausse Phasen durchgeführt wurden, um den sehr positiven Zeitgeist noch schnell für das Kasse machen zu nutzen. Immerhin wollen die zwei KI-Assistenten Anthropic und OpenAI bis September auch noch an die Börse gehen. Obwohl auch sie rote Zahlen schreiben, sind auch hier keine Schnäppchenpreise zu erwarten.

Dann, so die IPO-Skeptiker weiter, könnten mögliche fundamentale Ernüchterungen nach Börsengängen nicht nur die drei Börsenneulinge abstrafen, sondern den gesamten High-Tech-Sektor mit in Geiselhaft nehmen.

„Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld“

Eine weitere Gefahr sei, dass der allgemeine Aktienmarkt unter Liquiditätsnot leidet. Beispielsweise sind beim Nasdaq und FTSE Russell Fast Entry-Möglichkeiten der Indexaufnahme geschaffen worden, die bei MSCI schon länger existieren. Folglich müssen z.B. ETFs nach Börseneinführung dann SpaceX, Anthropic und OpenAI zügig zu ihrer hoch marktkapitalisierten Gewichtung kaufen. Neben einer noch höheren Bewertung würde dieses „Trio Grandioso“ anderen Titeln das Wasser abgraben und zu Kursverlusten führen.

Doch ist kaum mit Wasserknappheit im Weltmeer der Wall Street zu rechnen. Die drei Börsengänge haben zwar immer noch ein Volumen von 200 Mrd. US-Dollar. Allerdings sind sie im Verhältnis zur Marktkapitalisierung des Wilshire 5000 von 75,6 Bill. US-Dollar, zu einem S&P 500 von nahezu 60 Bill. und Nasdaq 100 von 42 Bill. absolut tragfähig. Mühelos haben die US Börsen 2025 etwa 232 Mrd. an neuen Aktienemissionen aufgenommen. Und sicher wissen die drei Unternehmen, dass sie den Markt nicht überstrapazieren dürfen, auch, weil sie über knappe IPOs die Preise hochhalten wollen.

Die Substanzfrage ist die Gretchenfrage von KI

Gemäß dem Motto „buy the rumor, sell the fact“, könnte der Tech-Sektor zwischenzeitlich durchaus in Bedrängnis geraten. Aber eine Existenzkrise wie beim Neuen Markt oder einem lang andauernden Bärenmarkt ist mit Blick auf die Branchenbedingungen nicht zu erwarten. Im laufenden Jahr werden mehr als 750 Mrd. Dollar in KI-Infrastruktur investiert. Schätzungen zufolge könnten es 2027 sogar ca. 1,2 Bill. Dollar sein, die in Halbleiter, Rechenzentren oder Stromnetze fließen. Nicht zuletzt zehren die High-Tech-Werte von einer immer breiteren KI-Adoption in allen Industrien und Dienstleistungen.

Und High-Tech vereint nicht nur einen überproportionalen Anteil der Marktkapitalisierung an der Börse auf sich, sondern auch den Löwenanteil des Gewinnwachstums. Aus Bewertungssicht sind US-Tech-Aktien aktuell im historischen Vergleich zudem gemäßigt bewertet. Da ist Substanz am Knochen.

Der Weltraum – Unendliche Weiten bei endlichen Börsen-Möglichkeiten?

Wie bei allen technologischen Revolutionen ist auch die Raumfahrt im visionären Überschwang geboren. Doch gibt es bereits viel positive Realität. Im Zukunftsfeld Satellitentransport hat die Starship-Rakete von SpaceX eine Kapazität von über 200 Tonnen, beinahe zehnmal mehr als die Ariane 6. Sie ist preisgünstig, weil sie wiederverwertbar ist und zur Abschussrampe zurückkehrt. Über Serienproduktion soll das Starship 2027 wöchentlich Satelliten ins All bringen, ab 2030 täglich.

Und Starlink, das aktuelle Herzstück von SpaceX, verfügt über ein Netz von über 10.000 Starlink-Satelliten im Erdorbit und ist damit mit Abstand der größte Satellitenbetreiber weltweit. Zum Kerngeschäft gehören die Bereitstellung von besonders schnellen Internetzugängen und die Abdeckung von Gebieten, in denen zuvor keine oder eine nicht ausreichende Internetverbindung zur Verfügung stand. Die Datenübertragung erreicht ein Terabyte pro Sekunde bei 20 Millisekunden Latenz. Das ist 5G-Niveau, beinahe überall auf der Welt.

Übrigens setzen ebenso die Chinesen alles daran, in der Raumfahrt mitzuspielen. Sie wissen, wer im All das Sagen hat, hat es auch auf der Erde. So wird die Branche von zwei Seiten massiv dynamisiert. Allein das US-Space Force-Budget wird 2027 bei 71 Mrd. Dollar und damit 78 Prozent gegenüber Vorjahr liegen.

Auch ist Raumfahrt keine One Man- bzw. Two Men-Show. Der Weltraum-Boom zieht eine ganze Industrie und ihre Kurse mit sich. Zulieferer in Europa liefern Komponenten, Technologie und Dienstleistungen für die Weltraum-Infrastruktur. Sie verdienen bei jedem ins All geschossenen Satelliten mit und sind im Vergleich zu hochgejazzten IPOs moderat bewertet. Mit ihnen haben die Anleger das „All-seitige“ Ökosystem im Depot.

Insgesamt, wenn Anleger bei den IPOs nicht dabei sein wollen, können sie anschließend, wenn sich die anfänglichen Kurs-Wogen geglättet haben, in aller Ruhe einen zweiten fundamentalen Blick auf die Börsenfrischlinge werfen und dann entscheiden, ob sie einsteigen oder nicht.

So oder so, längerfristig sind Raumfahrt und KI und vor allem ihre Symbiose solide Geschäftsmodelle und Megathemen an der Börse.

Und der aktuelle IPO-Hype an der Börse, meinetwegen auch der Wahnsinn, gehören dazu. Menschen wie Elon Musk sind die Backhefe für neue Entwicklungen im Technik-Kuchen. Und wenn er zukünftig multiplanetares Leben ermöglichen will, um die Menschheit vor dem gleichen Schicksal wie die Dinosaurier zu bewahren, soll er das doch gerne tun.

RobertHalverEin Beitrag von Robert Halver.

Robert Halver ist Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. Das Haus mit Sitz in Unterschleißheim bei München ist eine der führenden Investmentbanken in Deutschland und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten. Halver beschäftigt sich seit 1990 mit Wertpapieren und Anlagestrategien.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/Newsletter-Disclaimer-725.

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