Warum Deutschland seinen größten Finanzirrtum wiederholt

60 Prozent der Deutschen fühlen sich im Alter nicht abgesichert. Nur 19 Prozent wollen das neue Altersvorsorgedepot nutzen. Ein Widerspruch, der teuer werden könnte – und warum Baustein-Aktien die einfachere Antwort sind.

(Bildquelle: Pixabay / TungArt7)

Liebe Leserinnen und Leser,

Deutschland hat ein Rentenproblem. Das ist keine neue Erkenntnis – das wissen wir seit Jahrzehnten. Was uns eine aktuelle Umfrage jedoch mit erschreckender Präzision zeigt, ist ein anderes Problem: Deutschland hat auch ein Erkenntnisproblem. Und ein Entscheidungsproblem. Und vermutlich auch ein Vertrauensproblem.

Die Bundesregierung plant bekanntlich das staatlich geförderte Altersvorsorgedepot – ein Instrument, das Bürgerinnen und Bürgern endlich ermöglichen soll, kapitalmarktbasiert für das Alter vorzusorgen, mit staatlicher Förderung und steuerlichen Vorteilen. Klingt vernünftig. Klingt überfällig. Klingt nach einem Schritt in die richtige Richtung.

Und wie reagiert Deutschland darauf?

Nur 19 Prozent der Befragten einer Studie geben an, in den kommenden zwölf Monaten wahrscheinlich ein solches Depot eröffnen zu wollen. 58,1 Prozent halten das für unwahrscheinlich. Fast die Hälfte der Bevölkerung hat noch nie vom Altersvorsorgedepot gehört. Und lediglich 27 Prozent halten das neue Modell für attraktiver als klassische Altersvorsorgeprodukte.

Man reibt sich die Augen. Ein Land, in dem 60 Prozent der Menschen sich im Alter finanziell nicht gut abgesichert fühlen, schaut einem staatlich geförderten Vorsorge-Instrument weitgehend desinteressiert hinterher. Das ist in etwa so, als würde man im strömenden Regen auf einen freien Regenschirm starren und lieber nass werden.

Die Lücke zwischen Wissen und Handeln

Tobias Spreiter vom Online-Broker flatex, der die Umfrage in Auftrag gegeben hat, formuliert es diplomatisch: „Zwischen grundsätzlicher Offenheit und konkreter Entscheidung klafft derzeit noch eine Lücke.“ Das ist freundlich ausgedrückt. Denn diese Lücke ist riesig.

Rund 35 Prozent der Befragten können sich grundsätzlich vorstellen, das Depot zu nutzen. Aber nur 19 Prozent wollen es wirklich tun. Das bedeutet: Fast die Hälfte derer, die prinzipiell interessiert sind, schreckt beim letzten Schritt zurück. Die Zustimmung verdunstet auf dem Weg von der Theorie zur Praxis.

Das ist kein neues Phänomen. Behavioral Finance nennt es den „Intention-Action Gap“ – die Kluft zwischen dem, was Menschen sagen zu wollen, und dem, was sie tatsächlich tun. An der Börse manifestiert sich dieser Gap auf erschreckende Weise: Menschen wissen, dass sie für das Alter sparen sollten. Sie wissen, dass das Sparbuch keine Rendite bringt. Sie wissen, dass die gesetzliche Rente allein nicht reicht. Und dennoch: Sie tun es nicht.

Selbst für den deutschen Aktienmarkt haben die Deutschen wenig übrig. (Bildquelle: Pressefoto Deutsche Börse AG)

Angst vor dem Kapitalmarkt – eine deutsche Tradition

Die Gründe für die Zurückhaltung gegenüber kapitalmarktbasierten Anlagen sind altbekannt. Als wichtigste Argumente gegen ETF-Investments nennen die Befragten: zu hohes Risiko (32,7 Prozent), finanzielle Schwankungen (24,5 Prozent) und steuerliche Aspekte (22,5 Prozent).

Risiko. Schwankungen. Steuern. Diese drei Worte erklären, warum Deutschland seit Jahrzehnten die Aktienmuffel-Nation Europas ist. Während unsere Nachbarn in Schweden, den Niederlanden oder der Schweiz selbstverständlich in Aktien investieren und davon profitieren, hält Deutschland an Sparbuch, Lebensversicherung und Tagesgeld fest – und wundert sich dann, warum das Vermögen nicht wächst.

Das Traurige daran: Die Angst vor dem Risiko ist das eigentliche Risiko. Wer Schwankungen fürchtet und deshalb nicht investiert, nimmt ein viel größeres Risiko in Kauf: das Risiko, im Alter nicht genug Geld zu haben. Inflation frisst das Ersparte. Das Sparbuch zahlt keine Rendite. Und die gesetzliche Rente deckt – je nach Einkommensbiografie – oft nur einen Bruchteil des gewohnten Lebensstandards.

Das Altersvorsorgedepot: Chance und Herausforderung

Das geplante Altersvorsorgedepot ist der Versuch, genau dieses Problem zu lösen. Staatliche Förderung, steuerliche Vorteile, Kapitalmarktrenditen für die breite Bevölkerung. Das ist strukturell richtig und längst überfällig. Schweden macht es seit Jahrzehnten vor, Großbritannien mit dem ISA-Modell ebenfalls, die USA mit 401(k)-Plänen sowieso.

Doch das Konzept allein reicht nicht. Spreiter hat recht, wenn er fordert, den Zugang „so einfach, transparent und verständlich wie möglich zu gestalten und Vertrauen in kapitalmarktorientierte Altersvorsorge aufzubauen“. Vertrauen ist das Schlüsselwort. Und Vertrauen entsteht nicht durch Paragrafen, Förderrichtlinien und Pressemitteilungen. Es entsteht durch Bildung, Erfahrung und – ja – durch gute Ergebnisse.

Das Henne-Ei-Problem ist offensichtlich: Menschen vertrauen dem Kapitalmarkt nicht, weil sie keine Erfahrung damit haben. Und sie sammeln keine Erfahrung, weil sie dem Kapitalmarkt nicht vertrauen.

Das Spiel von Bulle und Bär mißverstehen viele Deutsche und gehen lieber das Risiko ein, garnicht an der Börse aktiv zu sein. (Bildquelle: Pressefoto Deutsche Börse AG)

Was die Zahlen verschweigen

Doch hinter den nüchternen Prozentzahlen steckt eine menschliche Tragödie. Jene 60 Prozent der Befragten, die sich im Rentenalter nicht gut abgesichert fühlen, werden dieses Gefühl wohl auch in den nächsten Jahren nicht loswerden. Denn das Altersvorsorgedepot nutzt nur, wer es auch eröffnet. Die beste staatliche Förderung verpufft, wenn niemand sie in Anspruch nimmt.

Und wir reden hier nicht über ein kurzfristiges Problem. Wer heute 40 Jahre alt ist und keine private Altersvorsorge hat, hat noch 25 Jahre bis zur Rente. Das ist genug Zeit, um gegenzusteuern. Aber nur, wenn man jetzt anfängt.

Das Tückische am Altersvorsorgeproblem ist seine Langfristigkeit. Es ist nicht wie ein Wasserrohrbruch, den man sofort bemerkt und sofort repariert. Es ist wie ein langsam sinkender Grundwasserspiegel – man merkt es erst, wenn der Brunnen trocken ist.

Der richtige Weg: Einfach, verständlich, verlässlich

Was brauchen Menschen, um den Schritt zu wagen? Drei Dinge. Erstens Einfachheit: Das Instrument muss so unkompliziert sein, dass auch Menschen ohne Finanzwissen es nutzen können. Zweitens Transparenz: Keine versteckten Gebühren, keine undurchsichtigen Konstruktionen, keine Überraschungen. Drittens Verlässlichkeit: Die Gewissheit, dass das angelegte Geld für sie arbeitet – nicht für Vermögensverwalter.

Genau hier zeigt sich übrigens, warum der Ansatz, der hinter dem Altersvorsorgedepot steht, richtig ist: Kapitalmarktbasierte Altersvorsorge funktioniert. Die Geschichte beweist es. Die globalen Aktienmärkte haben über lange Zeiträume regelmäßig positive Renditen erzielt – trotz aller Krisen, Crashs und Korrekturen.

Der Erfolg vieler Amerikaner an der US-Börse zeigt, wie gute Altersvorsorge aussehen kann. (Bildquelle: Unsplash / Rafael AS Martins)

Unser mE-Fazit

Das Altersvorsorgedepot ist ein richtiger Schritt. Staatliche Förderung, Kapitalmarktrenditen, langfristiger Vermögensaufbau – all das klingt vernünftig. Doch Konzepte helfen nicht, wenn Menschen sie nicht verstehen oder ihnen nicht vertrauen.

Deshalb ist unser Ansatz bei marktEINBLICKE so simpel wie effektiv: Baustein-Aktien. Solide Unternehmen mit bewährten Geschäftsmodellen, stabilen Dividenden und echter Preissetzungsmacht. Nestlé, Microsoft, Siemens, Coca-Cola, Allianz – Unternehmen, die man versteht, deren Produkte man täglich nutzt und deren Geschäftsmodell seit Jahrzehnten funktioniert.

Keine undurchsichtigen Fonds. Keine komplexen ETF-Konstruktionen. Keine Angst vor Schwankungen – weil man weiß, was man hält und warum. Wer Baustein-Aktien im Depot hat, braucht kein staatliches Altersvorsorgedepot, um zu verstehen, wie Kapitalmarktanlage funktioniert. Er erlebt es jeden Tag.

Ob das neue staatliche Modell ein Erfolg wird, hängt davon ab, ob es gelingt, Menschen aus dem Intention-Action-Gap herauszuholen. Die Förderung ist gut. Die Idee ist richtig. Aber am Ende entscheidet das Vertrauen. Und das baut man auf – Baustein für Baustein.

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Christoph A. Scherbaum & Marc. O. Schmidt

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