Kursverluste, Kauflaune und ein Markt, der erwachsen wird

Was das zweite Halbjahr an den Börsen von Anlegern wirklich verlangt.

(Bildquelle: unsplash / Christian Waske)

Liebe Leserinnen und Leser,

der Juni war kein einfacher Monat für Tech-Anleger. NVIDIA (WKN: 918422 / ISIN: US67066G1040), Microsoft, Amazon, Meta, Apple – alle unter Druck, alle mit teils deutlichen Kursverlusten. Wer nur auf die Kurszahlen schaut, könnte meinen, die große KI-Euphorie sei vorbei, das Vertrauen gebrochen, die Party beendet.

Doch dann schauen wir uns an, was deutsche Anleger tatsächlich getan haben. Und die Antwort ist verblüffend: Sie haben zugekauft.

Eine Auswertung des Anlageverhaltens von mehr als 450.000 deutschen Privatanlegern zeigt: Selbst als Microsoft, Amazon und Co. im Juni zweistellig an Wert verloren, nutzten viele Anleger die niedrigeren Kurse zum Einstieg. Bei jedem dieser Titel sank das investierte Vermögen weniger stark als der Kurs – was mathematisch nur bedeuten kann: Nettokäufe. Tobias Spreiter von flatex bringt es auf den Punkt: „Die Kursverluste bei KI-Aktien spiegeln eher eine Marktkorrektur wider als einen Vertrauensverlust der Anleger. Zweifel an der Rentabilität der massiven KI-Investitionen belasten derzeit die Kurse, nicht die Kauflaune.“

Das ist eine interessante Beobachtung. Und es ist eine, die über den Juni hinaus Bedeutung hat.

Struktur schlägt Stimmung – auch im zweiten Halbjahr

Was sich im Anlegerverhalten zeigt, spiegelt sich auch in den Erkenntnissen von Michel Saugné, CIO bei LFDE. Der Vermögensverwalter beschreibt treffend, was sich gerade an den Märkten verändert: „Die Zeiten der einfachen Beta-Generierung und der einvernehmlichen Wetten auf den Aktienmarkt könnten enden und nach und nach einer anspruchsvolleren Phase weichen.“ Mit anderen Worten:

Das Herdentrieb-Investieren – einfach breit in den Markt, Augen zu, Rally genießen – wird schwieriger. Was kommt stattdessen? „Eine Phase, in der das Gewinnwachstum, die Bewertungen, die Aktienrenditen und die Beständigkeit der Fundamentaldaten wieder die eigentlichen Performancetreiber sind.“ Das ist keine schlechte Nachricht. Es ist eine Einladung zur Differenzierung. Denn wer in den vergangenen Jahren auf Qualität statt auf Hype gesetzt hat, ist für genau diese Phase gerüstet.

(Bildquelle: Unsplash / Daniel Brzdęk)

Was die Zahlen über Prioritäten verraten

Interessant ist nicht nur, was deutsche Anleger im Juni gekauft haben – sondern auch, was sie gehalten haben. Trotz aller Turbulenzen finden sich Nvidia, Alphabet, Apple, Amazon und Microsoft weiterhin in den Top Ten der beliebtesten Aktien. Aber auch Allianz, Siemens Energy, Rheinmetall, Siemens und Münchener Rück. Besonders bemerkenswert: Die Münchener Rück schaffte nach längerer Zeit wieder den Sprung in die Top Ten – mit einem Zuwachs von 15 Prozent beim investierten Vermögen. Die Allianz legte 5,8 Prozent zu.

Das sind keine Zufälle. Das sind Qualitätsunternehmen mit starken Fundamentaldaten, verlässlichen Dividenden und robusten Geschäftsmodellen. Dass Anleger in einem schwierigen Monat genau diese Titel kaufen oder halten, zeigt: Die Botschaft kommt an. Substanz schlägt Stimmung.

Auf der anderen Seite des Spektrums: Öl- und Gaswerte verloren 12,8 Prozent an investiertem Kapital, Rohstoffe 14 Prozent, Kryptowährungen 14,5 Prozent. Das Iran-Friedensabkommen, das die Ölpreise drückte, und die Erwartung weiterer Zinsschritte der Fed erklären diese Bewegungen. Spreiter kommentiert nüchtern: „Bei Edelmetallen und Kryptowährungen hängt die Zurückhaltung wahrscheinlich mit der Erwartung weiterer Zinsschritte der US-Notenbank zusammen.“

Europa: Der unterschätzte Kandidat

Während viele Anleger noch auf US-Tech starren, lenkt Saugné den Blick auf einen Markt, der in globalen Portfolios chronisch untergewichtet ist: Europa. „Anleger sind weiterhin untergewichtet und das Exposure an den europäischen Märkten liegt immer noch nahe historischer Tiefstände. Die Bewertungen haben sich normalisiert, die Übertreibungen wurden abgebaut.“

Das ist eine strukturelle Chance. Denn wenn die geopolitische Entspannung anhält, könnten sinkende Energiepreise und nachlassender Inflationsdruck den Weg für eine breitere Markterholung ebnen. Europa – lange unter seinem Wachstums- und Technologiedefizit leidend – könnte erhebliches Aufwärtspotenzial entwickeln. Besonders spannend: Small Caps und Qualitätswerte, deren relative Bewertungen sich nach zwei schwierigen Jahren weitgehend normalisiert haben. Auch japanische Aktien rücken wieder in den Fokus globaler Investoren – getragen von Governance-Reformen, soliden Unternehmensbilanzen und einem historisch schwachen Yen.

(Bildquelle: Alex Shuper für Unsplash+)

Selektivität wird zur Pflicht

Was Saugné beschreibt, ist eigentlich das Ende einer Phase, in der Indizes mehr zählten als Unternehmen. „In einer Marktphase, die nicht länger von wenigen dominierenden Titeln getragen wird, entscheidet weniger die Indexzugehörigkeit als vielmehr die Fähigkeit, die richtigen Einzeltitel auszuwählen.“ Stock-Picking statt ETF-Schlafen. Qualität statt Breite. Fundamentaldaten statt Fantasie.

Das klingt nach einem Paradigmenwechsel. Und in gewisser Weise ist es einer. Die Ära, in der man einfach nur einen S&P-500-ETF kaufen musste, um gut dazustehen, könnte sich ihrem Ende nähern. Die nächste Phase belohnt jene, die genauer hinschauen – auf Geschäftsmodelle, Bilanzen, Gewinnqualität, Preissetzungsmacht.

Für Anleger, die ohnehin auf selektive Qualitätsinvestments gesetzt haben, ist das keine Umstellung. Es ist eine Bestätigung.

Was die kommenden Quartalsberichte zeigen werden

Spreiter weist zurecht darauf hin, dass die anstehende Quartalssaison eine Richtungsentscheidung liefern könnte. Unternehmen müssen nun unter Beweis stellen, ob die massiven KI-Investitionen der vergangenen Jahre tatsächlich in Gewinne münden – oder ob die Zweifel berechtigt sind. Genau darin liegt die Spannung des zweiten Halbjahres. Wer liefert, wird belohnt. Wer nur Versprechen hatte, wird bestraft. Das zweite Halbjahr 2026 wird kein einfaches. Aber es wird ein ehrliches.

Unser mE-Fazit

Was flatex-Daten und LFDE-Analyse gemeinsam beschreiben, ist der Übergang von einem stimmungsgetriebenen Markt zu einem fundamentalgetriebenen. Und das ist die Stunde der Baustein-Aktien.

Unternehmen wie Allianz, Münchener Rück, Siemens, Microsoft oder Nestlé verkörpern genau das, was Saugné als entscheidend bezeichnet: „Prognosesicherheit, Qualität, finanzielle Disziplin und nachhaltiges Wachstum.“ Das sind keine Schlagwörter – das sind Geschäftsmodelle, die jahrzehntelang bewiesen haben, dass sie funktionieren.

Wer sein Depot auf solche Baustein-Aktien aufgebaut hat, muss das zweite Halbjahr nicht fürchten. Korrekturen bieten Einstiegschancen. Volatilität ist der Preis für langfristige Rendite. Und wenn der Markt erwachsen wird und wieder zwischen Gewinnern und Mitläufern unterscheidet, dann stehen Qualitätsunternehmen mit echter Substanz auf der richtigen Seite dieser Trennlinie. Baustein-Aktien sind nicht für die einfachen Phasen gebaut. Sie sind für die anspruchsvollen gemacht.

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