SpaceX (WKN: A42D4F / ISIN: US84615Q1031) ist an die Börse gegangen, mit einer Bewertung von rund 1,75 Billionen US-Dollar. Die Frage, die jetzt jeder stellt, lautet: kaufen? Die bessere Frage lautet: Was lehrt uns dieser Mega-IPO über das Investieren überhaupt?
Es ist der größte Börsengang, den es je gegeben hat. SpaceX, das Raumfahrt- und Satellitenunternehmen von Elon Musk, wird beim Sprung an die Nasdaq mit rund 1,75 Billionen US-Dollar bewertet – mehr als jeder andere Börsenneuling der Geschichte, mehr als Saudi Aramco 2019. In den Tagen danach kennt die Finanzwelt nur ein Thema, und mit ihm eine einzige Frage: Soll man dabei sein?
Genau diese Frage ist der falsche Ausgangspunkt. Denn ein Mega-IPO ist kein Investitionszeitpunkt, sondern ein Marketing-Ereignis. Das Unternehmen und seine frühen Investoren wählen den Moment, zu dem sie verkaufen wollen – nicht den, zu dem ein Privatanleger kaufen sollte. Wer das verinnerlicht, betrachtet den ganzen Rummel mit anderen Augen.
Ein faszinierendes Unternehmen – das stimmt
Vorweg, damit kein Missverständnis entsteht: SpaceX ist ein außergewöhnliches Unternehmen. Es besteht im Kern aus zwei Geschäften. Das erste sind die Raketenstarts: Mit der wiederverwendbaren Falcon 9 dominiert SpaceX den kommerziellen Startmarkt mit über 80 Prozent Anteil – ein Vorsprung, an den kein Wettbewerber kurzfristig herankommt. Das ist ein tiefer, echter Burggraben.
Das zweite, eigentlich spannendere Geschäft ist Starlink, das Satelliten-Internet. Es erzielte 2025 schätzungsweise 10,6 Mrd. US-Dollar Umsatz – rund zwei Drittel des Gesamtumsatzes von 18,67 Mrd. US-Dollar – und arbeitet bereits profitabel, mit Margen, die eher an ein Software-Unternehmen erinnern als an einen Hardware-Hersteller. In einem Satz: SpaceX ist nicht nur eine Raketenfirma, sondern ein Telekommunikationsunternehmen mit einem Raketen-Monopol als Vertriebskanal.
Die Zahlen sind zweideutig
So weit die Bull-Story. Doch die im Börsenprospekt offengelegten Zahlen sind alles andere als eindeutig. Der Umsatz wuchs zwar rasant – um rund ein Drittel allein 2025. Gleichzeitig aber drehte das operative Ergebnis ins Minus, und unter dem Strich stand ein Verlust nach Steuern von fast 5 Mrd. US-Dollar, nach einem nahezu ausgeglichenen Vorjahr. Der Grund sind massive Investitionen in das nächste Raketenprogramm Starship und in Rechenzentren – Geld, das heute abfließt und sich erst in ferner Zukunft auszahlen könnte.
Wachsender Umsatz bei explodierenden Verlusten ist die zweideutigste aller Konstellationen. Es kann der Beginn eines neuen Amazon sein – oder das Muster eines Unternehmens, das nie nachhaltig profitabel wird. Von außen, am Tag des Börsengangs, ist das schlicht nicht zu unterscheiden. Es fehlen die geprüften Quartalszahlen als börsennotiertes Unternehmen, auf deren Basis sich eine seriöse Bewertung erst rechnen ließe.
Die Bewertung setzt Perfektion voraus
Das eigentliche Problem ist nicht das Geschäft, sondern der Preis. Bei rund 1,75 Billionen US-Dollar entspricht die Bewertung etwa dem 87-fachen des für 2026 erwarteten Umsatzes. Zur Einordnung: Ein gesundes Unternehmen liegt bei einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von zwei bis fünf, ein Premium-Wachstumswert vielleicht bei zehn bis fünfzehn, NVIDIA auf dem Höhepunkt der KI-Euphorie bei knapp dreißig. SpaceX startet jenseits davon – bei einem Vielfachen, das voraussetzt, dass über ein ganzes Jahrzehnt praktisch alles perfekt läuft.
Bemerkenswert ist, dass selbst nüchterne Analysten warnen. Das Researchhaus Morningstar bezeichnete SpaceX vor dem Börsengang als deutlich überbewertet und gab zu bedenken, Anleger würden nach dem IPO Gelegenheiten bekommen, die Aktie günstiger zu erwerben. Wenn schon die Optimisten erst für 2028 mit dem ersten positiven Ergebnis je Aktie rechnen, sagt das viel über die Kluft zwischen Preis und gegenwärtiger Substanz.
Drei Regeln für jeden Mega-IPO
Statt einer Kauf- oder Verkaufsempfehlung – die hier ohnehin fehl am Platz wäre – lohnt der Blick auf drei Regeln, die Privatanleger vor dem teuersten IPO-Fehler bewahren. Erstens: niemals am Tag des Börsengangs kaufen. Fast alle großen IPOs waren nach dem ersten Hype günstiger zu haben. Facebook etwa verlor nach seinem Börsengang 2012 rund die Hälfte seines Werts in den ersten Monaten – erst danach begann der jahrelange Anstieg.
Zweitens: auf die erste echte Quartalszahl warten. Erst als börsennotiertes Unternehmen muss SpaceX transparente, geprüfte Berichte liefern. Vorher entscheidet man auf Basis von Marketing-Material, nicht von belastbaren Daten. Und drittens: falls man nach reiflicher Überlegung dennoch dabei sein will, höchstens in der Größe eines Lottoscheins – ein bis zwei Prozent des Vermögens, Geld, dessen Totalverlust nicht weh täte. Eine spekulative Wette muss so klein sein, dass sie die eigene Disziplin nicht gefährdet.
Was bleibt
SpaceX ist ein faszinierendes Unternehmen mit einem echten Monopol und einer realen Wachstumsstory. Und es ist zum jetzigen Zeitpunkt und Preis trotzdem keine rational kalkulierbare Investition – nicht weil das Geschäft schlecht wäre, sondern weil weder Bewertung noch Datenlage eine nüchterne Entscheidung erlauben. In den kommenden Monaten folgen weitere Mega-Börsengänge, OpenAI und möglicherweise Anthropic. Für alle gilt dasselbe: Man muss nicht bei jedem großen IPO dabei sein. Die besten Investoren zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie jede Chance ergreifen – sondern dadurch, dass sie warten können, bis aus einer Story berechenbare Zahlen werden.
Ein Beitrag von David Bader-Egger
Er ist Gründer von Stockanalyzer und Verfechter eines methodischen, verhaltensbewussten Anlagestils.
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