Wenn Profis (zu) viel wetten (?)

Mehr als 80 Prozent der Weltklasse-Investoren setzen auf Halbleiter, der Kassenbestand ist auf Rekordtief, Konsumgüter werden gemieden wie seit 2014 nicht. Wenn alle im selben Zug sitzen – wer steht dann eigentlich auf dem Bahnsteig?

(Bildquelle: Pressefoto Deutsche Börse AG)

Liebe Leserinnen und Leser,

stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Raum mit mehr als 200 der klügsten Investoren der Welt. Zusammen verwalten sie mehr als 550 Mrd. US-Dollar. Jeder Einzelne hat Jahrzehnte Börsenerfahrung. Und fast alle sind gerade euphorisch. Sollte das beruhigen oder beunruhigen?

Die Antwort, die der monatlicher Stimmungssurvey unter globalen Fondsmanagern von der Bank of America liefert, ist eindeutig: Es sollte beunruhigen. Denn wenn professionelle Investoren zu optimistisch werden, ist das historisch kein gutes Zeichen für die nächsten Wochen.

Der sogenannte Bull & Bear Indikator steht aktuell bei 9,4 von 10 möglichen Punkten – und liegt damit im extremen Bullen-Territorium. Der Schwellenwert für ein Verkaufssignal liegt bei 8,0. Mit anderen Worten: Das Sentiment ist auf einem Niveau, das seit Jahren nicht mehr erreicht wurde. Und auf solche Extremwerte folgten historisch fast immer Korrekturen.

Der Boom-Optimismus hat ein Problem: Er ist zu groß

Der Anteil der Fondsmanager, der mit einer Wirtschaftslandung rechnet – also einem „No Landing“-Szenario, bei dem die Wirtschaft einfach weiterläuft – hat einen Rekordwert von 54 Prozent erreicht. Noch im Vormonat erwartete eine Mehrheit Stagflation. Jetzt glauben 41 Prozent an einen regelrechten Boom – den höchsten Wert seit Februar 2022.

Das klingt positiv. Ist es in gewisser Weise auch. Aber Märkte werden nicht von der Realität bewegt, sondern von der Differenz zwischen Realität und Erwartung. Und wenn die Erwartungen schon auf Rekordniveau sind, braucht es nicht viel, um sie zu enttäuschen.

Der Kassenbestand der befragten Fondsmanager fiel auf ein Niveau, das zuletzt im Februar 2026 so niedrig war – rund 3,6 Prozent des verwalteten Vermögens. Historisch gilt: Wenn dieser Wert unter 4,0 Prozent fällt, sendet das System ein Verkaufssignal. Die Botschaft dahinter ist einfach: Investoren haben ihr gesamtes Pulver bereits verschossen. Wer schon voll investiert ist, kann den Markt nicht mehr antreiben.

Halbleiter: Der meistbefahrene Zug der Welt

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf das sogenannte „crowded trade“ – den Handel, in dem die meisten Profis gleichzeitig unterwegs sind. Mit 82 Prozent nennen die befragten Fondsmanager „Long Global Semiconductors“ als überlaufensten Trade des Monats. Das ist ein astronomisch hoher Wert. Auf Platz zwei folgt mit weitem Abstand „Long Magnificent 7“ mit nur noch 7 Prozent.

Was bedeutet das praktisch? Wenn 82 von 100 Profi-Investoren in denselben Zug gestiegen sind, wird es eng. Und wenn der Zug einmal hält, gibt es einen Massenausstieg. Die Korrekturen bei Chipwerten, die wir zuletzt an den Märkten beobachtet haben, sind kein Zufall – sie sind die strukturelle Konsequenz dieser Überfüllung.

Gleichzeitig bleibt das Lager gespalten: 48 Prozent der Befragten denken, KI-Aktien befinden sich nicht in einer Blase. 43 Prozent sagen, doch. Das Votum ist so eng wie eine Volksabstimmung – und entsprechend groß ist die Unsicherheit. Bemerkenswert: Als größtes Schwanzrisiko – das sogenannte Tail Risk – gilt für 45 Prozent der Befragten inzwischen die KI-Blase selbst. Noch im Vormonat war es die zweite Inflationswelle.

Inflation: Eine überraschende Wende

Dabei gibt es auch echte positive Überraschungen. Die Inflationserwartungen haben sich in kürzester Zeit dramatisch gedreht. Noch einen Monat zuvor erwarteten netto 45 Prozent der Fondsmanager steigende globale Inflation. Heute erwarten netto 4 Prozent fallende Inflation – der niedrigste Wert seit Januar 2025. Parallel dazu sank der von den Befragten erwartete Ölpreis per Jahresende von 86 auf 71 Dollar pro Barrel.

Und die Zinserwartungen? 83 Prozent glauben, dass die US-Notenbank Fed bis zu den Midterm-Wahlen im November keine Zinserhöhung vornehmen wird. Die Hoffnung auf geldpolitischen Rückenwind lebt also weiter – auch wenn sie durch steigende Renditen am Anleihemarkt zunehmend unter Druck gerät.

Was Profis kaufen – und was sie meiden

Die Sektorrotation der globalen Fondsmanager ist aufschlussreich. Im Juli flossen Mittel verstärkt in Gesundheitswesen, Industriewerte und Eurozone-Aktien. Abgebaut wurden Positionen in Energie, Rohstoffen und britischen Aktien. Konsumgüterproduzenten – also Unternehmen des alltäglichen Bedarfs – werden so stark gemieden wie seit Februar 2014 nicht mehr. Netto 32 Prozent sind in Konsumgüter-Aktien untergewichtet.

Das ist ein wichtiger Hinweis. Denn Konsumgüterunternehmen – Nestlé, Unilever, Procter & Gamble, Henkel – gelten als defensive Qualitätswerte. Wenn Profis sie verkaufen, weil sie stattdessen auf Boom und KI setzen, steigen die Chancen für langfristige Anleger, die genau diese Titel günstig einsammeln können.

Bemerkenswert ist auch eine Trendwende, die seit Mai 2017 nicht mehr zu beobachten war: Zum ersten Mal seit fast einem Jahrzehnt erwarten mehr Fondsmanager, dass Aktien mit niedrigen Dividendenrenditen besser abschneiden als Aktien mit hohen Dividendenrenditen. Wachstum schlägt Einkommen – zumindest in der Erwartungshaltung der Profis.

Europa erholt sich – Japan kehrt zurück

Regional gibt es interessante Verschiebungen. Die Eurozone war noch vor einem Monat mit 15 Prozent netto untergewichtet. Jetzt ist sie mit 2 Prozent netto übergewichtet – ein schneller Meinungsumschwung, der zeigt, wie sensitiv institutionelle Flows auf Stimmungsänderungen reagieren.

Japan dreht von 5 Prozent Untergewichtung auf 3 Prozent Übergewichtung. Beide Märkte haben noch erhebliches Aufholpotenzial im Vergleich zu den USA, die auf dem höchsten Übergewichtungsniveau seit Dezember 2024 liegen.

Das Vereinigte Königreich hingegen wird so stark gemieden wie seit August 2020 nicht mehr – netto 37 Prozent untergewichtet. Das ist ein historisch extremes Niveau und könnte mittelfristig eine Contrarian-Chance darstellen.

Was passiert, wenn alle falsch liegen?

Der eigentliche Nervenkitzel dieser Umfrage liegt in den sogenannten Contrarian Trades – den Wetten gegen den Konsens. Wenn 82 Prozent der Profis in Halbleiter investiert sind und fast alle an den Boom glauben, dann sind die Trades, die in einem überraschend anderen Szenario funktionieren, genau die entgegengesetzten: Anleihen, defensive Konsumgüter, Dividendentitel, britische Aktien.

Das ist kein Aufruf zum blindem Contrarian-Investing. Aber es ist eine Erinnerung daran, dass Konsens an der Börse selten belohnt wird. Wer denkt wie alle anderen, hat selten einen Vorteil.

Was das alles für Anleger bedeutet

Die monatliche Stimmungserhebung unter globalen Fondsmanagern ist eines der aufschlussreichsten Dokumente, die es gibt – nicht, weil sie die Zukunft vorhersagt, sondern weil sie zeigt, wie weit das professionelle Lager schon in eine bestimmte Richtung gelaufen ist. Und je weiter es läuft, desto größer ist das Rückschlagsrisiko.

Für Privatanleger lässt sich daraus eine klare Botschaft ableiten: Wer jetzt dem Hype hinterherläuft – Halbleiter „Overweight“, Konsumgüter „Underweight“, Cash auf Rekordtief – bewegt sich in die gleiche Richtung wie 82 Prozent der weltbesten Investoren. Das ist kein komfortabler Ort.

Unser mE-Fazit

Bringen wir es auf den Punkt: Wenn die Profis voll investiert sind, schützen Baustein-Aktien. Das heißt:

Der monatliche Fondsmanager-Survey liefert ein eindeutiges Bild: Die Stimmung ist euphorisch, der Kassenbestand historisch niedrig, Halbleiter überlaufen, Konsumgüter gemieden. Das klingt nach einer Welt, in der alles gut läuft. Aber es ist auch eine Welt, in der wenig Raum für positive Überraschungen bleibt – und viel Raum für Enttäuschungen.

Genau in solchen Momenten beweisen Baustein-Aktien ihren Wert. Jene defensiven Qualitätstitel, die die Profis gerade verkaufen – sind nicht deshalb attraktiv, weil sie kurzfristig am stärksten steigen. Sie sind attraktiv, weil sie funktionieren, wenn andere nicht mehr funktionieren. Weil sie Dividenden zahlen, egal ob KI boomt oder nicht. Weil ihr Geschäftsmodell seit Jahrzehnten bewiesen ist – unabhängig davon, wie optimistisch oder pessimistisch 210 Fondsmanager gerade gestimmt sind.

Wenn 82 Prozent der Profis in denselben Zug gestiegen sind, ist es keine schlechte Idee, auf dem Bahnsteig zu stehen und auf den nächsten zu warten. Mit Baustein-Aktien kann man das – geduldig, solide und ohne Angst vor dem nächsten Haltesignal.

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Christoph A. Scherbaum & Marc. O. Schmidt

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