Der Umgang mit engen Spreads bei europäischen Investment-Grade-Anleihen

Steigende Energiepreise, geopolitische Unsicherheiten und knappe Risikoaufschläge machen den Markt anspruchsvoller. Wer bei Unternehmensanleihen erfolgreich sein will, muss heute genauer hinschauen.

(Bildquelle: unsplash / Christian Lue)

Angesichts der im historischen Vergleich engen Spreads und der nach wie vor starken Nachfrage nach europäischen Investment-Grade-Anleihen stützen positive technische Faktoren diese Anlageklasse weiterhin. In diesem Umfeld verlagert sich der Schwerpunkt von einem breiten Beta-Engagement hin zu einer gründlichen Kreditanalyse, einer disziplinierten Titelauswahl und einer strengen Risikokontrolle.

Europäische Investment-Grade-Anleihen sind in eine anspruchsvollere Phase eingetreten. Die technischen Faktoren wirken weiterhin stützend, unterstützt durch eine stetige Anlegernachfrage und eine effiziente Absorption des Angebots, doch die Märkte reagieren mittlerweile empfindlicher auf makroökonomische und geopolitische Entwicklungen.

Die jüngste Eskalation des Konflikts im Nahen Osten ist ein deutliches Beispiel dafür. Steigende Energiepreise und erneute Inflationssorgen führten zu einer höheren Volatilität über alle Anlageklassen hinweg und zu einer Neubewertung an den Zinsmärkten. Die Kreditspreads weiteten sich daraufhin aus, doch die Bewegung fiel moderat aus, wobei sich europäische Investment-Grade-Anleihen im Vergleich zu Segmenten des Marktes mit höherem Beta als relativ widerstandsfähig erwiesen.

Diese Widerstandsfähigkeit bedeutet jedoch nicht, dass Anleger sich in Sicherheit wiegen können. Die Spreads sind im historischen Vergleich nach wie vor eng, doch erhöhte Renditen und wachsender Druck bei Anleihen geringerer Qualität sprechen verstärkt für hochwertige festverzinsliche Wertpapiere. Unserer Ansicht nach machen dies die Emittentenauswahl, den Portfolioaufbau und die Risikokontrolle wichtiger als die bloße Ausweitung des Marktengagements.

Bei engen Spreads kommt es verstärkt auf Selektivität an

Bei breiten Spreads kann ein breites Marktengagement noch immer attraktive Renditen erzielen. Wenn sich die Spreads verengen, schwindet dieser Vorteil: Das Aufwärtspotenzial wird begrenzter, während das Abwärtsrisiko bei einer Stimmungswende schnell zunehmen kann, wodurch Selektivität an Bedeutung gewinnt.

Europäische Unternehmen gehen in der Regel mit relativ soliden Bilanzen und überschaubarer Verschuldung in diese Phase ein, doch die Bewertungen lassen wenig Raum für Selbstzufriedenheit. Wir betrachten daher allgemeine Anstiege des Betas im aktuellen Umfeld nicht als Hauptquelle für Überrenditen. Vielmehr dürfte der Mehrwert eher aus der sorgfältigen Auswahl der Emittenten, in die investiert wird, sowie aus einem disziplinierten Risikomanagement resultieren.

(Bildquelle: Pressefoto Volkswagen)

Wie wir unsere Überzeugungen in die Praxis umsetzen

Überzeugungen sind nach wie vor wichtig, müssen jedoch innerhalb eines disziplinierten Rahmens angewendet werden. Für unsere Aegon-Strategie für Euro-Anleihen mit Investment-Grade-Rating bedeutet dies, zeitnahe Portfolioentscheidungen mit einem konsequenten Top-down- und Bottom-up-Prozess zu kombinieren.

Ein agiles Portfoliomanagement-Team ermöglicht es uns, schnell zu reagieren, wenn sich die Marktbedingungen ändern – insbesondere bei Schwankungen der Spreads, Veränderungen der Liquiditätslage oder wenn sich neue Emissionsmöglichkeiten als attraktiver erweisen. Diese Agilität wird durch die umfassende globale Kreditresearch-Plattform von Aegon AM unterstützt, die Emittentenanalysen und Branchenexpertise über Regionen und Bonitätsklassen hinweg bereitstellt. Diese Kombination stellt sicher, dass Anlageeinschätzungen hinterfragt, verfeinert und innerhalb eines konsistenten Risikorahmens umgesetzt werden.

Wie Selektivität in der Praxis aussieht

Auf dem heutigen Markt bedeutet Selektivität, zwischen Emittenten zu unterscheiden, bei denen die Spreads die Anleger noch für die eingegangenen Risiken entschädigen, und solchen, deren Bewertungen wenig Spielraum für Fehler lassen.

Ein praktisches Beispiel ist Transurban, wo wir stabile Kreditfundamentaldaten, wiederkehrende inflationsgebundene Erlöse und ein relativ niedriges ESG-Risikoprofil sehen. Unserer Ansicht nach bietet dies ein ausgewogeneres Risiko-Rendite-Profil in einem Markt, in dem die allgemeine Spread-Kompensation begrenzt ist.

(Bildquelle: unsplash / Christian Waske)

Im Gegensatz dazu sind wir bei JAB Holdings vorsichtiger, da die geringere Transparenz hinsichtlich der ESG-Risikostrategien, die jüngste Unternehmensumstrukturierung sowie die Unsicherheit über die künftige Finanzpolitik und strategische Ausrichtung unserer Ansicht nach in den aktuellen Kreditspreads nicht ausreichend berücksichtigt sind.

Dies verdeutlicht, warum Bottom-up-Research und Relative-Value-Analysen in einem Umfeld mit engen Spreads von Bedeutung sind.

Ausblick

Europäische Investment-Grade-Anleihen bieten weiterhin eine attraktive Kombination aus Ertrag, Qualität und Liquidität. Da die Renditen im Vergleich zu weiten Teilen des vergangenen Jahrzehnts weiterhin auf hohem Niveau liegen, kann diese Anlageklasse zur Absicherung von Portfolios beitragen, sollten die Bewertungen an anderen Märkten unter Druck geraten. Dies untermauert ihre Rolle als Kernanlage, vorausgesetzt, die Anleger bleiben selektiv und diszipliniert.

Das aktuelle Umfeld unterstreicht jedoch eine altbekannte Erkenntnis: Überzeugung ist nach wie vor wichtig, muss aber diszipliniert sein. Unserer Ansicht nach ist die Kombination aus Flexibilität, fundierter Analyse und disziplinierter Umsetzung nach wie vor entscheidend, um europäische Investment-Grade-Anleihen unter allen Marktbedingungen erfolgreich zu steuern.

Ein Beitrag von Johan Rol.

Er ist Portfoliomanager bei Aegon Asset Management.

 

 

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