Im ersten Halbjahr 2026 erzielte der S&P 500 Index eine Rendite von rund 10 %. Die weitaus bedeutendere Entwicklung könnte jedoch darin liegen, welche Bereiche die Spitzenpositionen einnahmen. Mehrere internationale Märkte – darunter Südkorea, Taiwan, Japan und Brasilien – erzielten eine bessere Wertentwicklung als der S&P 500. Die Gründe dafür waren jedoch sehr unterschiedlich. Aus unserer Sicht wird die zweite Jahreshälfte aller Wahrscheinlichkeit nach nicht so sehr davon geprägt sein, ob KI weiterhin relevant bleibt, sondern vielmehr davon, wer als Nächstes davon profitiert.
Der Fokus der Anleger hat sich von den Hyperscalern, die KI-Anwendungen entwickeln, auf die Lieferanten grundlegender Infrastrukturkomponenten verlagert, die diese Anwendungen überhaupt erst möglich machen. Dies deutet für uns eher auf eine zunehmende Reife als auf ein Abklingen des Themas hin. Diese Veränderung spiegelt sich auch in der Positionierung der Anleger wider. Bis Anfang Juli verzeichneten auf Südkorea und Taiwan ausgerichtete börsengehandelte Aktienfonds (ETFs) Nettozuflüsse in Höhe von mehr als 240 Prozent bzw. fast 20 Prozent des zu Jahresbeginn verwalteten Vermögens. Dies unterstreicht das zunehmende Interesse an KI-Infrastruktur und -Hardware im Vergleich zur Entwicklung von Modellen.

Selbstverständlich können wir die Frage nachvollziehen, ob die aktuelle KI-Rally nicht vielleicht Parallelen zum Internetboom der späten 1990er-Jahre aufweist. Aus unserer Sicht hinkt dieser Vergleich jedoch. Zweifellos gibt es auch heute spekulative Tendenzen. Doch die heutigen Marktführer im Bereich der künstlichen Intelligenz stützen sich auf solidere Erträge, etabliertere Geschäftsmodelle und in vielen Fällen auch angemessenere Bewertungen als die Marktführer der Dotcom-Ära. Ein Vergleich der Zeitabläufe zeigt, dass die aktuelle Rally sowohl in ihrer Dauer als auch in ihrem Ausmaß deutlich moderater ist als die Entwicklung des Zyklus der späten 1990er Jahre zum entsprechenden Zeitpunkt.
Viele der damals am meisten gehypten Unternehmen konnten weder Profitabilität noch Cashflow oder nachhaltige Wettbewerbsvorteile vorweisen. Im Gegensatz dazu agieren viele der heutigen Marktführer auf mehreren Ebenen des Ökosystems, beispielsweise in den Bereichen Halbleiter, Cloud-Infrastruktur, Softwareplattformen und proprietäre Daten. Das kann ihnen dabei helfen, ihre Preissetzungsmacht und ihre Margen deutlich länger zu bewahren. Die für künstliche Intelligenz erforderliche Infrastruktur ist zudem außerordentlich kapitalintensiv, was zu höheren wirtschaftlichen Wettbewerbsvorteilen und Markteintrittsbarrieren führt als in vielen früheren Technologiezyklen.
Folgen für das Portfolio
Das Thema „KI-Investitionen” beschränkt sich nicht auf ein einzelnes Land. Ein Verständnis der geografischen Struktur kann ebenso wichtig sein wie die Dimensionierung des Themas selbst. Taiwan spielt in der Herstellung hochentwickelter Halbleiter nach wie vor eine zentrale Rolle, während Südkorea und Japan auf ihre jeweilige Weise ebenfalls unverzichtbar sind. Jedes Land ist auf einer anderen Ebene innerhalb der KI-Wertschöpfungskette und des KI-Ökosystems angesiedelt. Diese Differenzierung wird durch ETF-Zuflüsse untermauert. Obwohl Asien in diesem Jahr insgesamt Nettoabflüsse verzeichnet hat, sind diese hauptsächlich auf Abflüsse aus China zurückzuführen.
Hinzu kommt, dass sich die Bewertungsunterschiede zwischen den USA und den internationalen Märkten inzwischen kaum noch ignorieren lassen. Obwohl der S&P 500 im Jahr 2026 Kursgewinne verzeichnet hat, wird er derzeit mit etwa dem 22-Fachen der erwarteten Gewinne gehandelt. Der europäische Markt hingegen liegt bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 16. Diese Diskrepanz in Verbindung mit verbesserten Gewinnerwartungen eröffnet internationalen Märkten die Möglichkeit, die Bewertungslücke zu verringern.
Diese regionalen Unterschiede werden durch die auseinanderlaufende Geldpolitik verstärkt. Während einige Zentralbanken ihre Geldpolitik weiter straffen, haben andere eine Pause eingelegt oder bereits mit Lockerungen begonnen. Dies führt zu immer unterschiedlicheren makroökonomischen Rahmenbedingungen in den einzelnen Ländern.
Da die synchronisierte Geldpolitik zunehmend von länderspezifischen Zyklen abgelöst wird, können sich für Anleger durch gezielte Allokationen größere Chancen ergeben als durch ein breit gefächertes geografisches Engagement.

Südkorea war mit einer Rendite von 101 Prozent im ersten Halbjahr der Spitzenreiter. Der IT-Sektor leistete mit weitem Abstand den größten Beitrag. Doch auch die Sektoren Industrie und zyklische Konsumgüter verzeichneten deutliche Zuwächse, da sich die Investitionen in die KI-Infrastruktur über Speicherchips hinaus auf Fertigungsanlagen, Automatisierung und die gesamte Lieferkette ausweiteten. Die jüngste Begeisterung der Anleger für das südkoreanische Technologie-Ökosystem, die sich unter anderem in der außergewöhnlich hohen Nachfrage nach dem US-Börsengang eines führenden Speicherchip-Unternehmens zeigt, unterstreicht die anhaltende Zuversicht, dass sich der Ausbau der KI-Infrastruktur weiterhin in einer frühen Phase befindet.
Die Erfahrungen Japans verdeutlichen eine andere Form der Marktausweitung. Der Markt erzielte eine Rendite von rund 15 Prozent. Die Gewinne waren dabei jedoch auf die Sektoren Finanzwesen, Industrie, Rohstoffe und Technologie verteilt und nicht auf einen einzelnen Sektor konzentriert. Aus unserer Sicht spiegelt dies nicht nur KI-bezogene Investitionen wider, sondern auch die anhaltenden Effekte von Corporate-Governance-Reformen, aktionärsfreundlichen Maßnahmen und erneuten Investitionen in fortschrittliche Fertigungstechnologien. In der Summe verdeutlichen diese Märkte, dass die nächste Phase der KI weniger von einigen wenigen Technologieführern als vielmehr von einem zunehmend globalen Ökosystem von Unternehmen geprägt sein dürfte, die die zugrunde liegende Infrastruktur entwickeln, betreiben und ermöglichen.
Ein Beitrag von Dina Ting
Sie, CFA, ist Head of Global Index Portfolio Management bei Franklin Templeton.
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