Vom Macau-Syndrom und den Erben der Finanzkrise

Boomer im Glück, Häuslebauer im Pech: Was von Finanzkrise und Corona übrigblieb und warum ausgerechnet jetzt geduldige Anleger die besten Karten haben.

(Bildquelle: unsplash / Robb Miller)

Liebe Leserinnen und Leser,

manchmal hilft es, zwei Marktkommentare nebeneinanderzulegen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, um am Ende ein stimmiges Bild zu bekommen. Der eine blickt zurück auf die langen Schatten von Finanzkrise und Corona-Pandemie. Der andere blickt auf das Hier und Jetzt, auf einen Aktienmarkt, der sich zeitweise eher wie ein Kasino verhält als wie ein Ort rationaler Preisfindung. Zusammen ergeben sie ein Bild, das uns in unserer eigenen Anlagephilosophie einmal mehr bestätigt.

Die Erblast von Finanzkrise und Corona

John Sherman, Senior Portfolio Manager bei Federated Hermes, hat sich angeschaut, welche Narben die Krisenjahre 2008 und 2020 in der amerikanischen Wirtschaft hinterlassen haben, und kommt zu einem ernüchternden Befund:

Vier zentrale Wirtschaftspfeiler haben zu ihrer alten Form nie zurückgefunden. Die Federal Reserve schleppt noch immer eine aufgeblähte Bilanz mit sich herum, deren Abbau sich als deutlich zäher erweist als gedacht, zumal am Anleihemarkt die Nervosität wächst und die langfristigen Renditen weiter steigen.

Die amerikanische Fiskalpolitik nimmt Jahr für Jahr rund 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts an neuen Schulden auf, ein Tempo, das Sherman zufolge auf Dauer schlicht nicht tragbar ist, zumal Sparversuche wie das jüngste Kürzungsprogramm der Regierung bislang wenig Wirkung zeigten.

Die Konsumenten wiederum stehen zwar solider da, als es die trübe Stimmungslage vermuten lässt, doch die Umfragewerte zur Verbraucherstimmung kommen aus ihrem Tief einfach nicht heraus. Und am Immobilienmarkt zeigt sich das Dilemma besonders deutlich:

Bestehende Hypotheken liegen im Schnitt bei 4,3 Prozent, neue dagegen bei 6,7 Prozent, weshalb Verkäufer sich zurückhalten, das Angebot knapp bleibt und die Preise trotz miserabler Erschwinglichkeit auf Rekordniveau verharren.

Die Boomer als heimliche Gewinner

Der eigentliche Clou in Shermans Analyse: Es gibt eine Gruppe, die von all diesen Verwerfungen kaum betroffen ist, sondern im Gegenteil klar profitiert hat. Die Babyboomer, so sein Befund, machen zwar weniger als ein Fünftel der Bevölkerung aus, halten aber mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens, aufgebaut auch dank der expansiven Geld- und Fiskalpolitik der vergangenen anderthalb Jahrzehnte. Sie bleiben, wie Sherman schreibt, klar im Konsummodus, was einer der Gründe sein dürfte, warum die vielbeschworene wirtschaftliche Schieflage bislang nicht zu einer echten Konsumflaute geführt hat.

Wenn ASML sich anfühlt wie ein Roulettetisch

Wechseln wir nun von der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte zur Psychologie der Finanzmärkte.

Yann Giordmaina, Leiter des Value-Bereichs bei der französischen Fondsgesellschaft LFDE, beschreibt ein Phänomen, das er treffend „Macau-Syndrom“ nennt, in Anspielung auf die berühmten Spielkasinos. Sein Ausgangspunkt:

Ende Januar zeigte ausgerechnet ASML (WKN: A1J4U4 / ISIN: NL0010273215), der wertvollste börsennotierte Konzern Europas, binnen dreier Handelstage Kursschwankungen von plus 5, minus 9, plus 6 und minus 6 Prozent. Solche Ausschläge bei einem Schwergewicht dieser Größenordnung sind, gelinde gesagt, ungewöhnlich.

Giordmaina macht dafür unter anderem die zunehmende Verbreitung systematischer, volatilitätsgesteuerter Strategien und gehebelter ETFs verantwortlich. Das Gamma-Exposure der Banken, also die Absicherungsnotwendigkeit aus ihren Optionsbüchern heraus, habe ein bislang ungekanntes Ausmaß erreicht, was selbst erfahrene Marktteilnehmer vor Rätsel stelle.

Zunächst standen US-Privatanleger im Zentrum dieser Dynamik, inzwischen rückt auch der südkoreanische Markt zunehmend in den Fokus. Als vorläufigen Höhepunkt dieser spekulativen Phase nennt er den Kurs von SpaceX, der Mitte Juni bei mehr als 200 US-Dollar schloss.

Die Stunde der geduldigen Anleger

Was Giordmaina daraus für sich ableitet, dürfte all jenen aus der Seele sprechen, die dem Value-Investing eine gewisse Sympathie entgegenbringen: Gerade weil sich die menschliche Natur nicht ändert, egal, welche neuen Finanzinstrumente hinzukommen, bleiben Gier und Angst die entscheidenden Treiber der Kapitalströme.

Und genau das eröffnet antizyklischen, disziplinierten Investoren Chancen, wie zuletzt die Zunahme an Übernahmeangeboten und Unternehmensaufspaltungen zeigt, besonders am britischen Markt.

Was verbindet nun diese beiden Perspektiven?

Beide beschreiben letztlich, wie tief geldpolitische Eingriffe und spekulatives Anlegerverhalten das Fundament der Märkte durchdrungen haben, sei es strukturell über Jahrzehnte hinweg, sei es kurzfristig in einzelnen, dramatischen Handelstagen.

Wer als Privatanleger versucht, aus solchen Verwerfungen kurzfristig Kapital zu schlagen, spielt letztlich mit im Kasino, das Giordmaina beschreibt, mit allen Risiken, die das mit sich bringt. Wer hingegen, wie es auch Giordmaina selbst vorschlägt, einen langfristigen, bewertungsorientierten Blick einnimmt, kann genau diese Übertreibungen für sich nutzen, statt ihnen zum Opfer zu fallen.

Was das für Baustein-Aktien bedeutet

Für uns bestätigt sich damit einmal mehr eine alte Überzeugung: Baustein-Aktien, solide Unternehmen mit stabilen Cashflows, echter Preissetzungsmacht und einer langen Historie erfolgreichen Wirtschaftens, sind genau das Gegenmittel gegen das Macau-Syndrom.

Sie schwanken nicht binnen dreier Tage zweistellig, weil ein gehebelter ETF umgeschichtet wird, sondern entwickeln sich über Jahre entlang ihrer tatsächlichen Geschäftszahlen. Und sie profitieren, ganz ähnlich wie die von Sherman beschriebenen Boomer, davon, dass Substanz auf lange Sicht eben doch mehr zählt als kurzfristige Kursspektakel.

Unser mE-Fazit

Ob strukturelle Erblast der Finanzkrise oder Macau-Syndrom an den Kasinotischen der Aktienmärkte: Beide Kommentare zeigen, wie sehr sich Spekulation und geldpolitische Nachwirkungen ins Marktgeschehen eingeschrieben haben.

Wer diesem Auf und Ab nicht ausgeliefert sein will, setzt weiterhin am besten auf Baustein-Aktien, solide, langfristig orientierte Unternehmen, die auch dann noch Substanz liefern, wenn die Roulettekugel an den Börsen mal wieder besonders wild rollt.

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