Novartis: Anleger verlieren die Geduld

Novartis galt als defensiver Hafen, doch zwei Forschungsrückschläge setzen die Aktie unter Druck. Ist die Strategie des Pharmariesen noch intakt?

(Bildquelle: Pressefoto Novartis)

Angesichts steigender Ölpreise sowie der zunehmenden Zins- und Inflationssorgen infolge des Iran-Kriegs wenden sich Anleger sogenannten defensiven Werten zu. Dazu gehören seit jeher Gesundheits- und Pharmaaktien. Mit Novartis (WKN: 904278 / ISIN: CH0012005267) konnte zuletzt jedoch ausgerechnet ein Schweizer Branchenvertreter Anlegern alles andere als ruhige Nächte bieten.

Der nächste Rückschlag

Zwei kurz aufeinanderfolgende Misserfolge in der Forschung hatten die Novartis-Aktie kurz nach Erreichen eines neuen Rekordstands massiv einbrechen lassen. Am 3. September notierten die Anteilsscheine noch bei 132,68 Schweizer Franken in der Spitze, nur um in der Folge zeitweise um knapp 17 Prozent auf etwa 110 CHF abzustürzen. So hatte das Mittel Del-desiran in einer Phase-III-Studie bei Menschen mit myotoner Dystrophie Typ 1 (DM1) im Vergleich zu Placebo keine statistisch signifikante Verbesserung gebracht.

Shreeram Aradhye, President, Development und Chief Medical Officer von Novartis, räumte daraufhin ein, dass die Entwicklung von Therapien für eine komplexe Erkrankung wie DM1 eine Herausforderung bleibe und „Rückschläge Teil des wissenschaftlichen Fortschritts“ seien. Zuvor hatte das Herz-Kreislauf-Mittel Pelacarsen, bei dem Novartis als Lizenznehmer fungiert und die weltweiten Rechte zur Entwicklung, Herstellung und Vermarktung hält, enttäuscht. Der primäre Endpunkt wurde nicht erreicht.

Untersucht wurde, ob Pelacarsen im Vergleich zu Placebo das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse reduzieren kann. Es konnte zwar ein gesenkter Lipoprotein(a)-Spiegel (genetischer Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Arteriosklerose, Herzinfarkt oder Schlaganfall) in der Studie festgestellt werden, die Ergebnisse zeigten aber keine Verringerung des kardiovaskulären Risikos. Nach diesen Ergebnissen und den Kursreaktionen kamen bei Anlegern Zweifel am Management und der Strategie auf.

Avidity-Übernahme kann noch ein Erfolg werden

David Samra, Managing Director beim Top-20-Investor Artisan Partners und Gründungspartner der International Value Group, erklärte gegenüber Reuters, der Verwaltungsrat müsse seine Aufsicht über Übernahmen stärken, und forderte den Verwaltungsratsvorsitzenden Giovanni Caforio zum Handeln auf. „Ich denke, er muss auf Verwaltungsratsebene Veränderungen vornehmen.

Eine davon sollte die Verbesserung des Teams betreffen, das diese Deals abwickelt, denn die waren bestenfalls uninspiriert“, sagte Samra gegenüber Reuters. Der Ärger ist besonders groß, da Del-desiran eines der wichtigsten Produkte aus der 12 Mrd. US-Dollar teuren Übernahme von Avidity war. Samra sagte jedoch, er mache CEO Vas Narasimhan keinen Vorwurf.

Dieser habe seit seinem Amtsantritt 2018 einen Kursanstieg von 60 Prozent zu verantworten – trotz eines schwierigen globalen Umfelds mit US-Zöllen unter Präsident Donald Trump und Konflikten von der Ukraine bis Iran. „Wenn man einen 12-Mrd.-Dollar-Deal macht und der wird zu null, dann muss das Management dafür bestraft werden“, sagte Samra und merkte gleichzeitig an, dass aus der Avidity-Übernahme durchaus noch vielversprechende Medikamente hervorgehen könnten.

Das mE-Fazit

Die Misserfolge von Del-desiran und Pelacarsen haben Zweifel an der Forschungsstrategie und der Qualität einzelner Übernahmen geweckt. Besonders die Avidity-Übernahme steht dabei im Fokus der Kritik, muss sich aber trotz des jüngsten Rückschlags nicht notwendigerweise als Misserfolg herausstellen. Dennoch sollte der Blick nicht allein auf die aktuellen Rückschläge gerichtet werden. Novartis verfügt weiterhin über eine starke Marktposition und eine breite Pipeline. Auch die bisherige Entwicklung unter CEO Vas Narasimhan spricht dafür, dass das Unternehmen grundsätzlich strategisch gut aufgestellt ist.

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