Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt Fragen, die man sich als Anleger eigentlich regelmäßiger stellen sollte, als man es tut. Eine davon lautet: Wie viel Risiko trage ich eigentlich wirklich, ohne es zu merken?
Genau dieser Frage widmet sich der weltgrößte Vermögensverwalter BlackRock in seinem aktuellen Herbstausblick und kommt zu einem Befund, der aufhorchen lässt: Es geht längst nicht mehr darum, ob man in Künstliche Intelligenz investiert ist. Die eigentliche Frage lautet, wie viel KI-Risiko sich bereits unbemerkt im eigenen Gesamtportfolio versteckt.
Wenn der Index zur KI-Wette wird
Seit 2023 ist das Gewicht von Technologie- und KI-Titeln in vielen Indizes kräftig gestiegen. Im MSCI USA und im S&P 500 machen entsprechende Werte laut BlackRock inzwischen jeweils mehr als 40 Prozent aus, bei Schwellenländeraktien hat sich der Anteil sogar mehr als verdoppelt.
Selbst wer vermeintlich konservativ in europäische Unternehmensanleihen investiert, trägt über amerikanische Emittenten oft indirekte KI-Risiken mit sich herum. Wer glaubt, mit einem breit gestreuten Indexfonds automatisch diversifiziert zu sein, hat nach dieser Logik womöglich ein deutlich konzentrierteres Portfolio, als ihm bewusst ist.
BlackRock empfiehlt deshalb einen dreistufigen Blick auf das Thema: direkt „in AI“, im Umfeld „around AI“ und diversifiziert „beyond AI“. Direkt in die Künstliche Intelligenz investiert bleibt das Haus grundsätzlich positiv gestimmt, schließlich wurde für Halbleiterunternehmen im S&P 500 zuletzt ein Gewinnwachstum von 151 Prozent gegenüber dem Vorjahr erwartet, ein Ausverkauf im Sommer sei fundamental nicht gerechtfertigt gewesen.
Allerdings warnt BlackRock zugleich vor einer undifferenzierten Wette auf den gesamten Sektor, schließlich lagen zwischen den besten und schlechtesten Technologie-Subsegmenten zeitweise rund 71 Prozentpunkte Unterschied.
Von Stromnetzen bis Japan: Die Chancen abseits der offensichtlichen Gewinner
Spannender wird es dort, wo BlackRock von „around AI“ spricht, also bei Unternehmen, die den Ausbau der KI-Infrastruktur überhaupt erst ermöglichen. Stromnetze, Energieerzeugung, Rohstoffe und Bauwirtschaft zählen dazu. Allein in der EU könnte der Stromverbrauch bis 2030 um 60 Prozent steigen, wofür laut den im Bericht zitierten Prognosen rund 584 Mrd. Euro an Netzinvestitionen nötig wären. Kernenergie sieht BlackRock dabei als besonderen Profiteur, weil Rechenzentren verlässliche und wachsende Strommengen benötigen.
Auch geografisch rät BlackRock zu einem Blick über den Tellerrand: In Japan trieben zuletzt Unternehmensreformen und höhere Kapitaleffizienz die Kurse, bei gleichzeitig günstigeren Bewertungen. Und ausgerechnet Indien, wo der MSCI India 2026 bislang rund neun Prozent verloren hatte, sieht BlackRock als Beispiel dafür, dass Kurskorrekturen mitunter deutlich heftiger ausfallen als die eigentliche Verschlechterung der Unternehmensgewinne, die lediglich um 1,9 Prozent zurückgingen.
Klassische Diversifikation stößt an ihre Grenzen
Die zweite Kernthese des Berichts dürfte manchem klassisch aufgestellten Anleger nicht gefallen: Ein simples Mischportfolio aus Aktien und Anleihen liefert laut BlackRock nicht mehr automatisch die Stabilität, auf die Generationen von Anlegern vertraut haben. Steigende Korrelationen zwischen Aktien und Anleihen schwächen den klassischen Diversifikationseffekt, während der massive Kapitalbedarf für den KI-Infrastrukturausbau die Zinskurven steiler halten könnte. Lange Staatsanleihen taugen demnach nicht mehr so zuverlässig als Absicherung gegen fallende Aktienmärkte wie früher.
Als Alternative nennt BlackRock unter anderem alternative, marktneutrale Strategien sowie Private Markets. Eine zehnprozentige Beimischung einer systematischen Absolute-Return-Strategie hätte in den eigenen Berechnungen des Hauses die Sharpe-Ratio eines klassischen 60/40-Portfolios von 0,52 auf 0,70 erhöht, ein durchaus beachtlicher Effekt.
Zinsen als Ertragsquelle: Das Ende der Nullzinsjahre wirkt nach
Die dritte Leitlinie widmet sich dem, was viele Anleger nach über einem Jahrzehnt Niedrigzinsen fast verlernt hatten: dem laufenden Zinsertrag als eigenständigem Renditebaustein.
Mehr als 80 Prozent des globalen Anleiheuniversums rentieren laut BlackRock inzwischen mit über vier Prozent, zwischen 2010 und 2021 waren es im Schnitt weniger als 20 Prozent. Entscheidend sei dabei aber, nicht blind der höchsten Rendite hinterherzulaufen, sondern das eingegangene Risiko genau zu prüfen, etwa bei erstklassig besicherten europäischen CLOs oder ausgewählten Schwellenländeranleihen.
Was das für Ihr eigenes Portfolio bedeutet
So detailliert und nachvollziehbar BlackRocks Analyse auch daherkommt, sie bleibt zunächst die Einschätzung eines einzelnen, wenn auch sehr großen Marktteilnehmers, nicht in Stein gemeißelte Wahrheit. Dennoch trifft der Kern der Botschaft einen Nerv, den wir an dieser Stelle seit Jahren betonen:
Ein Portfolio, das unreflektiert einem Index folgt, ist heute möglicherweise weit weniger diversifiziert, als es sich anfühlt. Genau deshalb setzen wir seit jeher auf Baustein-Aktien, solide, global aufgestellte Unternehmen mit echter Preissetzungsmacht und verlässlichen Cashflows, die nicht zufällig in einem KI-lastigen Index gelandet sind, sondern aus eigener operativer Stärke heraus überzeugen. Sie mögen weniger spektakulär klingen als der nächste Halbleiterwert mit dreistelligem Gewinnwachstum, bilden aber genau jenes Fundament, das BlackRock mit seinem „Portfolio der Zukunft“ eigentlich beschreibt: breiter aufgestellt, weniger abhängig von einem einzigen Trend, dafür robuster gegenüber genau den Verwerfungen, die der Bericht so ausführlich beschreibt.
Unser mE-Fazit
Ob BlackRock mit seiner Einschätzung zu unbemerkten KI-Risiken und schwindender Diversifikation am Ende recht behält, wird sich zeigen. Für den eigenen langfristigen Vermögensaufbau bleibt aber unabhängig davon eine bewährte Erkenntnis bestehen: Wer sein Depot auf Baustein-Aktien statt auf unreflektierte Indexnähe aufbaut, ist für die von BlackRock beschriebenen Herausforderungen des Herbstes 2026 bereits gut gerüstet.
Ihre marktEINBLICKE-Herausgeber
Christoph A. Scherbaum & Marc. O. Schmidt
P.S. Alle Daten der Daten der kommenden Handelswoche und Prognosen finden Sie in unserem Wirtschaftskalender.








