KI-Boom trifft 5-Prozent-Welt

KI-Boom trifft 5-Prozent-Welt: Warum jetzt nicht jede KI-Aktie automatisch ins Depot gehört.

(Bildquelle: Alex Shuper für Unsplash+)

Liebe Leserinnen und Leser,

194 Mrd. US-Dollar. So viel haben allein Amazon, Alphabet, Meta und Oracle bis Anfang Juli an neuen Anleihen begeben, um ihren KI-Ausbau zu finanzieren. Zahlen wie diese machen deutlich, in welcher Größenordnung sich das Thema Künstliche Intelligenz inzwischen bewegt, und werfen zugleich eine unbequeme Frage auf:

Wer bezahlt am Ende diese Rechnung, und was passiert, wenn die erhofften Erträge auf sich warten lassen? Zwei aktuelle Marktkommentare, von BlackRock und vom Broker eToro, beleuchten genau diese Frage aus unterschiedlichen Blickwinkeln und kommen dabei aber zu einer bemerkenswert ähnlichen Schlussfolgerung.

Der Wettbewerb um Kapital erreicht ein neues Ausmaß

Ann-Katrin Petersen, Leiterin der Kapitalmarktstrategie bei BlackRock für die DACH-Region und Osteuropa, beschreibt in ihrem aktuellen Ausblick eine Entwicklung, die sie als „intensivsten Wettbewerb um Kapital seit der globalen Finanzkrise und dem Covid-Schock“ bezeichnet. Ihre Zahlen sind beeindruckend:

Der jährliche Finanzierungsbedarf der USA könnte bis 2030 auf mehr als 7,5 Billionen US-Dollar steigen, maßgeblich getrieben durch Investitionen in KI-Infrastruktur. Das breitere Universum an Anleihen mit KI- und Rechenzentrumsbezug macht laut Petersen inzwischen rund 14 Prozent der amerikanischen Investment-Grade-Emissionen aus, im Jahr zuvor waren es gerade einmal fünf Prozent, im Jahrzehnt davor im Schnitt nur ein Prozent. Eine Verzehnfachung binnen weniger Jahre, die zeigt, wie sehr sich die Finanzierungslandschaft verschoben hat.

Diese Kapitalnachfrage trifft nun auf eine Welt, in der Zinsen und Anleiherenditen strukturell höher liegen als in der vergangenen Dekade, von Petersen pointiert die „5-Prozent-Welt“ genannt. Zusätzlicher Druck kommt vom Ölmarkt:

Die Straße von Hormus bleibt infolge des Nahost-Konflikts faktisch geschlossen, Brent-Rohöl notiert wieder über 100 US-Dollar je Barrel. Petersen macht dabei eine wichtige Unterscheidung, die uns überzeugt: Ein Renditeanstieg, der aus robustem Wachstum und echter Investitionsnachfrage entsteht, sei durchaus mit einer risikofreudigen Positionierung vereinbar. Problematisch werde es erst, wenn steigende Renditen auf Inflationsrisiken oder Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Notenbanken zurückzuführen seien. Die jüngste Fed-Zinserhöhung habe, so ihre Einschätzung, genau dieser Glaubwürdigkeit zugutegekommen.

Die Straße von Hormus bleibt infolge des Nahost-Konflikts faktisch geschlossen. (Bildquelle: Getty Images für Unsplash+)

Bemerkenswert ist zudem Petersens Einordnung der aktuellen Debatte um eine mögliche Verlangsamung bei sogenannten KI-Frontier-Modellen: Diese sei „nicht mit einem langsameren physischen Ausbau der KI-Infrastruktur gleichzusetzen“, da der Großteil der Rechenleistung ohnehin für die laufende Anwendung bestehender Modelle benötigt werde, nicht für das Training neuer.

Wenn Milliardenschulden zur Normalität werden

Maximilian Wienke, Marktanalyst bei eToro, nähert sich demselben Thema aus einer etwas skeptischeren Richtung. Sein Ausgangspunkt: Der NASDAQ100 erholt sich zwar bereits wieder und steuert auf die Marke von 30.000 Punkten zu, doch die eigentliche Frage bleibe unbeantwortet, nämlich ob KI tatsächlich den Sprung „vom großen Versprechen zu messbaren Produktivitätsgewinnen“ schafft.

Wienke verweist dabei auf eine ernüchternde Einschätzung des Internationalen Währungsfonds, wonach Künstliche Intelligenz die Produktivität in Europa über fünf Jahre lediglich um rund 1,1 Prozent steigern könnte, eher ein schrittweiser als ein spektakulärer Effekt.

Besonders aufschlussreich ist sein Blick auf die Finanzierungsseite: Amazon, Alphabet, Meta und Oracle hätten bis Anfang Juli 2026 zusammen rund 194 Mrd. US-Dollar an Anleihen begeben, selbst finanzstarke Tech-Konzerne mit enormen Cashflows greifen also zunehmend auf Fremdkapital zurück. Steigende Risikoaufschläge bei Tech-Anleihen, so Wienke, würden signalisieren, dass Investoren für die Finanzierung des KI-Booms eine höhere Risikoprämie verlangen, ein Signal, das man im Blick behalten sollte.

KI benötigt immer mehr Rechenzentrumskapazität. (Bildquelle: Pressefoto Meta)

Auch er verweist auf den Ölmarkt als zusätzlichen Belastungsfaktor: Preise von mehr als 100 US-Dollar würden nicht nur den Betrieb stromintensiver KI-Infrastruktur direkt verteuern, sondern über höheren Inflationsdruck auch indirekt die Zinswende verzögern.

Zwei Perspektiven, eine gemeinsame Botschaft

Was beide Kommentare trotz unterschiedlicher Tonlage eint: Weder Petersen noch Wienke stellen die grundsätzliche Bedeutung von KI infrage, beide mahnen aber zu Differenzierung. Petersen rät explizit zur Selektivität bei Anleihen und bleibt bei Aktien taktisch übergewichtet, allerdings mit dem Zusatz, dass Unternehmen mit robustem Gewinnwachstum und starken Bilanzen höhere Kapitalkosten deutlich besser verkraften als hoch verschuldete Kreditnehmer.

Wienke wiederum empfiehlt Anlegern, sich von den „Auf und Abs der KI-Story“ nicht verunsichern zu lassen, sondern genau hinzuschauen, welche Unternehmen langfristig überzeugen, wer weniger Schwankungen wolle, solle auf „profitable Marktführer mit soliden Bilanzen“ setzen.

Was das für unsere Baustein-Aktien bedeutet

Genau das ist der Punkt, an dem wir andocken möchten. Ein langfristiger Vermögensaufbau kommt am Thema Künstliche Intelligenz sicherlich nicht vorbei, dafür ist die strukturelle Bedeutung dieser Technologie inzwischen zu offensichtlich, das zeigen sowohl Petersens Kapitalflüsse als auch Wienkes Nachfragedaten. Das heißt aber ausdrücklich nicht, dass man jede beliebige KI-nahe Aktie kaufen sollte, nur weil sie gerade im Trend liegt.

Genau wie bei früheren Zukunftsthemen, sei es Biotech während Corona oder Internetwerte während der Dotcom-Zeit, gilt auch hier: Am Ende zählt, ob ein Unternehmen über echte Preissetzungsmacht, stabile Cashflows und eine solide Bilanz verfügt, nicht, ob es sich mit dem Etikett „KI“ schmücken lässt.

Wer sein Depot einseitig auf ein einziges Thema gewichtet, geht ein Klumpenrisiko ein, unabhängig davon, wie überzeugend die zugrunde liegende Geschichte klingt. Baustein-Aktien, ergänzt um eine bewusste, selektive Beimischung überzeugender KI-Profiteure, bleiben deshalb weiterhin unser bevorzugter Weg zum langfristigen Vermögensaufbau.

Unser mE-Fazit

Ob BlackRocks Blick auf den Kapitalwettbewerb oder eToros Warnung vor überzogenen Erwartungen: Beide Kommentare bestätigen, dass Künstliche Intelligenz ein bedeutender, aber eben auch anspruchsvoller Baustein im Depot ist. Wer nicht jeder hergelaufenen KI-Aktie hinterherläuft, sondern konsequent auf Baustein-Aktien mit echter Substanz setzt und KI dabei nur als einen Baustein unter vielen begreift, ist für die Herausforderungen dieser „5-Prozent-Welt“ bestens gerüstet.

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