Geldanlage: Vorsicht vor dem Chatbot

Jeder Vierte nutzt KI fürs Depot, jeder Fünfte traut ihr mehr zu als dem Fondsmanager. Was daran falsch ist.

(Bildquelle: Adobestock_566276988)

Liebe Leserinnen und Leser,

jeder vierte deutsche Privatanleger nutzt inzwischen Künstliche Intelligenz, um Investments auszuwählen oder bestehende Positionen zu verändern. Das zeigt die aktuelle Ausgabe des Retail Investor Beat des Brokers etoro, für die weltweit 11.000 Privatanleger in 13 Ländern befragt wurden. Auf den ersten Blick liest sich das wie eine erfreuliche Modernisierungsgeschichte. Auf den zweiten Blick lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen, bevor man in Euphorie verfällt.

Wer die Zahlen präsentiert, hat auch ein Interesse an ihnen

Zunächst eine naheliegende, aber selten gestellte Frage: Wer veröffentlicht diese Studie eigentlich, und warum? etoro ist ein Broker, der sein Geld unter anderem damit verdient, dass Kunden möglichst viel und möglichst oft handeln.

Eine Erzählung, nach der KI das Investieren einfacher, schneller und zugänglicher macht, passt exakt ins eigene Geschäftsmodell, mehr Aktivität am Konto ist für die Plattform letztlich mehr Ertrag. Das macht die Zahlen nicht automatisch falsch, aber es lohnt sich, die durchweg positive Rahmung mit einer gewissen Skepsis zu lesen, statt sie unkommentiert zu übernehmen.

Deutsche Anleger: offener als gedacht, oder einfach nur bequemer?

25 Prozent der Befragten in Deutschland setzen KI demnach bereits aktiv bei ihren Anlageentscheidungen ein, vor einem Jahr waren es 21 Prozent, weitere 40 Prozent können es sich vorstellen. Pascal Nörrenberg, Managing Director DACH bei etoro, deutet das als Zeichen wachsender Offenheit, die man der traditionell vorsichtigen deutschen Anlagekultur gar nicht zugetraut hätte.

Man kann das auch nüchterner lesen: Wenn ein Werkzeug den Aufwand für eine komplexe Tätigkeit drastisch senkt, steigt die Nutzung fast immer, unabhängig davon, ob die Qualität der Entscheidungen dadurch tatsächlich besser wird. Bequemlichkeit und Urteilsvermögen sind zwei verschiedene Dinge, auch wenn sie in solchen Studien gerne in einen Topf geworfen werden.

Die eigentlich beunruhigende Zahl steht fast beiläufig im Text

Weit interessanter als die reine Nutzungsquote finden wir eine andere Zahl, die fast schon nebenbei erwähnt wird: 26 Prozent der Nutzer glauben, KI treffe bessere Anlageentscheidungen als sie selbst, 22 Prozent trauen ihr sogar eine bessere Titelauswahl zu als einem professionellen Fondsmanager.

Das ist, mit Verlaub, eine bemerkenswerte Selbstüberschätzung der Technologie, und zwar unabhängig davon, wie gut aktuelle Sprachmodelle tatsächlich sind. Ein KI-System, das Finanzinformationen zusammenfasst, kann plausibel und selbstsicher klingen, ohne dass diese Sicherheit etwas über die tatsächliche Treffsicherheit der Einschätzung aussagt. Wer einem Chatbot mehr zutraut als sich selbst, hat möglicherweise schlicht noch nicht erlebt, wie überzeugend eine KI auch falsche oder veraltete Zahlen präsentieren kann.

Babyboomer als neue Zielgruppe: interessant, aber nicht automatisch positiv

Dass ausgerechnet die Babyboomer bei der KI-Nutzung am stärksten zulegen, von acht auf 13 Prozent binnen eines Jahres, wird in der Studie als charmante Randnotiz präsentiert: Erstmals hätten ältere Anleger bei einer technischen Neuerung keinen Nachteil gegenüber den Jüngeren. Das mag stimmen, es bedeutet aber auch, dass eine Generation mit traditionell höherem Anlagevolumen und oft geringerer technischer Routine nun verstärkt auf ein Werkzeug setzt, dessen Grenzen und Fehlerquellen ihr womöglich weniger vertraut sind als jüngeren, digital aufgewachsenen Nutzern. Etoro selbst räumt immerhin ein, dass die Verantwortung für Anlageentscheidungen am Ende beim Anleger bleibe, eine wichtige Einschränkung, die in der Freude über die Wachstumszahlen aber leicht untergeht.

Was wirklich zählt, wenn man die Studie nüchtern liest

Die eigentlich entscheidende Unterscheidung, die auch etoro selbst anspricht, nämlich ob KI zur besseren Information genutzt wird oder ob ihr die Entscheidung komplett überlassen wird, verdient aus unserer Sicht mehr Gewicht, als ihr in der Studie gegeben wird.

Eine KI kann dabei helfen, einen Geschäftsbericht schneller zu erfassen oder eine erste Einordnung eines Unternehmens zu liefern. Sie ersetzt aber nicht die eigentliche Arbeit, die ein Investment langfristig erfolgreich macht: die kritische Prüfung, ob ein Unternehmen tatsächlich über stabile Cashflows, echte Preissetzungsmacht und eine solide Bilanz verfügt, oder ob eine KI-generierte Analyse am Ende nur überzeugend klingende, aber oberflächliche Antworten liefert.

Für den eigenen Vermögensaufbau heißt das: Technologie kann die Recherche beschleunigen, sie kann aber die Verantwortung nicht abnehmen, und sie ersetzt schon gar nicht die Notwendigkeit, Unternehmen nach fundamentalen, zeitlosen Kriterien auszuwählen, wie wir sie mit unseren Baustein-Aktien seit Jahren propagieren.

Wer sich stattdessen von einem Chatbot vorrechnen lässt, warum eine bestimmte Aktie gerade angesagt ist, läuft Gefahr, denselben Hype-Mechanismen zu erliegen wie zuvor ohne KI, nur eben mit einem technologischen Vertrauensbonus, der in Wahrheit unverdient ist.

Unser mE-Fazit

Dass KI das Investieren für viele einfacher macht, ist unbestritten, dass sie deshalb automatisch zu besseren Entscheidungen führt, aber keineswegs.

Für den langfristigen Vermögensaufbau bleibt, mit oder ohne Chatbot an der Seite, dieselbe Erkenntnis bestehen: Wer konsequent auf Baustein-Aktien mit echter Substanz setzt, statt sich auf selbstsichere, aber nicht zwangsläufig richtige KI-Einschätzungen zu verlassen, trifft am Ende die robusteren Entscheidungen.

Ihre marktEINBLICKE-Herausgeber

Christoph A. Scherbaum & Marc. O. Schmidt

Vertrag widerrufen