Bildquelle: Pressefoto Europäische Zentralbank

Die jüngste EZB-Sitzung brachte keine Zinsänderung, dafür aber die erneute Ankündigung, Zinsanhebungen nicht vor Annäherung der Inflation an das Ziel von nahe aber unter 2 Prozent zu erwägen. Die Nettokäufe von Wertpapieren sowie die Wiederanlage fälliger Anlagebeträge erfolgen bis auf weiteres. Die wirtschaftlichen und Inflationsprognosen deuten auf eine Stabilisierung und einen möglichen positiven Trend in 2020 hin – soweit kaum neues.

Trotzdem hat Lagarde klare eigene Akzente gesetzt. Sie kündigte einen eigenen Kommunikationsstil an, bei dem einzelne Formulierungen nicht überinterpretiert werden sollten. Zudem kündigte sie an, dass die EZB alle ihr zur Verfügung stehenden Instrumente überprüfen und ggf. adjustieren könnte, wenn zur Erreichung des Inflationsziels nötig. Wie schon Draghi forderte sie Strukturreformen von den Eurostaaten und mehr Unterstützung durch fiskalische Maßnahmen von Staaten mit fiskalischem Spielraum.

Lagarde gab an, noch keine Informationen zum strategischen Review der EZB-Geldpolitik geben zu können. Dass der strategische Review notwendig ist nach dem letzten Review in 2003, untermauerte sie. Der Review beginnt im Januar 2020 und soll vor Ende 2020 beendet sein. Zum Review gehört das Anhören verschiedener Anliegen, bspw. des europäischen Parlaments sowie die Berücksichtigung der Wirkungen von Klimawandel, steigender Ungleichheit und Technologie auf die Wirkung der Geldpolitik. Ebenso werden die Nebenwirkungen der expansiven Geldpolitik wie wachsende Schulden, erhöhte Assetpreise und Auswirkungen auf den Finanzsektor berücksichtigt.

Für die Kapitalmärkte bedeutet das zunächst keine Veränderung. Die EZB-Geldpolitik unterstützt Konjunktur und Kapitalmärkte weiterhin sehr deutlich. Trotzdem kann man von Akzenten der EZB in 2020 ausgehen – nach vollständigem Review. Diese Vorgehensweise ist glaubwürdig und nachvollziehbar. Ein Schnellschuss wäre kaum hilfreich, eine restriktivere Gangart kann die EZB nicht schnell und unbedacht einschlagen ohne heftige Korrekturen an den Kapitalmärkten mit negativen Folgen auf die Konjunktur auszulösen. Sie braucht die Unterstützung der Fiskalpolitik und ein gut durchdachtes Gesamtkonzept für die künftige EZB-Geldpolitik. Das kann man in den kommenden Monaten von Lagarde erwarten und ist eine Chance, die Notenbank langsam aus ihrer ultraexpansiven Sackgasse herauszuführen.

Ein Kommentar von Carsten Mumm
Er ist Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel. Das Traditionshaus mit Sitz in Hamburg und München setzt auf qualifizierte und umfassende Beratung für vermögende Privatkunden, Unternehmer, Immobilienkunden und institutionelle Kunden.

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Bildquellen: Donner & Reuschel / Pressefoto Europäische Zentralbank

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