Bildquelle: markteinblicke.de

Die meisten Deutschen kennen es aus eigener Erfahrung: Als gesetzlich Krankenversicherter stößt man immer wieder an die Grenzen der Versicherungsleistungen der Krankenkassen. Wer mehr als die Standardversorgung möchte, muss diese aus eigener Tasche bezahlen. Abhilfe schafft hier nur eine private Krankenzusatzversicherung, die die entsprechenden Wunschleistungen übernimmt. Und die Deutschen mögen solche Versicherungen. Im Sommer 2019 bestanden 26 Millionen entsprechender Verträge. Grund genug einmal genauer hinzusehen, denn nicht alle Krankenzusatzversicherungen sind von Grund auf sinnvoll. Je nach Vertragsgestaltung werden beispielsweise die Kosten für ein Einbett-Zimmer im Krankenhaus und die Behandlung vom Chefarzt getragen. Andere Verträge übernehmen die Kosten für regelmäßig neue Brillen, Naturheilverfahren oder Zahnersatz.

Am häufigsten fallen die Defizite der gesetzlichen Krankenversicherung beim Besuch des Zahnarztes auf. Ein kaputter Zahn kann schnell zu einer großen finanziellen Belastung werden. Als Ergänzung zur gesetzlichen Krankenversicherung bieten dabei Zahntarife hohe Kostenerstattungen für Inlays, Kronen und andere Zahnersatzmaßnahmen. Auch die professionelle Zahnreinigung wird von manchen Tarifen übernommen. Damit „rechnet“ sich bei manchen Tarifen der Abschluss bereits zu großen Teilen – sofern man regelmäßig eine professionelle Zahnreinigung durchführen lässt. Die Kosten der Tarife hängen aber nicht nur vom Alter des Versicherten, sondern auch vom Gesundheitszustand ab. Wer also am ehesten die Leistungen einer Versicherung braucht, zahlt also auch entsprechend hohe Beiträge. Am Ende ist es eine individuelle Rechnung, ob und wenn ja, welcher Zahntarif sinnvoll ist.

Die mit Abstand wichtigste Krankenzusatzversicherungen ist die Auslandskrankenversicherung. Für jeden, der im Ausland Urlaub macht, ist der Abschluss einer solchen Zusatzversicherung angeraten, denn die gesetzliche Krankenkasse kommt nur zum Teil oder überhaupt nicht für Behandlungen im Ausland oder medizinisch notwendige Rücktransporte auf. Entscheidend ist dabei das jeweilige Reiseland. Auskunft über den Versicherungsschutz im Ausland (auch den für privat Krankenversicherte) geben die jeweiligen Krankenkassen bzw. -versicherungen. Die Kosten einer Auslandskrankenversicherung sind übrigens meist überschaubar.

Kommen wir zu den zahlreichen weiteren Angeboten. Wer etwa auf Naturheilverfahren und anthroposophische Behandlungs- oder Heilmethoden vertraut und die Kosten nicht privat tragen möchte, kann mit einer privaten Heilpraktiker-Zusatzversicherung diesen finanziellen Belastungen aus dem Weg gehen. Entsprechende Tarife tragen dann die Kosten für Naturheilverfahren sowie diverse Alternativbehandlungen, wie etwa Akupunktur oder Homöopathie. Inwiefern so ein Tarif überhaupt sinnvoll ist, muss jeder selber entscheiden. Die Tatsache, dass immer mehr Krankenkassen entsprechende Behandlungen wegen fehlender Wirksamkeit nicht mehr tragen, spricht unserer Ansicht nach für sich.

Ebenfalls beliebt, sind Tarife rund um den Krankenhausaufenthalt. Diese lassen sich bekanntlich nur selten ganz vermeiden. Ein normaler Patientenbesuch verdeutlicht dabei bereits die Wichtigkeit einer ruhigen und erholsamen Atmosphäre für die Genesung. Egal ob Routineeingriff oder schwierige Operation – die Zeit nach einer Operation oder Behandlung ist entscheidend, um möglichst schnell wieder auf die Beine zu kommen. Da stören jedoch schnarchende Mitpatienten oder redselige Bettnachbarn erheblich. Abhilfe können hier die zahllosen stationären Zusatztarife schaffen. Je nach Tarif ist dabei nicht nur die Unterbringung im Ein- oder Zweibettzimmer, sondern auch die Versorgung durch den Wunscharzt abgedeckt. Das kann der Chefarzt, wahlweise aber auch „nur“ der Oberarzt sein. Zudem erlauben viele Tarife die freie Wahl der Klinik. Unserer Ansicht nach, eine durchaus sinnvolle Ergänzung der gesetzlichen Krankenkassenversorgung. Tarife, die zusätzlich noch Krankenhaustagegeld beinhalten, sind indes wenig sinnvoll, da die zusätzlichen Kosten selten in einem sinnvollen Verhältnis zum tatsächlichen Nutzen stehen und zudem auch die Verweildauern bei vielen Operation in den letzten Jahrzehnten signifikant gesunken sind.

Das trifft ebenfalls auf die so genannten Brillentarife zu. Dabei erhält der Versicherte, in regelmäßigen Abständen, Brillen bzw. Sehhilfen (zumindest teilweise) bezahlt. Dass ein solcher Tarif tatsächlich wenig sinnvoll ist, verdeutlicht das folgende Beispiel. Ein Tarif kostet monatlich 15 Euro und erstattet alle zwei Jahre bis zu 300 Euro für eine Brille. Legt man stattdessen die 15 Euro monatlich beiseite, kann man sich alle zwei Jahre eine Brille für 360 Euro gönnen.

FAZIT. Nicht jede Krankenzusatzversicherung ist sinnvoll. Man sollte sich im Vorhinein klar werden, welche Leistungen tatsächlich übernommen werden, und ob es nicht ratsamer ist, die Beiträge stattdessen auf die Seite zulegen und für den Fall der Fälle ein ordentliches Polster gespart zu haben.


Kurz nachgefragt bei…

Heiko Vollmer

Warum sind private Krankenzusatzversicherungen so beliebt?
Die meisten Zusatzversicherungen holen den Kunden direkt in seiner Wahrnehmung ab, dass ohne diesen Zusatz enorme Kosten aus eigener Tasche gezahlt werden müssen. Jeder kennt aus eigener Erfahrung oder im direkten persönlichen Umfeld sogenannte „Zuzahlungen“ bei Sehhilfen, Zahnbehandlung oder Zahnersatz nach „Vorleistung“ der gesetzlichen Kasse. Im Bereich der Heilpraktiker ist es sogar selbstverständlich, die komplette Rechnung selbst zu bezahlen. Da zudem gerade im Vergleich zur Absicherung der Arbeitskraft die Beiträge deutlich überschaubarer sind, entschließt man sich hier eher zu einem Abschluss, man kann sich den Vertrag subjektiv betrachtet eher leisten.
Noch attraktiver sind auf den ersten Blick sogenannten Risikotarife, in denen keine Alterungsrückstellungen gebildet werden. Hierbei steigt der Beitrag mit steigendem Alter (und damit steigendem Risiko für den Versicherer) von Jahr zu Jahr an. Auf den ersten Blick supergünstig, auf Dauer eher fragwürdig, da exponentiell steigende Beiträge nur bedingt auf Dauer finanzierbar sind.

Welche Krankenzusatzversicherungen sind überhaupt sinnvoll?
Grundsätzlich kann in Einzelfällen in jeder Sparte ein Vertrag für den Versicherten wirtschaftlich betrachtet sinnvoll sein. Es kommt hier vor allem auf den Zeitpunkt einer Leistung und deren Höhe an. In der Gesamtbetrachtung über die Versichertengemeinschaft hinweg, wird es hier schon deutlich schwieriger. In vielen Fällen steht die Prämie in keinem sehr guten Verhältnis zu der maximalen Leistung für den Einzelnen. Das liegt primär an dem schlechten Risikoausgleich im Kollektiv der Versicherten. Zusatztarife werden im Vergleich zum Beispiel zu einer privaten Vollversicherung oder einer Todesfallabsicherung von den Kunden vor dem Hintergrund gewählt, hier möglichst viel Gegenleistung zu erhalten. Schlechte Zähne in der Familie? Man sieht schon nicht mehr ganz so scharf? Freunde sprechen über Behandlungserfolge mit Homöopathie? Da greift man gerne schnell zur Zusatzversicherung und wird dann auch versuchen diese möglichst gut zu „nutzen“.
Ganz anders sieht es hier z.B. bei der Kalkulation eines stationären Zusatztarifs aus. Wer geht schon freiwillig ins Krankenhaus oder kann Aufenthalte dort wirklich planbar absehen?
Aus meiner Sicht ist somit der sinnvollste Zusatz der Baustein fürs Krankenhaus. Das kommt zwar seltener vor als der Gang zum Zahnarzt oder der Besuch beim Optiker. Die Kosten für eine wahlärztliche Behandlung und eine nervenschonende Unterbringung können aber gerade bei längeren Aufenthalten auch gut gefüllte Konten schnell leeren. Im Vergleich dazu kann man Kosten für Sehhilfen und Zähne ebenso wie den Besuch beim Heilpraktiker besser planen und auch ohne Versicherer über entsprechend Rücklagenbildung stemmen. Wer schon einmal eine Abrechnung über einen mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt mit einer aufwendigeren Operation gesehen hat, wird mir hier zustimmen.

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