Bildquelle: Pressefoto Wirecard

Wirecard (WKN: 747206 / ISIN: DE0007472060) zeigt wie schnell es gehen kann: Vom DAX-Shootingstar zur deutschen Mutter aller Finanzskandale geht es manchmal in nicht einmal einer Woche. Noch vor acht Tagen war die Welt in Ordnung, inzwischen steht der Finanzplatz Deutschland da, wie ein beim Haschisch-Rauchen erschwischter Teenager.

Geschäftsmodell (noch) existent?

Der nicht erteilte Bestätigungsvermerkt des Abschlussprüfers Ernst & Young für den 2019er-Jahresabschluss von Wirecard beruhte anfangs nur auf einem Verdacht. Von einem Treuhänder verwalteten 1,9 Mrd. Euro sollten nicht korrekt nachgewiesen worden sein. Inzwischen ist klar: Die besagten Milliarden existieren auf den genannten philippinischen Banken überhaupt nicht. Ob sie jemals existierten oder immer schon gefaked waren, ist derzeit unklar.

Unklar ist ebenfalls, wie lange es diesen offensichtlichen Mangel schon gibt. KPMG hat in seinem Sonderprüfungsbericht für 2018 ja bereits eine unklare Milliarde Euro ausgemacht. Ob das nur die Spitze des Eisbergs war, oder ob der Rest erst im vergangenen Jahr hinzugeschwindelt wurde, wird noch zu klären sein. Für Wirecard ist es so oder so geschehen. Nicht nur, dass der langjährige Kopf hinter dem Unternehmen, Markus Braun, nicht mehr zur direkten Aufklärung beitragen kann, auch andere Köpfe sind weg vom Fenster. Und Braun kam nur gegen 5 Mio. Euro Kaution aus der Haft frei. Da er ein Großteil seiner Aktien an Banken verpfändet hatte, musste er sogar rund 5 Millionen Aktien aufgrund von Margin Calls zwangsveräußern. Wieviel er von den erzielten 155 Mio. Euro tatsächlich behalten kann, bleibt unklar. Im Zuge eines Verfahrens wegen Marktmanipulation und Bilanzbetrug dürfte Braun allerdings so oder so nicht allzu schnell für Klarheit sorgen werden. Wirecard jedenfalls dürften die Kunden Stück für Stück abhanden kommen – egal wie gut oder schlecht das eigentliche Geschäftsmodell war. Händler werden sich auf die Konkurreten stürzen und darauf setzen, dass auch Endkunden entsprechende Wechsel goutieren.

Aufsicht und Prüfer unter Druck

Nachdem die Börse durch einen beispiellosen Kurssturz eines DAX-Titels den Abgang von Braun & Co. sicher beschleunigt hat, richtet sich der Fokus nun auf die Abschlussprüfer von Ernst & Young sowie die Finanzaufsicht BaFin. Letztere ermittelt bereits seit einigen Wochen wegen Marktmanipulation, bislang aber wenig substantiell. Die Wirtschaftsprüfer, die 2019 das Testat versagten, waren bereits in den Vorjahren für die Abschlussprüfung bestellt. Daher stellt sich die Frage, ob in den Vorjahren schon alles mit rechten Dingen zuging. Wirecard selbst schrieb dazu in der Ad-hoc-Mitteilung Montagnacht: „Mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Geschäftsjahre können nicht ausgeschlossen werden.“ Damit wäre also auch die Arbeit der Abschlussprüfer in Frage gestellt. Von der Aufsicht gar nicht erst zu reden, deren unrühmliche Rolle in diesem Spiel wohl nur durch hartnäckige Fragen zu Tage treten wird. Immerhin hat man auf die Vorwürfe der „Financial Times“ nur mit Maßnahmen gegen den Autor und einem Leerverkaufsverbot reagiert, anstatt selbst bei Wirecard nach dem Rechten zu sehen.

FAZIT

Der Schaden betrifft nicht nur direkt die Wirecard-Anleger, sondern den gesamten Finanzplatz Deutschland. Der Imageschaden für den Börsenstandort Frankfurt und den DAX (damit auch für die Deutsche Börse) ist immens. Das Signal für Privatanleger wiederum wird bereits von geneigten Politikern in Richtung „Aktien sind böse“ gedreht. Dabei gibt es keine Alternative zum Sachwertinvestment Aktie – zumindest wenn man den Vermögensaufbau auch erfolgreich vollziehen möchte. Hier gilt es in den nächsten Tagen und Wochen Schadensbegrenzung zu betreiben. Das Zockerpapier Wirecard sollte zumindest nicht mehr allzu lange den deutschen Blue Chip-Index schmücken, sonst verfestigt sich international der Eindruck vom Börsen-Entwicklungsland Deutschland.

In diesem Sinne, bleiben Sie gesund und verlieren Sie Ihren Optimismus nicht.

Ihre marktEINBLICKE-Gründer
Christoph A. Scherbaum & Marc O. Schmidt

Bildquelle: Pressefoto Wirecard

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