Bild: Christian W. Röhl

Der DAX wird am 1. Juli 2021 stolze 33 Jahre alt – im September des gleichen Jahres wird er sich grundlegend verändern. Die Zahl der Werte steigt von 30 auf 40 und auch bei den Kriterien wird sich einiges ändern. Die marktEINBLICKE-Redaktion hat dazu Kapitalmarkt-Profi Christian W. Röhl befragt. 

Haben Börse und Finanzplatz die richtigen Lehren aus dem Wirecard-Skandal gezogen?

Auf politischer/regulatorischer Ebene ist die Aufarbeitung des Skandals ja noch in vollem Gange – und ich bin froh, dass Parlamentarier wie Fabio DiMaso, Danyal Bayaz oder Florian Toncar hier die Aufklärung vorantreiben. Da wird noch einiges ans Licht kommen, was für Finanzministerium, BaFin, Bilanzpolizei und Wirtschaftsprüfer sehr kritisch ist.

Die Börse konnte meines Erachtens nicht viel mehr tun als endlich klarzustellen: Wer nicht fristgerecht seine Zahlen/Berichte/Testate liefert, also seinen Folgepflichten nicht nachkommt, fliegt raus aus dem DAX. Peinlich allerdings, dass es erst einen solchen Skandal brauchte, bis man zu dieser Einsicht gekommen ist.

Welche Kritikpunkte hat ein Investor am künftigen DAX-40?

Die 10 zusätzlichen Aktien dürften weniger als 10 Prozent Anteil haben, den DAX also nicht substanziell optimieren – aber sie werden im MDAX fehlen, womit die Börse ausgerechnet ihr Index-Prunkstück kastriert.

Und dass künftig nur profitable Firmen in den DAX kommen sollen, wird keinen Betrug „à la Wirecard“ verhindern – sondern nur dafür sorgen, dass Aktien von Wachstumsfirmen erst spät in den Index aufsteigen. Welche Konsequenzen im Sinne von Marktverwerfungen das haben kann, zeigt das Beispiel Tesla und der US-Börsenindex S&P 500.

In Summe: Viel Lärm um eine „Reform“, die irgendwo zwischen Pillepalle-Kosmetik und Verschlimmbesserung versandet ist.

Welche Auswirkungen hat der neue DAX auf die Mid- und SmallCap-Indizes MDAX und SDAX?

Siehe oben: Dem MDAX – dem erfolgreichsten Mitglied der DAX-Familie – fehlen künftig 10 Schwergewichte. Das Prunkstück wird kastriert, die Diffusion zwischen MDAX und SDAX eher noch zunehmen.

Wie schätzen Sie die neuen Indexregeln für den DAX-40 ein, nicht nur hinsichtlich das Falls Wirecard?

Der DAX ist nicht besser geworden, der MDAX wurde kastriert… und ein Debakel à la Wirecard lässt sich nun mal nicht verhindern. Leider hat man es versäumt, darüber zu diskutieren, was der DAX denn sein will: Ein repräsentatives Abbild der deutschen Börsenlandschaft? Ein Qualitätssiegel? Oder ein möglichst einfach handelbares Underlying für Futures/Derivate?

Alles zusammen geht nicht, angesichts der limitierten Marktbreite des Deutschen Aktienmarkts. Und so bleibt als Fazit: Deutschland hat viele tolle Firmen. Zu wenige sind an der Börse – und diese übersichtliche Aktien-Landschaft wird von der DAX-Familie jetzt noch schlechter eingefangen.

Wäre ein marktbreiter Index, vergleichbar zum S&P500, nicht die sinnvollere DAX-Alternative?

S&P 500 und DAX in einem Atemzug? Puh… das tut weh: Dort ein hochentwickelter Kapitalmarkt, hier ein Provinzindex. Aber eine breitere Aufstellung des DAX wäre möglich gewesen bzw. es gibt ja auch einen breiteren DAX, nämlich den aus DAX+MDAX+TecDAX zusammengesetzten HDAX. Wenn man hier das Limit für das maximale Gewicht einzelner Aktien auf 4 bis 5 Prozent reduzieren würde, hätte man einen schönen Deutschland-Index.

Vielen Dank für das Gespräch.

Bildquelle: Christian W. Röhl

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[…] nicht substanziell optimieren. „Aber sie werden im MDAX fehlen, womit die Börse ausgerechnet ihr Index-Prunkstück kastriert.“ Als Resümme zieht er pointiert folgenden Schluss: „Viel Lärm um eine ‚Reform‘, die […]