Warum der Ölpreis weiter steigen könnte

Bildquelle: Pressefoto Saudi Aramco

Die Öffnung der chinesischen Wirtschaft, ein möglicher allmählicher Stopp von russischen Öllieferungen und der anhaltende Krieg in der Ukraine sollten den Ölnotierungen weiteren Auftrieb verleihen. Dennoch sind nicht alle Marktteilnehmer davon überzeugt, dass die Ölpreise, quasi wie selbstverständlich, weiter ansteigen werden. Derweil baut ein bekannter US-Investor seine Positionen bei Energieunternehmen aus.

Sind die Marktentwicklungen bereits eingepreist?

Erinnern wir uns: Im Frühjahr 2020 fiel der Ölpreis zum ersten Mal in der Geschichte unter null. Seitdem sind die Notierungen steil angestiegen. Im Fall der Ölsorte Brent befinden wir uns wieder im Bereich der Marke von 120 US-Dollar pro Barrel. Kurz nachdem Russland in die Ukraine einmarschiert war und der Westen Sanktionen gegen Russland verhängt hatte, kletterte der Brent-Rohölpreis sogar auf rund 139 US-Dollar je Fass.

Ob es jedoch tatsächlich zu einem Angriff auf die Marke von 200 US-Dollar geben wird, wie einige Marktteilnehmer vor nicht allzu langer Zeit spekuliert hatten, bleibt abzuwarten.

Zuvor sollte das im Jahr 2008 verzeichnete Allzeithoch bei 147 US-Dollar als Zwischenstation dienen. Bloomberg hatte Mitte März berichtet, dass einige Rohstofftrader bereits kleinere Wetten auf einen Brent-Rohölpreis von mehr als 200 US-Dollar platziert hätten.

Quellen: Rystad Energy Ucube; The Wall Street Journal, „Canadian Oil Sands: Buried Treasures“, 18. März 2022; Graphik Franklin Templeton Technischer Breakeven Preis Rohöl

Die Angst vor Produktionsausfällen

Bereits Ende März sollte demnach diese Marke erreicht werden. Bekanntermaßen ist es dazu nicht gekommen. Ob es so bald überhaupt dazu kommt, ist fraglich. Laut Dina Ting, Head of Global Index Portfolio Management, Franklin Templeton Investments, würde der von der Europäischen Union geplante schrittweise Importstopp für russisches Öl eine beträchtliche Lücke in die weltweite Versorgung reißen.

“Selbst nach der historischen Freigabe von 1 Million Barrel Öl pro Tag aus den strategischen Erdölreserven der USA – ein Versuch, die Gaspreise zu dämpfen und die Inflation zu bekämpfen – herrscht langfristig weiterhin Angst vor Produktionsausfällen und hohen Rohölpreisen.”
Dina Ting von Franklin Templeton Investments

Ausgerechnet in einer Zeit, in der die Preisinflation den Rohölpreis auf über 100 US-Dollar/Barrel getrieben hat, versucht die Welt, ihre Abhängigkeit von russischem Öl zu durchbrechen, heißt es weiter in ihrem Marktkommentar.

Am Markt ist man sich nicht einig, wohin die Reise für die Ölnotierungen gehen soll. Allerdings sind Chevron & Co bereits über die erreichten Niveaus froh (Bildquelle: markteinblicke.de)

Eine höhere Öl-Nachfrage ist in Sicht

Was die Ölpreise in den vergangenen Tagen und Wochen jedoch gestützt hat, sind unter anderem die Hoffnungen auf ein Anspringen der chinesischen Konjunktur. Die Millionenstadt Shanghai soll nach strikten Corona-Lockdowns allmählich zur Normalität zurückkehren. Damit sollen auch die Störungen in den für den Welthandel wichtigen chinesischen Häfen zu Ende gehen.

Eine Wiedereröffnung der zweitgrößten Weltwirtschaft könnte einen Schub für die weltweite Konjunktur bedeuten und damit die Nachfrage nach Rohöl stützen. Zudem soll der weltweite Tourismus nach COVID-19 endlich wieder anziehen. Die zusätzlichen Reiseaktivitäten, insbesondere im Zuge der Hauptsaison im Sommer, könnten auch die Rohölnachfrage ankurbeln.

Die USA sind sowohl ein führendes Ölerzeugerland als auch einer der weltweit größten Ölkonsumenten.

Brent-Ölpreis: Zurück unter die 100 US-Dollar-Marke?

Es gibt aber auch Stimmen, die eine andere Entwicklung vorhersehen: Die US Energy Information Administration sieht den Brent-Ölpreis im laufenden zweiten Quartal 2022 im Schnitt bei 107 US-Dollar je Barrel. Im April ist dieser noch auf 105 US-Dollar zurückgegangen, nachdem er im März noch im Schnitt um 13 US-Dollar lag.

Experten erwarten weiter steigende Ölpreise. (Bildquelle: markteinblicke.de)

Für die zweite Jahreshälfte dieses Jahres wird mit durchschnittlichen Notierungen von 103 US-Dollar je Barrel gerechnet, während der Preis 2023 wieder mit durchschnittlich 97 US-Dollar unter die Marke von 100 US-Dollar rutschen soll – allerdings ist in diesen Vorhersagen ein mögliches europäisches Embargo von russischen Öllieferungen noch nicht enthalten. Dies könnte also noch einmal Auswirkungen haben.

Der Ölpreis und das “überkaufte” Terrain

Andere Marktteilnehmer sind ebenfalls nicht davon überzeugt, dass der Ölpreis notwendigerweise nach oben klettern wird. Beispielsweise nutzte Jim Cramer von CNBC jüngst eine charttechnische Analyse von Carley Garner von DeCarley Trading. Laut Cramer würde der Bericht implizieren, dass das Aufwärtspotenzial für die Rohölnotierungen trotz kurzfristiger Aufwärtsbewegungen begrenzt sei. Im Fall der US-Sorte WTI steht dabei die Marke von 102 US-Dollar im Fokus.

Sollte diese nach unten durchbrochen werden, wären massenhafte Auflösungen von Long-Positionen sowie ein Abrutschen des Ölpreises auf rund 70 US-Dollar die Folge. Darüber hinaus würde sich laut Cramer der Relative Strength Index in der Nähe des “überkauften” Bereichs bewegen, während das starke Aufkommen des Frackings in den USA für eine Art Obergrenze für den WTI-Ölpreis bei etwa 120 US-Dollar pro Barrel gesorgt hätte.

Warren Buffett hat zuletzt stark in de US-Energiekonzern Chevron investiert. Bildquelle: markteinblicke.de

Trotz solcher Prognosen heißt dies kaum, dass man zuletzt mit Aktien von Ölunternehmen nicht hätte starke Renditen erzielen können. Dies wird insbesondere bei einem Blick auf die Investments von Warren Buffett im Energiebereich deutlich.

Die Ölnotierungen bewegen sich weiterhin oberhalb der Marke von 100 US-Dollar und sorgte bei den Buffett-Lieblingen Chevron (WKN: 852552 / ISIN: US1667641005) und Occidental Petroleum (WKN: 851921 / ISIN: US6745991058) für deutliche Kurszuwächse.

US-Investor Warren Buffett setzt auf Energiewerte

Die Chevron-Aktie hat im bisherigen Jahresverlauf eine starke Performance von etwas mehr als 50 Prozent auf das Börsenparkett gezaubert. Dabei hat Buffet seine Position im Fall des Öl- und Gaskonzerns trotz steigender Kurse weiter ausgebaut.

Ende März hielt Buffetts Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway (WKN: A0YJQ2 / ISIN: US0846707026) knapp 160 Millionen Chevron-Anteile bzw. rund 8,1 Prozent an dem Unternehmen.

Bei einem Aktienkurs von rund 178 US-Dollar war die Beteiligung damit etwas mehr als 28 Mrd. US-Dollar wert. Zum Vergleich: Die Beteiligung an Chevron machte Ende Dezember 2021 mit einem Wert von rund 4,5 Mrd. US-Dollar etwa 1,36 Prozent am Berkshire-Portfolio aus. Nun liegt der Anteil mehr als 8 Prozent.

Chevron im Berkshire-Portfolio schon auf Platz 3

Damit belegt die Chevron-Position im Berkshire-Portfolio inzwischen sogar Platz drei, hinter Apple (WKN: 865985 / ISIN: US0378331005) und der Bank of America (WKN: 858388 / ISIN: US0605051046). Im Fall von Occidental Petroleum lag der Wert der Beteiligung zuletzt bei etwas mehr als 10 Mrd. US-Dollar oder knapp 3 Prozent am Berkshire-Portfolio. Sollten die Ölpreise weiter oben bleiben oder sogar eine erneute Rallye erleben, dürften Chevron & Co weiterhin davon profitieren.

Im ersten Quartal schoss der Chevron-Nettogewinn bereits auf 6,3 Mrd. US-Dollar, nach 1,4 Mrd. US-Dollar im Vorjahreszeitraum. Die Umsatzerlöse kletterten von 31 Mrd. US-Dollar im Vorjahr auf 52 Mrd. US-Dollar. Dabei konnte Chevron im Schnitt einen Preis von 93 US-Dollar pro Barrel realisieren. In Q1 2021 lag dieser noch bei 56 US-Dollar. Der durchschnittlich erzielte Erdgaspreis hatte sich im Vorjahresvergleich auf 8,87 US-Dollar pro 1.000 Kubikfuß fast verdoppelt.

mE-FAZIT

Trotz einer Wiedereröffnung der chinesischen Wirtschaft und möglicher weiterer Sanktionen gegen Russland ist eine Ölpreisrallye nicht ausgemacht. Schließlich hatten die Notierungen nach ihrem Sprung auf 139 US-Dollar im Fall der Sorte Brent ebenfalls wieder zurückgesetzt. Allerdings befinden sich die Ölpreise bereits seit geraumer Zeit auf hohem Niveau, sodass Unternehmen wie Chevron davon profitieren können. Ganz zur Freude der US-Investorenlegende Warren Buffett. Blicken wir am Ende einmal auf die nüchterne Charttechnik:

Die nackte Charttechnik zu Rohöl Brent

Nachdem Rohöl der Sorte Brent im April 2020 auf 21 US-Dollar je Barrel einbrach, gingen die Notierungen in einen steilen Höhenflug über. Dabei gelang im Januar 2022 der Ausbruch über das Mehrjahreshoch vom Oktober 2018 (86 Dollar), was ein starkes Kaufsignal bedeutete. Im Anschluss ging es für den Brent-Kurs bis zum März auf ein 13-Jahres-Hoch bei 133 Dollar weiter nach oben. Nach einer Korrektur im April auf 98 Dollar legten die Notierungen bis Anfang Juni zeitweise wieder bis knapp unter die 120er-Marke zu.

Charttechnisch zeigen die Trendpfeile für Brent-Rohöl damit weiterhin klar nach oben, wie sich am großen Abstand zur bei 90 Dollar verlaufenden 200-Tage-Linie zeigt. Setzt sich der Aufwärtstrend fort, könnte in Kürze das März-2022-Top bei 133 Dollar in Angriff genommen werden. Das nächste Kursziel wäre oberhalb das Rekordhoch aus dem Jahr 2008 bei 147 Dollar pro Barrel.

Bildquelle: Saudi-Aramco, Chevron Australia Pty Ltd, marktEINBLICKE, C.A.T.oil AG