Bitcoin: Dieses Mal ist alles (nicht) anders

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Eines der meistdiskutiertesten Themen unter Anlegern ist seit vielen Jahren Bitcoin- und Kryptowährungen als die neue Asset-Klasse. Der Hype um die digitalen Währungen hatte diese im vergangenen Jahr auf Rekordstände getrieben. Im Sommer 2022 ist die Euphorie vorbei – wieder einmal. Die herben Kursverluste machen dieses Mal viele Anleger noch nervöser, als es die bisherigen Krypto-Crashs schon taten.

Der gesamte Krypto-Markt ist seit Monaten unter Druck. Durch die Bank weg haben fast alle digitalen Assets massiv an Wert verloren. Stagnierende Futures- und Optionsmärkte, gepaart mit niedrigeren Handelsvolumina als sonst sorgten dafür, dass es gehörig bergab im aktuellen Bärenmarkt ging. Allein der Bitcoin, die wichtigste Kryptowährung auf diesem Globus gab im zweiten Quartal mehr als 55 Prozent ab.

Juni 2022 – schwärzester Monat der Bitcoin-Geschichte

Der Bitcoin verbuchte noch ein weiteres Highlight. Allein im Juni ging es um fast 40 Prozent in den Keller – es war der schlechteste Monat in der Historie des Coins. So etwas macht nervös – und hat viele Anleger, die auf das schnelle Geld am Kryptomarkt hofften, vertrieben. Aktuell notiert der Bitcoin fast 70 Prozent unter seinem Allzeithoch bei rund 69.000 Dollar, die Notierungen schwanken zwischen 18.500 und 21.600 Dollar.

Die echten Krypto-Fans mag dies nicht beeindrucken – auch wenn die Unabhängigkeit der digitalen Währungen am Finanzsystem erst einmal dahin zu sein scheint. Denn auch dem Krypto-Sektor machen augenscheinlich die „üblichen Verdächtigen“ am Markt zu schaffen: Hohe Inflationsraten, steigende Leitzinsen und damit verbundene Konjunktursorgen.

Michael B. Bußhaus von justTRADE bringt es mit den Zahlen auf den Punkt: „Der Krypto-Markt durchlebt derzeit eine seiner schwersten Phasen: Betrug die Marktkapitalisierung des Sektors zur Hochphase im November 2021 noch knapp 3 Billionen US-Dollar, fiel der Marktwert zwischenzeitlich auf unter 800 Milliarden US-Dollar.“ Zwar seien laut Bußhaus Bärenmärkte und Volatilität keine Fremdwörter für Kryptos, doch selten haben Bitcoin & Co einen solchen heftigen Abverkauf erlebt. Für den Experten sind neben makroökonomischen Gründen aber auch hausgemachte Problemen des Sektors für den Einbruch verantwortlich.

Terra-Netzwerk brachte Stein ins Rollen

Der Crash des Terra-Netzwerks war der Stein, so Bußhaus, der die Baisse im Krypto-Sektor ins Rollen gebracht hat. Anfang Mai büßte der Stablecoin UST der beliebten Terra-Blockchain aufgrund eines mutmaßlichen Angriffs auf das Netzwerk innerhalb weniger Tage massiv an Wert ein. Im Zuge dessen brach auch Terras Luna-Token um über 99 Prozent ein – beide Assets haben sich seitdem nicht mehr erholt.

„Der Kurseinbruch traf nicht nur Kleinanleger, sondern löste eine Kettenreaktion aus, die auch die Big Player der Branche in Mark und Bein traf“, so Bußhaus weiter und erklärt die Zusammenhänge: „Celsius Network, eine der größten Lending-Plattformen für digitale Assets, geriet infolge des Luna-Crashs und des allgemeinen Krypto-Abverkaufs enorm unter Druck. Darüber hinaus nutze Celsius die Beacon Blockchain von Ethereum 2.0, um große Mengen von Ethereum zu staken.“

Was Ethereum mit dem Crash damit zu tun hat

Das Problem hierbei sei, dass die gestakten Ethereum erst mit dem Merger von Ethereum 2.0 wieder verfügbar sind. „Wann das erfolgt, ist aktuell noch unklar.“  Parallel stakte Celsius aber auch Ethereum über den Anbieter Lido, der ebenfalls die Beacon-Chain nutzte. Hier zahlte Lido dann für jeden ETH einen stETH aus, sogenanntes „liquid staking“, die Celisus dann wiederum bei Aave beliehen hat.

Für die Nutzer hat das Folgen: „Sie können seit Wochen nicht auf ihre hinterlegten Assets zugreifen, zahlreiche Positionen des Anbieters standen laut Beobachtern der Branche kurz davor, liquidiert zu werden.“

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Die Stimmung bleibt also angespannt, manche Beobachter sehen in der rund um die Krypto-Dienstleister BlockFi und Celsius entstandenen Liquiditätskrise sogar eine ähnliche Situation wie in der Finanzkrise aus 2008.

Andere sehen in der aktuellen Situation nichts anderes, als dass sich Kryptowährungen beweisen müssen. Zu ihnen gehört Jon Cunliffe, Vizegouverneur der Bank of England. Die diejenigen „Krypto-Projekte, die diese harten Zeiten bestehen, sind die Tech-Unternehmen der Zukunft.“ Cunliffe gehört zu der Fraktion, die den Crash als Zeitraum sieht, in dem die wirklich überzeugenden Krypto-Projekte überleben, andere jedoch nicht.

Kommt die Blockchain gestärkt aus der Krise?

Auch Bußhaus ist der Ansicht, dass Bitcoin & Co jetzt beweisen müssen, „dass sie auch äußerst herausfordernde Marktphasen – inklusive einer möglichen Rezession – durchstehen können. Sollte dies gelingen – und davon gehe ich aus –, würde spätestens dann feststehen, dass sich digitale Assets zu einer ernstzunehmenden Anlageklasse entwickelt haben.“

Bis dahin dürfte es aber noch ein längerer Weg sein, der wohl auch mit weiteren Debatten über die Beaufsichtigung des Kryptomarktes einhergeht. Nach dem Crash des Terra-Netzwerks der schlug Gary Gensler, Chef der US-Börsenaufsicht SEC,  die Schaffung eines einheitlichen Regelwerkes für Kryptobörsen vor.

Dieses solle den gesamten Handel umfassen – egal ob Security- oder Commodity-Token. Wenn ein Token, so Genster, der eine Ware darstellt, auf einer von der SEC beaufsichtigten Plattform notiert wird, würde die Wertpapieraufsichtsbehörde diese Informationen an die Behörde Commodity Futures Trading Commission (CFTC) weiterleiten, die für den Handel mit Waren zuständig ist, so die Argumentation.

Die These vom “Selbstzertifizierungssystem”

Seitens der Kryptobranche sind solche Vorschläge keine. Charles Hoskinson, Mitgründer der Kryptowährung Cardano, sprach sich vor dem Kongress zugunsten einer softwaregestützten Selbstregulierung für die Kryptoasset-Branche aus.

Ähnlich wie die Selbstregulierung von Privatbanken könne die Branche ein “Selbstzertifizierungssystem” schaffen, das die Einhaltung der Vorschriften automatisiert solange überwacht, bis eine Anomalie auftritt, die dann von einer Finanzbehörde überprüft wird. Da Kryptowährungen in der Lage sind, Daten zu speichern und zu übertragen, könnten sie zudem einen Großteil dieser Regulierungsarbeit automatisch durchführen, so Argumentation von Hoskinson.

Experten wie Bußhaus zeigen sich ebenso positiv gestimmt. Es sei gut möglich, dass digitale Assets sogar gestärkt aus dem Abschwung hervorgehen – und zwar aus mehreren Gründen: „Zum einen schreitet der technologische Fortschritt und die Entwicklung von Innovationen auch in Krisenzeiten voran; so steht Ethereum beispielsweise eines der größten Updates in der Geschichte des beliebten Netzwerks ins Haus.“

Gründe, die für Anstieg der Kryptowährungen sprechen

Hinzukomme, dass sich die Branche im Zuge der zunehmenden Regulierung weiter professionalisiere und damit einhergehend auch Schwankungen und Ausfallrisiken abnehmen könnten. Ein weiteres Argument:

„Der Bärenmarkt könnte auch zu einer Neubewertung des Sektors führen. Befinden sich Kryptos im Höhenflug, steigt in der ganzen Euphorie häufig auch die Marktkapitalisierung vieler Projekte, die aufgrund mangelnder Innovationen eigentlich nur wenig Chancen bei Investoren hätten.“

Wer die Nachrichtenlage um die Kryptobranche aktuell verfolgt, wird jedoch erst einmal verunsichert sein. Das einfache Geld-Anlegen in Kryptowährungen scheint für viele in weiter Ferne gerückt zu sein. „Anleger schauen nun ganz genau hin, welche Projekte lohnend sind, wo neue technologische Innovationen entstehen und wo sich ein Investment rechnen könnte“, bestätigt Bußhaus.

Die Bitcoin-Charttechnik mahnt zur Vorsicht

Im Fokus der Investments dürfte vor allem der Bitcoin stehen – als bekannteste und älteste Digitalwährung. Deren Kursentwicklung  glich in den vergangenen beiden Jahren einer regelrechten Achterbahnfahrt. Nach einem Rücksetzer im März 2020 unter die 4.000-Dollar-Marke wechselte der Kurs in einen steilen Höhenflug.

Dabei konnte sich der Kurs in den folgenden 13 Monaten versechzehnfachen und erreichte im April 2021 ein neues Rekordhoch bei rund 64.900 US-Dollar. Es folgten ein Rückschlag bis zum Juni 2021 auf 28.600 Dollar und die nächste Kurs-Rallye, im Zuge der im November 2021 ein neues Allzeithoch bei 69.000 Dollar markiert wurde.

Doch im Anschluss ging der Bitcoin in die nächste, steile Talfahrt über. Die Notierungen brachen dabei bis Ende Juni dieses Jahres in den Bereich der 19.000er-Marke ein. Die Krypto-Währung notiert dementsprechend aktuell weit unter der bei rund 38.000 Dollar verlaufenden 200-Tage-Linie, was den übergeordneten Abwärtstrend bedeutet. Setzt sich dieser fort, droht ein weiterer Abverkauf bis auf 10.000 Dollar.

Im Fall einer neuen Erholungs-Rallye würde es dagegen ein neues Kaufsignal geben, wenn die Rückeroberung der 200-Tage-Linie (38.000 Dollar) gelingt. In diesem Szenario stellt sich das nächste Kursziel dann wieder auf das November-2021-Rekordhoch bei 69.000 Dollar. Oberhalb könnte mittelfristig die runde 100.000er-Marke angesteuert werden.

mE-Fazit

Aber: Aktuell ist beim Bitcoin aber noch keine Bodenbildung zu erkennen. Für Krypto-Fans empfiehlt es sich deshalb, das Marktgeschehen vorerst nur von der Seitenlinie aus zu beobachten.

Doch trotz dieser nüchternen Chartlage werden Kryptofans nicht müde, die Attraktivität des Bitcoins hervorzuheben. Seine Skeptiker wiederum verweisen immer wieder auf die Risiken. Betrachtet man eben den Langfrist-Chart von Bitcoin, so ist zu erkennen, dass eine Geldanlage in die Cyberwährung nichts für schwache Nerven ist: Auf extreme Kursanstiege folgt(e) oft ein herber Einbruch. Für viele Profiinvestoren ist der Bictoin nach wie vor keine Geldanlage sondern die reine Spekulation.

Der US-Starinvestor Warren Buffett sagte einmal, angesprochen auf ein Investment in den Bitcoin, dass dieser für ihn keinen Wert habe. „Wenn Sie Bitcoin kaufen, kaufen Sie nichts, was irgendetwas produziert. Sie hoffen nur, dass irgendjemand noch mehr dafür bezahlt.“

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