Zweites Halbjahr: Korrektur bietet Chancen

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Das erste Börsen-Halbjahr 2022 haben viele Investoren abgehakt. Angesichts der Verluste, die nahezu alle Asset-Klassen betrafen, auch kein Wunder. Die noch in der Corona-Krise so gehypten Tech-Werte traf es besonders hart. Der US-Technologie-Index NASDAQ gab im ersten Halbjahr um über 30 Prozent nach.

Auch der DAX und der breite S&P 500-Index kommen auf ein Minus von deutlich über 20 Prozent. Wer jedoch an der Börse langfristig engagiert ist, sieht auch die Chancen, die sich derzeit ergeben – gerade jetzt im zweiten Halbjahr 2022. „An der Börse wird die Zukunft gehandelt“ sagt ein alter Börsenausspruch. Für junge Anleger, die während Corona eigentlich nur steigende Kurse kannten, mag das Auf und Ab der Kurse derzeit chaotisch wirken.

Die drängendste Anleger-Frage bleibt die Inflation

Die Gründe für die jüngste kräfitge Marktkorrektur sind aber schnell gefunden. Inflation, Ukraine-Krise, Corona, Unsicherheit bezüglich Notenbankpolitik – die Liste ist lang. Guilhem Savry, Head of Macro and Dynamic Allocation bei Unigestion, bringt es auf den Punkt:

„Das makroökonomische Bild hat sich in den letzten 12 Monaten erheblich gewandelt: von einem vorübergehenden Inflationsschock zu einer galoppierenden Inflation, von der Unterstützung des Wachstums und des Arbeitsmarkts zur Inflationsbekämpfung, von Liquiditätsspritzen und Goldilocks zur Bilanzverkürzung und dem Ende des Easy Money.“

Einkaufen wird wegen der hohen Inflation in Europa immer teurer. Bildquelle: Pixabay / MichaelGaida

Laut Savry haben die Börsen heftig auf „diesen Regimewechsel“ reagiert, was sich auf Renditen, Korrelationen und Streuungen zwischen und innerhalb von Vermögenswerten auswirkte.

Bei J.P. Morgan Asset Management ist man für das zweite Halbjahr verhalten. „Drängendste Frage ist aktuell, wie es mit der Inflation weitergeht und ob diese zu einer Rezession führt. Angesichts des Wechselspiels zwischen Inflations- und Rezessionsgefahr stehen die Zentralbanken und wie sie auf diese Situation reagieren besonders im Fokus“, so die Marktexperten in ihrer aktuellen Markteinschätzung.

Die EZB handelt(e) endlich

Immerhin ist die EZB von ihrer im Juni abgegebenen Prognose einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte im Juli abgewichen und hat stattdessen eine Anhebung um 50 Basispunkte vorgenommen. Natürlich habe die Abkehr von früher gegebenen Prognosen ihren Preis, sagt Willem Verhagen, Senior Economist bei NN Investment Partners.

„Alle künftigen Prognosen werden nur noch bedingt glaubwürdig sein. Derzeit lehnt die EZB es auf jeden Fall ab, überhaupt Prognosen abzugeben, was in einem höchst unsicheren stagflationären Umfeld wahrscheinlich eine sinnvolle Strategie ist.“ Die EZB gehe davon aus, dass eine fortlaufende Normalisierung der Geldpolitik angemessen ist, doch wird sie das Vorgehen von Sitzung zu Sitzung, auf der zum jeweiligen Zeitpunkt verfügbaren Datengrundlage, festlegen, so Verhagen weiter.

Sie hat angesichts der hohen Inflation in Europa derzeit wenig zu lachen: EZB-Präsidentin Christine Largarde. Bildquelle: Pressefoto Europäische Zentralbank

Das Kuriose beim Thema Inflation ist: Auf beiden Seiten des Atlantiks tragen unterschiedliche Komponenten zur Inflation bei. Energiekosten etwa treiben die Inflation in den USA nicht so stark in die Höhe wie in Europa. In anderen Bereichen, wie etwa im Automobilsektor, lösen sich die Engpässe nach und nach auf.

Zukünftig dürfte sich auch nach der Urlaubszeit die aufgestaute Nachfrage in vielen Dienstleistungen verringern. „So langsam scheint der Peak überschritten zu sein, denn die Verbraucher werden ihre Konsumgewohnheiten dem veränderten Preisumfeld anpassen“, betont Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management.

Die Risiken steigen – was machen die Konsumenten?

„Vor diesem Hintergrund fragen sich Anlegerinnen und Anleger, inwiefern ein Rezessionsrisiko an den Kapitalmärkten bereits eingepreist ist und wie man sich am besten positionieren sollte.“ Ein wichtiger Aspekt hierbei ist: Was machen die Konsumenten? Neben den inflationären Verteuerungen bei Nahrungsmitteln oder an der Tanksäule ziehen in den USA laut Galler auch dunkle Wolken am Immobilienmarkt auf.

Der nächste Crash? In Amerika haben sich die Hypothekenzinsen zuletzt auf mehr als 6 Prozent verdoppelt. Bildquelle: Unspalsh/Andreas Strandman

So verdoppelten sich die US-Hypothekenzinsen zuletzt auf mehr als 6 Prozent, was die Kostenbelastung für Immobilienkäufe oder Kreditrefinanzierungen steigert. „Dies dämpft den Immobilienmarkt und den Bausektor, wo zwar aktuell noch der Auftragsstau abgebaut wird, aber es mittel- bis langfristig zu einem Rückgang kommen wird“, so Galler.

Sorgen, dass es zu einem Immobiliencrash wie bei der Finanzkrise kommt, sind laut Galler jedoch unbegründet, da die Finanzierungen viel langfristiger und solider als damals sind und es den Haushalten weiterhin sehr gut geht. Nichtsdestotrotz haben sich die Rezessionsrisiken in den letzten 6 Monaten deutlich erhöht.

Kerninflation sollte Höhepunkt erreicht haben

„Die Kombination aus Inflation, Straffung durch die Fed und höheren Hypothekenzinsen stellt sicherlich einen Gegenwind für die US-Wirtschaft dar. Es ist in den USA in diesem Jahr aber eher eine technische Rezession zu erwarten, statt eines tieferen Abschwungs – zumindest solange die Beschäftigungslage weiterhin so gut ist“, so Galler.

Er erwartet, dass die Kerninflation nun ihren Höhepunkt erreicht hat und die Zentralbanken aufgrund der sich abschwächenden Inflationsdynamik wieder etwas zurückhaltender agieren. „Sicherlich werden die US-Zinsen in diesem Quartal kräftig steigen, aber die Geschwindigkeit der Zinserhöhungen wird sich anpassen, sobald die Wirtschaft reagiert und sich Inflation und Wachstum abschwächt“, ist der Stratege sicher.

In Europa, wo der Krieg in der Ukraine und die Risiken der Energieversorgung die Rezessionsrisiken noch stärker erhöhen, sollten die Anleger nicht zu große Zinsschritte erwarten.

Anlegerfokus sollte langfristig auf Substanzwerten liegen

Mit Blick auf Anlagechancen ist Galler der Meinung, dass die Aktienkursrückgänge ein Ausmaß angenommen haben, „das durchaus mit einem Rezessionsumfeld assoziiert werden kann.“

Allerdings seien bisher relativ wenige Abwärtsrevisionen bei den Gewinnerwartungen zu sehen. „Wir erwarten im Fall einer tieferen Rezession deutlich stärkere Gewinnrückgänge, wie sie aktuell erwartet werden. Vor diesem Hintergrund haben die jüngsten Kursverluste die Überbewertung an den Aktienmärkten beseitigt, aber eine Rezession ist noch nicht eingepreist. Doch für Investoren wurde langfristige Werthaltigkeit geschaffen“, erläutert Galler.

Der Kapitalmarktstratege präferiert bei Aktien weiterhin Substanzwerte, ebenso wie Dividendentitel – aus den USA, Großbritannien und asiatische Aktien. „Es ist weiterhin sinnvoll, im Markt zu sein – mit einer neutralen Gewichtung. Solange die Rezessionsrisiken größer werden ist es jedoch noch zu früh, Aktien überzugewichten“, so das Fazit von Tilmann Galler.

Tim Cook, CEO von Apple: Die Aktie des iPhone-Konzerns ist ein Paradebeispiel für eine langfristige Geldanlage in erfolgreiche Unternehmen. Bildquelle: Pressefoto Apple

mE-Fazit

Langfristig orientierte Anleger sollten bei ihrer persönlichen Geldanlage-Strategie bleiben. Aktien sind unverändert ein wichtiger Baustein für einen erfolgreichen Vermögensaufbau. Gleichwohl sollte ein Anleger in der aktuellen Börsenphase nach wie vor einen kühlen Kopf bewahren.

Auch Thomas Böckelmann, leitender Portfoliomanager der Vermögensmanagement Euroswitch rät im aktuellen Marktumfeld Ruhe zu bewahren. „Zu Beginn der zweiten Jahreshälfte erleben wir eine Art dritter Verkaufswelle bei Aktien.“ Während Kursverluste auf Gesamtmarktebene von etwa 20 Prozent für Aktienmärkte im historischen Vergleich nicht unüblich sind, scheint angesichts der aktuellen Gemengelage vieles anders.

„Manche Strategen bemessen eine Rezessionswahrscheinlichkeit für die USA mit vergleichbar hohen 30 Prozent, andere sehen faktisch keine Chance mehr, die Wirtschaft in ein ‚Soft Landing‘ mit sich moderierender Inflation bei positivem Wachstum zu führen. Am Ende ist aber auch Böckelmann bei der Aktienanlage „für ein hochkonzentriertes Portfolio in global erfolgreiche Unternehmen.“

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