Das 60/40-Portfolio und die Probleme der Inflation

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Gerade in turbulenten Börsenphasen und in Crash-Märkten hat es sich in der Vergangenheit immer wieder bewährt, auf Diversifikation im Wertpapierdepot zu achten. Diese erfolgserprobte Strategie wird auch von vielen Privatanlegern verfolgt. Dazu gehören beispielsweise auch diejenigen Anleger, die auf ein sogenanntes 60/40-Portfolio setzen.

Dabei handelt es sich um ein Portfolio, das sich aus einem Anteil von 60 Prozent Aktien und einem Anteil von 40 Prozent Anleihen zusammensetzt. Diese Strategie gilt als ausgewogen und wird sowohl von vielen professionellen Investoren als auch von Kleinanlegern weltweit umgesetzt.

Anhänger der 60-40-Strategie erleben ein Horrorjahr

Für die Anhänger dieses Ansatzes dürfte das laufende Jahr 2022 für große Verunsicherung gesorgt haben, denn die Erfolgsstrategie ist plötzlich nicht mehr so erfolgreich wie gewohnt. Sogar das Gegenteil ist nun der Fall, denn die meisten 60/40-Stategen dürften Kursrückschläge in ihren Depots verbuchen.

Geht es nach einer aktuellen Auswertung von Bespoke Investment, beläuft sich das Minus eines traditionellen 60-40-Portfolios im Zeitraum Anfang Januar bis Ende August 2022 auf minus 13,99 Prozent. Damit verzeichnet das Jahr 2022 bislang einen traurigen Höhepunkt. Denn im untersuchten Zeitraum 1976 bis 2022 (per Ende August) gab es kein anderes Jahr mit einem auch nur annähernd so heftigen Rückschlag.

Die Logik des 60-40-Portfolios

Es stellt sich deshalb aktuell die Frage, ob die 60-40-Strategie ihren Zenit inzwischen überschritten hat, obwohl die Idee dahinter eigentlich nach wie vor sehr plausibel klingt. Die Logik des 60-40-Portfolios lautet einfach ausgedrückt: Aktien als Renditeturbo und Anleihen als Stabilisator, der greift, wenn es an den Aktienmärkten phasenweise abwärts geht. Gerade die Aufteilung in 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen verspricht dabei eine ausgeglichene Mischung.

Hierfür gibt es aber zwei Bedingungen. Entweder müssen sich beide Vermögensklassen gegenläufig zueinander entwickeln, sind also negativ miteinander korreliert (steigende Aktienkurse und fallende Anleihenkurse, fallende Aktienkurse und steigende Anleihenkurse). Oder beide Asset-Klassen sind weitestgehend unabhängig voneinander, was eine Korrelation im Bereich von Null bedeutet.

Anhänger der 60-40-Strategie erleben bislang ein Horrorjahr 2022, da sowohl die Aktien- als auch die Anleihenkurse zeitweise kräftig einbrachen. Langfristig betrachtet hat sich dieser Handelsansatz trotzdem bewährt. Gut möglich ist deshalb, dass mit der 60-40-Strategie im kommenden Jahr 2023 wieder Gewinne eingefahren werden. (Bildquelle: markteinblicke.de)

Ein günstiges Marktumfeld im vergangenen Jahrzehnt

Im zurückliegenden Jahrzehnt gab es ein besonders günstiges Marktumfeld, das der 60-40-Strategie in die Karten spielte. Denn wegen der niedrigen Inflationsraten und der expansiven Geldpolitik der Notenbanken sanken die Anleihen-Renditen auf historische Tiefststände. Fallende Renditen bedeuten traditionell steigende Kurse bei Anleihen. Denn wenn immer wieder neue Bonds auf den Markt kommen, die immer niedrigere Zinsen aufweisen, werden die bereits am Markt etablierten Anleihen mit den höheren Zinsen bei den Anlegern immer beliebter. Das lässt die Kurse entsprechend ansteigen.

Auch an den Aktienmärkten gab es über viele Jahre hinweg stark steigende Kurse zu beobachten, wie sich beispielsweise beim DAX im Zeitraum zwischen Anfang 2009 (Ende der Finanzkrise) und Ende 2021 zeigte. 60-40-Strategen freuten sich in ihren Portfolios deshalb über steigende Anleihen- und Aktienkurse.

Aktuell schwierige Rahmenbedingungen für die 60-40-Strategie

Doch diese günstige Gemengelage hat sich zuletzt leider umgekehrt. Wegen der negativen wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs (Lieferengpässe, hohe Energie- und Rohstoffkosten, inflationsbedingte Kaufkraftverluste) haben die Aktienmärkte in den vergangenen Monaten stark korrigiert. Und aufgrund der extrem hohen Inflation haben die Notenbanken, allen voran die US-Zentralbank Fed, eine geldpolitische Wende eingeläutet. Die steigenden Leitzinsen führten vor allem in den USA auch zu höheren Zinsen bei Staatsanleihen, was wiederum zu fallenden Bond-Kursen führte. Dementsprechend sorgten sowohl Aktien als auch Anleihen für zwischenzeitlich hohe Verluste in den 60-40-Depots.

Das bedeutet, Aktienkurse und Anleihenkurse entwickelten sich im laufenden Jahr diesmal in dieselbe Richtung und die zeigte phasenweise leider deutlich nach unten. Empfiehlt es sich deshalb für die 60-40-Strategen, ihre Positionen mit den angehäuften Kursverlusten glattzustellen? Beziehungsweise hat die Aktien-Anleihen-Strategie nun endgültig ausgedient?

Bei der 60-40-Aktien-Anleihen-Strategie errechnete sich im Zeitraum 1976 bis 2022 eine Gewinnhäufigkeit von 83 Prozent. Das bedeutet, Anleger verzeichneten mit diesem Handelsansatz in 38 von 46 Jahren positive Renditen. (Bildquelle: Pixabay / PIX1861)

Hat die Aktien-Anleihen-Strategie ausgedient?

Schaut man sich die Auswertung von Bespoke Investment noch einmal genauer an, dürften die Antworten auf diese beiden Fragen trotzdem eher nein lauten. Denn insgesamt gesehen war die 60-40-Strategie langfristig von Erfolg gekrönt. In den untersuchten 46 Jahren im Zeitraum 1976 bis 2022 fiel die Gesamtrendite der 60-40-Portfolios in 38 Jahren positiv aus. Nur in acht Jahren wurden negative Gesamtrenditen verzeichnet. Die Gewinnhäufigkeit lag dementsprechend bei 83 Prozent.

Außerdem zeigt die Auswertung, dass in der Regel auf ein Verlustjahr ein Gewinnjahr folgte. Die Ausnahme war hier nur das Minusjahr 2001 mit einem weiteren Verlustjahr 2002. Das heißt, es bestehen gute Chancen, dass sich 2023 wieder in die große Riege der Gewinnerjahre einreihen wird.

Solange sich die Korrelation zwischen den traditionellen Anlageklassen Aktien und Anleihen nicht dauerhaft dahin ändert, dass sich Aktien- und Anleihenkurse in dieselbe Richtung entwickeln, dürfte die 60-40-Strategie aussichtsreich bleiben. Noch besser ist es aber natürlich, wenn Anleger die Diversifikation im Depot noch weiter verbessern, indem beispielsweise auch ein kleiner Teil des Kapitals in andere Asset-Klassen wie Rohstoffe (zum Beispiel Gold), Immobilien oder Währungen investiert wird.

mE-Fazit

Anhänger der 60-40-Strategie erleben bislang ein Horrorjahr 2022, da sich die Aktien- und Anleihenkurse diesmal im Gleichlauf entwickeln und zwar zeitweise deutlich nach unten. 2022 dürfte aber nur ein besonders ungünstiges Ausnahmejahr sein. Die Auswertung von Bespoke Investment zeigt nämlich, dass sich die 60-40-Strategie historisch bewährt hat. Für Anleger bleibt Depot-Diversifikation nach wie vor die aussichtsreichste Strategie für den langfristigen Handelserfolg. Dabei empfiehlt es sich, dass Investment-Kapital neben Aktien und Anleihen auch noch in weitere Asset-Klassen zu streuen.

Bildquelle: Pressefoto Börse Stuttgart