Apple und der „Quantified Self“-Trend

Bildquelle: Pressefoto Apple

Es war aus heutiger Sicht eine Pressekonferenz mit einer der größten Fehleinschätzungen des modernen Wirtschaftszeitalters. Nick Hayek, seines Zeichens damals CEO des größten Schweizer Uhrenherstellers Swatch äußerte sich im März 2013 auf einer Pressekonferenz im schweizerischen Kanton Solothurn zu den Gerüchten, dass der iPhone-Konzern Apple nun eine Uhr herausbringen könnte. Er persönlich glaube nicht daran, dass so eine Apple-Uhr wirklich es geben könne. Das größte Problem, so Hayek damals, sein die Umsetzung komplexer Funktionen eines Smartphones auf dem vergleichsweise kleinen Display. Hinzukomme, dass ein Uhren-Display ja nicht zu groß sein dürfe. 

Neun Jahre später wäre wohl Nick Hayek als Verwaltungsrat-Chef der schweizerischen Swatch Group froh, wenn es so auch gekommen wäre. Denn Apple ist heute nicht nur ein erfolgreichen Tech-Unternehmen, sondern auch der mit Abstand größte Uhrenkonzern der Welt. Allein im Jahr 2020 war der Umsatz der Apple Watch 2020 fast doppelt so groß wie die Verkäufe von Luxusklassiker Rolex. Dahinter kam dann erst Swatch.

Wearables sind ein fester Bestandteil der Apple-Strategie

Das Geheimnis des Erfolges ist bei der Apple Watch einmal mehr dieser „One more Thing“-Gedanke vom Firmengründer Steve Jobs, den Tim Cook verfolgte – auch wenn es viele Apple-Fans gibt, die unverändert behaupten, dass es unter Jobs nie eine Smartwatch von Apple gegeben hätte. Dennoch: Sein Nachfolge als Apple-CEO hat sich mit der Apple Watch etwas getraut – und es richtig gemacht, wie die Zahlen beweisen.

Sogenannte Wearables, also am Körper getragene Gadgets, haben mittlerweile einen erheblichen Anteil an Apples wirtschaftlichem Erfolg. In den vergangenen Jahren hat die Sparte den Umsatz verdoppelt – vor allem dank der Apple Watch, die den Markt der Smartwatches klar dominiert.

Welche Apple-Watch darf es sein? Die Auswahl an Modellen ist riesig. Bildquelle: Pressefoto Apple

Die Apple-Mitbewerber wie auch der Tech-Konzern aus Kalifornien haben in den vergangenen Jahren erkannt, dass der „Quantified Self“-Trend bei den Verbrauchern immer größer wird. „Die Unterscheidung zwischen Geräten für Verbraucher und für die Gesundheitsfürsorge verliert angesichts des jüngsten Trends, dass mehr Verbraucher medizinisch bewährte Gesundheitsüberwachungsgeräte verwenden und mehr Nicht-Patienten medizinische Geräte nutzen, an Bedeutung. Investoren in diesem Markt sollten die Entwicklung des Wettbewerbs beobachten“, sagt Henk Grootveld, Head of Trends Investing bei Lombard Odier Investment Managers (LOIM).

Der mobile medizinische Gesundheitsüberwacher am Arm

In der Realität bedeutet dies, dass die Messung des Gesundheitszustands nicht mehr ausschließlich Sache des Arztes oder des Krankenhauses ist. „Intelligente Uhren, die von den meisten immer noch als reine Verbrauchergadgets angesehen werden, haben den ersten Schritt zu einem offiziellen medizinischen Gerät gemacht“, so Grootveld.

Apple gehört mit seiner smarten Watch zu den Anbietern, ebenso wie Garmin, Fitbit und Samsung, die eine Uhr zum kleinen Medizin-Gerät macht. Die siebte Version der Apple Watch konnte schon vor abnormalen Herzfrequenzen warnen, Stürze erkennen, ein Elektrokardiogramm (EKG) erstellen und den Sauerstoffgehalt im Blut messen. Diese erste Funktion zur Warnung vor abnormalen Herzfrequenzen und zur Erkennung von Vorhofflimmern wurde von der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) genehmigt, ebenso wie die Fähigkeit, die Parkinson-Krankheit zu überwachen.

„Mit der FDA-Zulassung haben die intelligenten Uhren, die von den meisten immer noch als bloße Verbrauchergadgets angesehen werden, den ersten Schritt in Richtung eines offiziellen medizinischen Geräts gemacht“, ergänzt Grootveld. Die neuen Apple Watch Series 8 hat laut dem Konzern nun „die besten Gesundheitsfeatures ihrer Klasse, mit einem innovativen Temperatursensor, der fortschrittliche Features für die Gesundheit von Frauen ermöglicht, und der Unfallerkennung für schwere Autounfällen.“ Dies dürfte (nicht nur) vielen weiblichen Apple-Fans gefallen.

Gesundheitsdaten sind ein wertvolles Gut

Neben der medizinischen Zulassung von Gesundheitsmonitoren hat Apple schon 2019 auch die FDA-Zulassung für die Speicherung elektronischer Gesundheitsdaten (EHR) auf iPhones erhalten. Der Konzern verweist darauf, dass dies dem Unternehmen ermöglichen würde, alle Gesundheitsdaten an einem Ort – dem persönlichen Smartphone eines Patienten – zu zentralisieren, anstatt unvollständige Dateien über verschiedene Gesundheitsdienstleister, Kostenträger und Lieferanten zu verteilen.

Das neue Top-Modell: Die Apple Watch Ultra; Bildquelle: Pressefoto Apple

„Natürlich möchte Apple diese offiziellen medizinischen Aufzeichnungen mit den von seiner Smartwatch gesammelten Überwachungsdaten kombinieren, um so zu einem digitalen Lifestyle-Coach aus einer Hand zu werden“, sagt Grootveld und ergänzt: „Da dieser digitale Coach auch Zugriff auf Ihre GPS-Daten hat, könnte er Sie in Zukunft nicht nur darauf hinweisen, dass Sie häufiger Sport treiben sollten, sondern auch darauf, dass Sie den wöchentlichen Besuch im geliebten Fast-Food-Restaurant auslassen sollten.“ Damit wäre dann die unliebsamen persönlichen Gespräche mit dem Hausarzt für den einen oder anderen Verbraucher ad acta – denn die Uhr zeigt mir an, welche Stunde meine Gesundheit geschlagen hat …

Alphabet will mit Fitbit-Uhren der Apple-Strategie folgen

Nach Ansicht von Grootveld dürften andere Big-Tech-Unternehmen versuchen, „dem Beispiel von Apple zu folgen. Insbesondere Alphabet, das Unternehmen hinter der Suchmaschine Google und dem Android-Betriebssystem für Smartphones.“ Hintergrund ist, dass Alphabet im Jahr 2020 das Unternehmen Fitbit kaufte und vor kurzem eine Partnerschaft mit dem Anbieter von elektronischen Gesundheitsakten (EHR) Meditech ankündigte – einem wichtigen Akteur im Bereich Krankenhaussoftware. Das Unternehmen hat auch ein Buchungs-Tool für Gesundheitstermine mit Gesundheitsdienstleistern wie CVS MinuteClinic auf den Markt gebracht …

Mit den Fitbit-Smartwatches will Alphabet langfristig den Weg von Apple einschlagen. Bildquelle: Pressefoto Fitbit

Für Apple dürfte die neue Watch Version 8 sowie die Apple Watch Ultra ein weiteres Kapitel sein, dass der Bilanz und damit auch den Aktionären gefallen wird.  Anteilseigner von Apple mögen verwöhnt sein – doch der Konzern schaffte es bisher immer wieder, die (teils zu) hohe Erwartungshaltung der Börse und Marktteilnehmer zu erfüllen. Dies zeigt eindrucksvoll der historische Chartverlauf der Apple-Aktie:

Apple-Aktionäre frohlocken über die neuen Smartwatches

Nachdem die Apple-Aktie im Sog des Corona-Börsen-Crashs im März 2020 auf 53 US-Dollar zurückgeschlagen wurde, startete ein neuer Kursaufschwung. Dabei konnte sich der Kurs in den folgenden knapp zwei Jahren verdreieinhalbfachen und markierte im Januar 2022 ein neues Rekordhoch bei 182,94 Dollar. 

Bis zum Juni korrigierte die Aktie dann auf 129 Dollar, legte aber inzwischen wieder zeitweise auf 157 Dollar zu. Setzt sich die Kurserholung fort, könnte in Kürze mit dem Ausbruch über die bei 161 Dollar verlaufende 200-Tage-Linie ein neues Kaufsignal generiert werden. Das nächste Kursziel wäre dann das Januar-2022-Allzeithoch bei 182,94 Dollar. Oberhalb würden die nächsten runden Marken bei 190 und 200 Dollar in den Fokus rücken.

Wie die Kursentwicklung seit 2020 einmal mehr zeigt, kann es sich bei Apple lohnen, Rücksetzer auszusitzen oder zum wieder günstigeren Einstieg zu nutzen. Das beweist die langfristige Kurshistorie. Die zeitweisen Kursrückschläge fielen bei der Aktie oft kräftig aus, wurden aber in der Regel schnell wieder wettgemacht, woraufhin neue Höchststände folgten. 

Dieses Kursmuster gilt bereits seit 2003, denn in diesem Jahr startete der übergeordnete Aktien-Aufwärtstrend, der bis heute anhält. Seitdem ging es für die Notierungen im Mittel um 40 Prozent pro Jahr nach oben. Auch das Ergebnis auf Zehnjahressicht fällt mit einem durchschnittlichen Plus von 21 Prozent p.a. immer noch beeindruckend aus. Aus einer Einmalinvestition im September 2012 in Höhe von 1.000 Dollar wären so bis heute rund 6.600 Dollar geworden …

CAS / Bildquelle: Pressefoto Apple