Wo stehen die Aktienmärkte in einem Jahr?

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Die Beantwortung dieser Frage hängt primär von zwei Faktoren im Finanzsektor und der Politik ab. Was macht die US-Notenbank mit den Zinsen und setzt Putin im Ukraine Krieg taktische Atomwaffen ein?

The Fed writes the market letter

An Wall Street gilt der Satz – die Notenbank bestimmt den Börsentrend (the Fed writes the market letter). Der 69-jährige Notenbank-Chef, Jerome Powell, hat in seiner letzten Pressekonferenz am 22. September keinen Zweifel daran gelassen, dass die Leitzinsen so lange steigen werden, bis die Inflationsrate wieder unter Kontrolle gebracht ist. Um das Ziel von 2 Prozent Inflation wieder zu erreichen, nimmt Powell auch eine Rezession in Kauf, da Inflation das größere Übel ist!

Aktuell stehen die Tagesgelder (Fed Funds Rate) bei 3 Prozent. Zu Jahresbeginn lagen sie bei Null. In den verbleibenden zwei Sitzungen des Notenbankrats (FOMC) – Anfang November und Mitte Dezember – werden die Zinsen mindestens auf die 4-Prozent-Marke steigen. Schwächt sich die Inflationsrate (CPI) vom derzeitigen Niveau von rund 8 Prozent bis Jahresende nicht ab oder steigt sogar noch weiter, so werden Tagesgelder im nächsten Jahr die 5-Prozent-Marke erreichen und einen erneuten Verkaufsdruck am Aktienmarkt auslösen.

Ende September fiel der Dow Jones erstmals in diesem Jahr unter die 29.000er-Marke und der DAX unter 12.000 Punkte. Dies bestätigte meine Prognose und sollte eigentlich die Tiefstände für beide Indices in diesem Jahr sein. Die zweitägige Kurs-Explosion Anfang Oktober von rund 7 Prozent war jedoch primär eine technisch bedingte Rallye und gab noch kein grünes Licht für das Ende dieser globalen Börsenbaisse.

Die Geopolitik als Taktgeber

Die Geopolitik wirft schwerwiegende Fragezeichen auf, die das Vertrauen der Anleger zusätzlich stark belasten kann. Je erfolgreicher die ukrainischen Truppen in der Rückeroberung der durch Russland besetzten Gebiete sind, um so größer wird die Gefahr, dass Putin taktische Atomwaffen einsetzt, um sein Gesicht zu wahren. Sein irrationales Handeln kennt keine Grenzen. Ein Vergleich mit der Kuba-Krise 1962 hinkt deswegen, weil weder Kennedy noch Chruschtschow einen atomaren Krieg wollten und verhandlungsfähig waren. Putins widerrechtlicher Einmarsch in die Ukraine lässt kaum einen Raum für einen Kompromiss. Kommt es zum Einsatz von taktischen Atomwaffen, so können die Börsen in kürzester Zeit zusätzliche 10 bis 15 Prozent verlieren. Für den DAX wäre das die 10.000er-Marke und beim Dow Jones das 25.000er-Niveau!

Trotz dieses Risikos würde ich bestehende Positionen im Aktienmarkt halten und mit einer Bargeld-Quote von 20 bis 30 Prozent arbeiten. Solide Werte, die von ihren Höchstmarken der letzten 12 Monate über 40 Prozent gefallen sind, stehen auf meiner Beobachtungsliste und sind oft auch Empfehlungen, wobei meine Strategie nie eine volle Position aufnimmt, sondern dies in drei Tranchen mit deutlichen Abständen tut.

Die Auswirkungen der Zwischenwahlen in den USA sind unklar. (Bildquelle: Pixabay / Wolk9)

Die bevorstehenden Zwischenwahlen in den USA am 8. November können die knappen Mehrheiten der Demokraten im Kongress gefährden und damit den politischen Spielraum von Präsident Biden stark einschränken. Das gesamte Repräsentantenhaus mit 435 Sitzen wird neu gewählt; im Senat geht es um ein Drittel der insgesamt 100 Sitze.

Der jüngste Beschluss der OPEC, an dem Russland als Nicht-Mitglied teilnahm, die Fördermenge um 2 Millionen Fass zu kürzen, kann den Ölpreis zumindest kurzfristig über die 100 Dollar Marke katapultieren. Dennoch rechne ich hier mit einem deutlichen Preisrückgang im kommenden Jahr, was den globalen Inflationsdruck entschärft. Das erwartete schwache globale Wirtschaftswachstum ist der Grund für meine fallende Ölpreisprognose im kommenden Jahr. Dies wird die Inflationsrate entlasten!

Solange die US-Notenbank die Zinszügel strafft und durch den Verkauf von Staatsanleihen Liquidität aus dem Markt nimmt, ist jeder Erholungstrend an Wall Street limitiert. Damit ergibt sich auf 12-Monats-Sicht ein Index-Potenzial vom derzeitigen Niveau zwischen 10 bis 15 Prozent. Der DAX kann somit die 14.000 Marke eventuell erreichen und Dow Jones die 33.000 sehen. Die bisherigen Rekordhöhen von knapp 16.300 beim DAX und fast 37.000 beim Dow Jones zu Jahresbeginn kommen somit nicht vor 2024 ins Blickfeld. Die Wirtschaft, Politik und Börse stehen vor einer Herausforderung, die es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben hat. Der Satz, wenn es am dunkelsten ist, beginnt ein neuer Tag, wird auf dem Börsenparkett in den kommenden Monaten wieder zutreffen. Dann sind Mut und Vision gefragt!

Ein Beitrag von Heiko Thieme
Er ist über 45 Jahre im internationalen Anlagegeschäft tätig und schrieb 16 Jahre als freier Kolumnist für die FAZ. Seit dem Jahr 1979 gibt es seine Marktanalysen und Einschätzungen sowie die älteste deutsche Börsenhotline.
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