Brasilien: Anlagechancen nach der Wahl

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Brasilien gehörte viele Jahre zu den besonders stark aufstrebenden Schwellenländern. Mit einem neuen Präsidenten sollen einige Probleme angegangen werden, die sich in den letzten Jahren aufgetan haben. Gleichzeitig bietet die Volkswirtschaft, unter anderem dank des Rohstoffreichtums des Landes, auch viele Vorteile, sodass dem neuen Präsidenten das Leben etwas einfacher gemacht wird.

Chancen für Präsident Lula

Brasilien hat gewählt. Auf Jair Bolsonaro folgt Luiz Inácio Lula da Silva. Dieser hatte sich in der Stichwahl für das Präsidentenamt mit 50,9 Prozent der Stimmen knapp die Mehrheit gesichert. Auf den neuen Präsidenten kommen große Herausforderungen zu. Ähnlich wie in vielen anderen Teilen der Welt müssen Themen wie sich eintrübende wirtschaftliche Aussichten sowie steigende Energie- und Lebensmittelkosten adressiert werden.

Hinzu kommen laut Marcus Weyerer, Senior ETF Investment Strategist bei Franklin Templeton ETFs, zuständig für EMEA, Herausforderungen wie geo- und handelspolitische Spannungen, sinkende Rohstoffpreise und Probleme im Inland wie die hohe (wenngleich sinkende) Schuldenlast. Gleichzeitig bieten sich aber auch viele Chancen. Zumal marktliberalere Kräfte nun weniger Bedenken in Bezug auf Lula als in der Vergangenheit haben könnten. So verweist Weyerer darauf, dass einige marktfreundlichere Kräfte bei den Kongresswahlen im Oktober Erfolge einfahren konnten.

Dieser Umstand dürfte aus Sicht des Fondsmanagers die Bedenken in Bezug auf Lula und seine Partido dos Trabalhadores (PT; Arbeiterpartei) mindern. Zu diesen Bedenken zählt beispielsweise die Neigung, staatliche Sozialausgaben durch Schulden oder höhere Steuern zu finanzieren. Lula selbst hat aber gelobt, das Land auf einen gemäßigten Kurs zu steuern, und anerkannt, dass der Privatsektor äußerst wichtig sei.

Sprudelnde Steuereinnahmen

Laut Weyerer ist es von entscheidender Bedeutung, dass die nächste Regierung fiskalpolitisch zurückhaltend agiert und die Verschuldung im Blick behält. Gleichzeitig tendieren die Märkte seiner Ansicht nach häufig dazu, eine Politik zu belohnen, die Investitionen gegenüber Ausgaben Vorrang einräumt. Ein solcher Ansatz wird seiner Meinung nach aufgrund des Gewichts der konservativen Abgeordneten und der Hürden im Kongress, die Lula nehmen muss, auch höhere Erfolgschancen haben (als Steuergeschenke). Dem Land kommt zudem der Umstand zugute, dass es vergleichsweise gut dasteht, sagt Weyerer.

„Lulas Sieg kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Brasilien im Gegensatz zu großen Teilen der Welt durch nach wie vor hohe Rohstoffpreise und einen Haushaltsüberschuss gestützt werden könnte. Der Staatskasse kommen sprudelnde Steuereinnahmen und hohe Dividenden von staatlichen Unternehmen zugute. Der Primärüberschuss der Zentralregierung lag in den vergangenen 12 Monaten (per September 2022) bei 1 Prozent, und laut Prognosen wird die Verschuldung im Verhältnis zum BIP in diesem Jahr um 4,1 Prozentpunkte sinken“, so Marcus Weyerer.

Raum für Leitzinssenkungen?

Um die vergleichsweise gute Position Brasiliens zu unterstreichen, verweist Weyerer auf das moderate Vertrauen der Aktien- und Devisenmärkte. So hat der US-Dollar im vergangenen Jahr gegenüber den wichtigsten Währungen um rund 18 Prozent aufgewertet, jedoch gegenüber dem brasilianischen Real an Wert verloren. Der FTSE Brazil 30/18 Capped Index habe in demselben Zeitraum wiederum (in US-Dollar) um 19 Prozent zugelegt – was eine erstaunliche Leistung in Anbetracht der trostlosen Renditen sowohl in den anderen Schwellenländern (-28 Prozent) als auch den Industrieländern (-18 Prozent) ist.

Für Potenzial könnte auch eine Notenbankpolitik sorgen, die anders als die Maßnahmen der Fed, der EZB und anderen wichtigen Zentralbanken aussehen könnte. Laut Weyerer hat sich die Inflation im Sommer dieses Jahres gegenüber ihrem Hoch im Frühjahr abgeschwächt. Dies könnte der brasilianischen Zentralbank Banco Central do Brasil (BCB) aus Sicht des Fondsmanagers erlauben, 2023 mit einer Lockerung zu beginnen, nachdem der Selic-Satz, der Leitzins der BCB, seit August unverändert geblieben war.

Moderat optimistisch

Außerdem wird auf einen weiteren Vorteil der Zentralbank verwiesen. Diese ist formell unabhängig von der Regierung. In der Amtszeit von Lula kann dies als weitere Absicherung gegen unkontrollierte Ausgaben fungieren. Gleichzeitig wird aber auch vor den Gefahren gewarnt. So könnte die BCB für neue Probleme sorgen, wenn sie die Leitzinsen zu früh senken würde. Auch eine wirtschaftliche Schwäche Chinas, dem wichtigsten Handelspartner Brasiliens, könnte für eine Phase niedrigeren Wachstums und Rezessionsrisiken sorgen.

Die größten kurzfristigen Risiken bestehen jedoch in einer Eskalation der politischen Spannungen oder einer längeren Verunsicherung des Marktes. Insgesamt werden aber eher die Chancen gesehen. So ist Lula in Brasilien eine bekannte Größe. Im größten Teil seiner vorherigen Amtszeit hat die Wirtschaft floriert, und auf Basis der jüngsten Performance scheinen sowohl inländische als auch internationale Investoren in Bezug auf seine Rückkehr an die Macht moderat optimistisch gestimmt zu sein.

mE-FAZIT

Nach einigen turbulenten Bolsonaro-Jahren könnte Lulas Wahl für ein solideres Außenbild Brasiliens für Investoren sorgen. Allerdings gilt es zu beachten, dass Brasilien, genauso wie der Rest der Welt, vor vielen Herausforderungen steht und Investments in den Schwellenländern mit entsprechenden Risiken verbunden sind.

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