Inflation – Ein neuer, ständiger Begleiter

Notenbanken wie die Fed und die EZB sind nun besonders gefragt

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Egal, ob bei der Strom- oder Gasrechnung, beim Tanken oder beim Einkauf von Nahrungsmitteln – jeder ist derzeit mit der Inflation konfrontiert. Notenbanken wie die Fed und die EZB sind nun besonders gefragt, etwas gegen die ausufernden Teuerungsraten zu unternehmen und die sogenannte Preisstabilität wieder herzustellen. Angesichts von Entwicklungen wie dem Krieg in der Ukraine sowie der Unsicherheit in Bezug auf russische Gaslieferungen in diesem Winter wird dies nicht einfach. Auch für Anleger gilt es, sich auf die neuen Marktgegebenheiten einzustellen.

Lange Zeit hieß es vonseiten der Vertreter der wichtigsten Notenbanken, dass die derzeitige Inflation lediglich temporärer Natur sei. Doch inzwischen wissen wir es besser. Hoffentlich haben Fed, EZB & Co nicht zu spät reagiert.

Mythos Jackson Hole

Jedes Jahr findet im Sommer das „Jackson Hole Economic Symposium“ statt. Als Teil des US-Notenbanksystems lädt die Federal Reserve Bank of Kansas City dazu dutzende Zentralbanker, Vertreter der US-Regierung und der Medien, politische Entscheidungsträger, Akademiker, Wirtschaftswissenschaftler und Finanzmarktteilnehmer aus der ganzen Welt nach Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming ein. Bei dieser Gelegenheit werden die drängendsten wirtschafts- und geldpolitischen Themen unserer Zeit besprochen.

Die Teilnehmer werden auf der Grundlage des jeweiligen Jahresthemas ausgewählt, wobei die Vielfalt der Region, des Hintergrunds und der Branche berücksichtigt wird. In einem typischen Jahr nehmen etwa 120 Personen teil. Besonders im Fokus steht in jedem Jahr die Rede des Präsidenten der US Notenbank Federal Reserve. Im vergangenen Jahr kam der Rede vom derzeitigen Fed-Chef Jerome Powell eine ganz besondere Bedeutung zu. Nicht nur, weil es sich bei der Fed um die mit Abstand wichtigste Zentralbank der Welt handelt und ihre Geldpolitik maßgeblich die Entwicklung nicht nur in den USA, sondern an den weltweiten Finanzmärkten bestimmt.



Die Sache mit der Inflation

Inflation bedeutet, dass die Verbraucherpreise für Waren und Dienstleistungen über längere Zeit steigen, sich also das allgemeine Preisniveau beständig weiter erhöht. Zu spüren bekamen Bundesbürger diese Preissteigerungen jüngst vor allem bei Energie und Nahrungsmitteln. Allerdings waren zuletzt immer mehr Bereiche betroffen. Gemessen wird die Inflation hierzulande unter anderem mithilfe des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). Er soll Preisänderungen international vergleichbar machen und die Berechnung einer Gesamtinflationsrate für Europa und die Eurozone ermöglichen. Konkret werden verschiedene Warenkörbe in den Ländern Europas je nach Konsumgewohnheiten der Bürger erstellt. Die Preisentwicklung dieser Warenkörbe wird über die Zeit verglichen. Insgesamt betrachten die Statistiker laut Bundesbank rund 650 Güterarten. Für diese Güterarten erfassen sie jeden Monat mehr als 300.000 Einzelpreise.

Der HVPI dient auch der EZB als Orientierungshilfe für ihre Geldpolitik. Mittelfristig strebt die EZB eine HVPI-Teuerungsrate von 2 Prozent an. Die neue geldpolitische Strategie der EZB wurde im Juli 2021 verabschiedet. Zuvor hatte die EZB Preisstabilität als jährliche HVPI-Teuerungsrate von knapp unter 2 Prozent definiert. Zur Berechnung des HVPI werden verschiedene Waren und Dienstleistungen herangezogen, während spezielle Gewichtungen vorgenommen werden. Bestimmte Waren und Dienstleistungen werden explizit ausgeklammert. Häufig, weil deren Preisgestaltung zu sehr im Zeitablauf schwankt. Es kann aber auch andere Gründe geben. Beispielsweise wird im HVPI das vom Eigentümer selbst genutzte Wohneigentum bisher nicht berücksichtigt. Im deutschen HVPI werden wiederum die Konsumausgaben der privaten Haushalte für Glücksspiel und seit 2020 der Rundfunkbeitrag nicht berücksichtigt.

Inflation bedeutet, dass die Verbraucherpreise für Waren und Dienstleistungen über längere Zeit steigen, sich also das allgemeine Preisniveau beständig weiter erhöht. (Bildquelle: pixabay / Alexas_Fotos)

Bloß keine Deflation

Anfang September projizierte die Bundesbank für 2022 im Jahresdurchschnitt für Deutschland einen HVPI von 7,1 Prozent. Für die Inflationsrate im Euroraum haben die Expertinnen und Experten des Eurosystems in einer kürzlich veröffentlichten Prognose 6,8 Prozent im Jahresdurchschnitt 2022 geschätzt. Für die aktuelle Inflation werden vor allem die Bereiche Energie und Nahrungsmittel verantwortlich gemacht. Die Energiepreise werden unter andrem durch den Krieg in der Ukraine angekurbelt. Ausgaben für Energie machen im Durchschnitt gut 10 Prozent aller Ausgaben der Verbraucherinnen und Verbraucher aus. Da diese aber auch bei der Herstellung vieler Produkte intensiv benötigt wird, können höhere Energiepreise einen deutlich breiteren Effekt auf die Inflation haben.

Auch deshalb stieg zuletzt die Teuerungsrate ohne Energie und Nahrungsmittel in Deutschland auf 5,1 Prozent und damit deutlich über den historischen Durchschnitt von 1,1 Prozent an. Große Aufregung herrscht manchmal um das Inflationsziel von 2 Prozent. Die EZB will aus verschiedenen Gründen keine Null-Inflation. Hauptsächlich geht es um einen „Sicherheitsabstand“ zur Deflation, da diese besonders gefährlich ist und mit der Gefahr einer wirtschaftlichen Abwärtsspirale verbunden ist. Dieser können Zentralbanken wie die EZB nur schwer begegnen, da die (nominalen) Zinsen nicht deutlich unter null Prozent gesenkt werden können. Im Kampf gegen die Inflation werden die Zinsen wiederum angehoben, da höhere Zinsen die Nachfrage dämpfen und somit auch die Preisentwicklung.



2022 stand ein Thema ganz besonders im Fokus, das sich in der Vergangenheit nicht in dieser Deutlichkeit gezeigt hatte: Die rekordverdächtige Inflation. In den vergangenen Jahren hatten die weltweiten Notenbanken mithilfe einer expansiven Geldpolitik, mit Nullzinsen sowie üppigen Anleihenkauf-Programmen versucht, die Inflation sowie das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Dabei hatten sie vor allem den Kampf gegen verschiedene Krisen wie die Finanzkrise, die Eurokrise oder die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie im Blick. Letztlich ist ihnen dies gelungen. Am Ende, vielleicht etwas zu gut? Inzwischen haben sich die Marktbedingungen jedoch verändert.

Geldpolitische Wende

Im Vorfeld des letztjährigen Notenbanker-Treffens in Jackson Hole hatte die Fed bereits eine radikale zinspolitische Wende vollzogen. Nach Auslaufen des monatlichen Anleihenkauf-Programms folgte Mitte März 2022 eine Leitzinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte. Damit wurden die Leitzinsen erstmals seit Ende 2018 angehoben. Es folgten weitere Schritte zur sogenannten Normalisierung der Geldpolitik, zunächst um 0,50 Prozentpunkte und später sogar um 0,75 Prozentpunkte. Und dies, obwohl Fed-Chef Jerome Powell zeitweise den sogenannten „jumbo hikes“, also Leitzinserhöhungen um 0,75 Prozentpunkte oder mehr auf einen Schlag, eine Absage erteilt hatte, nur um kurze Zeit angesichts der angespannten Situation rund um die Inflation in diesem Punkt zurückzurudern.

Umso mehr galt der Blick von Marktteilnehmern Aussagen von Fed-Offiziellen aus den USA rund um das Jackson Hole Symposium und insbesondere rund um Powells Rede. Zumal nicht nur die Währungshüter in den USA, sondern auch bei der Europäischen Zentralbank (EZB) und in anderen Teilen der Welt in Bezug auf die jüngsten Teuerungsraten lediglich lange Zeit von einem temporären Phänomen gesprochen hatten. Verschiedene Faktoren hatten allerdings dazu beigetragen, dass die Inflation nicht nur auf seit Jahrzehnten nicht mehr beobachtete Höhen und teilweise auf neue Rekordstände klettern, sondern sich bisher auch als relativ beständig erweisen konnte.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde ist eine wichtige Akteurin, wenn es um den Kampf gegen Inflation geht. (Bildquelle: Pressefoto Europäische Zentralbank)

Tankrabatt und 9-Euro-Ticket sorgen nur kurz für Linderung

Zu den Gründen für die erhöhte Inflation zählt beispielsweise die zwischenzeitliche wirtschaftliche Erholung nach der Corona-Krise. So wurden in der Ölindustrie oder bei Reedereien Kapazitäten heruntergefahren, um der schwächeren wirtschaftlichen Entwicklung Rechnung zu tragen. Als die Konjunktur jedoch überraschend schnell wieder ansprang, übertraf die Nachfrage in vielen Fällen das Angebot und sorgte für steigende Preise für Energie oder Transport. Darüber hinaus sorgte COVID-19 in vielen Bereichen für einen Arbeitskräftemangel, der sich in zusätzlichen Anreizprogrammen und steigenden Löhnen bemerkbar machte. Später wurde die Situation bei den Energiepreisen durch den Ausbruch des Krieges in der Ukraine zusätzlich angeheizt.

Die steigenden Energiepreise machten sich wiederum in einer teureren Produktion und damit beispielsweise in steigenden Nahrungsmittelpreisen bemerkbar. Trotz zwischenzeitlicher Entspannungssignale, die hierzulande auch mithilfe der Politik und Maßnahmen wie dem Tankrabatt oder dem 9-Euro-Ticket erreicht wurden, bleibt die hohe Inflation ein anhaltender Belastungsfaktor für die Wirtschaft. Insbesondere, da die Notenbanken nun dazu übergegangen sind, aggressiv die Leitzinsen zu erhöhen, um die Teuerungsraten in den Griff zu bekommen und wieder in Richtung Zielvorgaben, die sich vielfach bei rund 2 Prozent befinden, zu bewegen. Auch deshalb lauschte man weltweit den Worten Jerome Powells in Jackson Hole.

„Bis der Job erledigt ist“

Jerome Powells Message war eindeutig. Das Hauptaugenmerk der Fed liege derzeit darauf, die Inflation wieder auf das Ziel von 2 Prozent zu senken. „Die Preisstabilität liegt in der Verantwortung der Federal Reserve und ist das Fundament unserer Wirtschaft. Ohne Preisstabilität funktioniert die Wirtschaft für niemanden“, sagte Powell. Gleichzeitig enttäuschte er sämtliche Marktteilnehmer, die gehofft hatten, dass die Fed schnell wieder Leitzinssenkungen möglich machen könnte, um die Wirtschaft anzukurbeln. Stattdessen sagte Powell, dass die Wiederherstellung der Preisstabilität einige Zeit in Anspruch nehmen wird und den konsequenten Einsatz aller Instrumente erfordern würde, um Angebot und Nachfrage in ein besseres Gleichgewicht zu bringen.

Darüber hinaus würde die Verringerung der Inflation laut Powell wahrscheinlich eine anhaltende Phase eines unter dem Trend liegenden Wachstums erfordern. Der Fed-Chef begründete dieses entschiedene Vorgehen damit, dass der Kampf gegen die Inflation zwar schmerzhaft sei, es jedoch für jedermann weitaus größere Schmerzen bedeuten würde, wenn es nicht gelingen sollte, die Preisstabilität wiederherzustellen. Außerdem verwies er auf frühere Erfahrungen. Demnach würde die historische Entwicklung eindringlich vor einer verfrühten Lockerung der Geldpolitik warnen. Dabei bezieht er sich vor allem auf die Phase einer hohen und zeitweise sehr stark volatilen Inflation in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Jerome Powells Message war eindeutig. Das Hauptaugenmerk der Fed liege derzeit darauf, die Inflation wieder auf das Ziel von 2 Prozent zu senken. (Bildquelle: Pressefoto Federal Reserve)

Wichtige Lektionen

Die erste Lektion, die Powell aus früheren Erfahrungen zieht, ist, dass die Zentralbanken die Verantwortung für eine niedrige und stabile Inflation übernehmen können und sollten. Um in der aktuellen Situation Preisstabilität zu erreichen, müsste die Fed laut Powell vor allem die in seinen Augen in den USA zu hohe Nachfrage mäßigen, um sie besser mit dem Angebot in Einklang zu bringen. Die zweite Lektion betrifft das Zusammenspiel der Erwartungen der Öffentlichkeit hinsichtlich der künftigen Inflation und der tatsächlichen Inflationsentwicklung im Laufe der Zeit. Dazu wird auf die 1970er Jahre verwiesen.

Als damals die Inflation angestiegen sei, hätten sich die Erwartungen einer hohen Inflation in den wirtschaftlichen Entscheidungen der Haushalte und Unternehmen verfestigt. „Je mehr die Inflation anstieg, desto mehr Menschen gingen davon aus, dass sie hoch bleiben würde, und sie bauten diese Überzeugung in ihre Lohn- und Preisentscheidungen ein“, sagt Powell. Die dritte Lektion ist laut Powell der Umstand, dass man dranbleiben müsse, „bis die Aufgabe erledigt ist.“ So würde die Aufgabe schwieriger, je länger man warten würde, da sich die hohe Inflation immer stärker in der Lohn- und Preisbildung verfestigen würde. Die Fed möchte dies mit einem entschlossenen Vorgehen verhindern.

Das marktEINBLICKE-Fazit

Nach der Fed ist im Juli auch die EZB in das Geschäft mit Leitzinserhöhungen eingestiegen. In diesem Fall sogar zu ersten Mal seit 2011. Es ist davon auszugehen, dass der Kampf gegen die hohen Teuerungsraten noch eine ganze Weile anhalten wird. Für Aktienmarktteilnehmer gilt es daher, sich darauf einzustellen. In den Fokus rücken verstärkt Aktien von Unternehmen aus dem Energiebereich, da diese von steigenden Preisen für Rohöl, Gas oder andere Rohstoffe profitieren. Gleichzeitig sind Firmen gefragt, die mit einer hohen Preissetzungsmacht oder starken Marken aufwarten können. Schließlich sollen Verbraucher nicht gleich bei der ersten Preiserhöhung zur Konkurrenz abwandern. Solche Werte haben das Potenzial, sich auch in Zeiten einer erhöhten Inflation ordentlich zu behaupten.

 

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