Was können Kunstwerke für mich leisten?

Ein Plädoyer für Kunst

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Was ist Kunst und für was ist sie eigentlich gut? Ich erlebe immer wieder, dass Menschen dem Thema Kunst sehr skeptisch gegenüberstehen. Dementsprechend führt meine Antwort auf die Frage nach meinem Tätigkeitsfeld – Kunsthandel – zu Reaktionen, die sich in verschiedene, immergleiche Schubladen ablegen lassen.

Ein Plädoyer für Kunst!

  1. In einzelnen Fällen: fachkundige Reaktion, gefolgt von der Frage nach der Bekanntheit diverser Künstler bzw. der vertiefenden Nachfrage, in welchem Bereich ich mich bewege.
  2. Häufiger sind: erfreute Reaktion mit dem Verweis darauf, dass man sich selber nicht auskenne, aber jemanden wisse, der sich künstlerisch betätigt. Dies dann nicht selten verbunden mit der Frage, ob man hier in irgendeiner Weise ggf. bei der Vermarktung unterstützen könnte.
  3. Sehr häufig passiert aber folgendes: kurzes Überlegen – und dann kommen keine weiteren Fragen. Gerne wird sogar das Thema gewechselt. Aber warum eigentlich? Warum hat der Beruf des Kunsthändlers oder des Galeristen in der Wahrnehmung Vieler einen Attraktivitätsgrad, der mit dem eines Versicherungsvertreters vergleichbar ist – ohne Versicherungsvertretern zu nahe treten zu wollen. Nicht nur in der Kunstwelt bilden Versicherungen eine tragende und sichernde Säule im täglichen Tun ab. Warum also die Zurückhaltung bei einem Thema, das an sich ein extrem Schönes ist und das für jeden etwas anzubieten hat?

Vor allem die intellektuelle Seite der Kunst schreckt viele Menschen ab, sich dem Thema anzunähern. Der Gang ins Museum ist deswegen eine Hürde, die nicht selten zu hoch erscheint. Oder aber es sind Arbeiten, die einen sehr hohen Preis haben. Sieben- und achtstellige Werke sind bekanntlich keine Seltenheit, wenn international renommierte Künstler ausgestellt werden, egal ob noch lebend ober bereits verstorben. Beides schreckt ab.

Vor allem die intellektuelle Seite der Kunst schreckt viele Menschen ab, sich dem Thema anzunähern. Der Gang ins Museum ist deswegen eine Hürde, die nicht selten zu hoch erscheint. (Bildquelle: Pixabay / Pexels)

Der intellektuelle Diskurs wirkt fremd. In Verbindung mit hohen Preisen löst das Zweifel aus. Das ist der Nährboden für die klassischen Fragen zu Kunstwerken, die sehr ernst zu nehmen und aus Sicht des Laien vollkommen berechtigt sind:

  1. Was soll daran Kunst sein?
  2. Wer definiert eigentlich, was Kunst ist?
  3. Wer ist bereit dafür so viel Geld zu bezahlen?

Die Eisbrecher in die Kunstwelt sind aber weniger die Museen, denn dort werden gemeinhin Werke gezeigt, die der abstrakten Kunst zuzurechnen sind. Häufig sind die Werke auch bereits sehr hochpreisig. Das hängt davon ab, wie groß die Bedeutsamkeit des Museums ist, oder aber welche Gönnerin oder Gönner dahintersteht.

Ahnend, dass meine These in der etablierten Kunstwelt für Kopfschütteln sorgen wird: Abstrakte Kunst und hochpreisige Werke sind Teil des „Problems“ und sorgen dafür, dass Menschen der Kunst fernbleiben. Lieber wird in Immobilien investiert, in Autos, in Uhren, Schmuck und andere Wertspeicher, weil man das Gefühl hat, diesen Themen näher zu sein, während man von Kunst nichts versteht.

Dabei vereint die Kunst sehr positive Eigenschaften: Sie ist fungibel, d.h. in der Regel relativ beweglich. Sie ist in jeder Währung handelbar. Die Veräußerung mit Gewinn ist nach einem Jahr steuerfrei. Sie verursacht keine, oder nur sehr geringe laufende Kosten. Und sie wird nicht in einem Grundbuch oder einem Depot erfasst – Stichwort Vermögensabgabe etc. Dazu bietet Kunst eine weitere, herausragende Eigenschaft: eine emotionale Rendite, die dann wertschöpfend ist, wenn man die Werke für sich entdeckt, sie einem echte Freude stiften.

Muss man dafür Kunstexperte sein? Sicherlich nicht. Sich an dem zu erfreuen, mit dem man sich umgibt und das man besitzt – darum geht es. Das funktioniert ganz ohne Expertenstatuts. Oder anders gefragt: muss ich Experte sein, um meinen Assoziationen, meinen Gefühlen, meinen Zielen und Neigungen zu folgen?

Zweifelsohne sind die intellektuelle Welt und der hochpreisige Markt wesentliche Teile der Kunstszene. Die Interpretation von Werken, die Frage was die Künstlerin und der Künstler sagen wollte, was transportiert wird, wie produziert wurde usw. ist Teil der Szene und man ist geneigt zu sagen, dass dies zur DNA der intellektuellen Elite gehört. Dennoch bleibe ich dabei: das zu Erklärende und zu Interpretierende in der Kunst ist Anlass für Zweifel und bietet Raum für Interpretation und Spekulation.

Das ist an sich nicht schlimm, denn selbstverständlich darf Kunst genau das tun. Es beginnt schade zu werden, wenn dadurch eine Distanz geschaffen wird zwischen der Kunstwelt und dem Betrachter, dem dieser interpretatorische Tiefe „too much“ ist.  Denn Kunst kann eigentlich viel mehr. Ich möchte eine weitere These wagen: Kunst kann einen maßgeblichen Beitrag für die Menschen leisten, die sich weiterentwickeln wollen und die in ihrem Umfeld wachsen möchten. Was meine ich damit?

Wir leben in einer Gesellschaft, die sich vermutlich stärker reflektiert als es in der Vergangenheit der Fall war. In dem man nach Idealen strebt und sich weiterentwickeln möchte. In der Ziele erreicht und Karriere durch ein viel flexibler gewordenes Berufsbild und eine stetig steigende Internationalisierung nochmals an Bedeutung gewinnt. Wenn ich wachsen möchte, dann ist ein wesentlicher Teil dessen, dass auch meine Umgebung sich weiterentwickelt.

Während in Studentenwohnungen noch das Poster oder der einfache Druck an der Wand hängt, ist mit der Veränderung der Einkommens- und Vermögenslage auch die Veränderung der Wände angesagt. (Bildquelle: Pixabay / poverss)

Während in Studentenwohnungen noch das Poster oder der einfache Druck an der Wand hängt, ist mit der Veränderung der Einkommens- und Vermögenslage auch die Veränderung der Wände angesagt. Es geht darum, diese wertvoller zu gestalten. Wertvoller im doppeldeutigen Sinne. Ich steigere die Höhe meiner Investition und kann zugleich meine emotionale Rendite maximieren, in dem ich mich mit Idealen umgebe, mit schönen Dingen oder gedanklichen Ankern. All das bietet Kunst. Sie ist Spiegel dessen, was mit gefällt, für was ich gehe und für was ich stehe, für das, was ich erreicht habe und ggf. erreichen möchte.

In Zeiten galoppierender Inflation und Währungen unter Druck, ist Kunst ein verlässlicher Wertspeicher. Er ist der älteste von Menschenhand geschaffene Sachwert den es gibt. Kunst hat seit jeher seinen festen Platz in der Geschichte der Menschheit. Jeder kennt die Bilder in den Höhlen und Grotten weltweit. Es sind die künstlerischen Hinterlassenschaften unseren Vorfahren, die mit dem, was ihnen zur Verfügung stand, ein Erbe geschaffen haben. Dass sich die Bedeutsamkeit von Kunst für die Menschen jemals ändert, wäre gleichzusetzen mit der These, dass wir das Interesse an Musik verlieren. Theoretisch möglich, praktisch im höchsten Maße unwahrscheinlich.

Es geht also um beides. Die Kombination von emotionaler Rendite und finanzieller Rendite kann magische Anziehungskraft erzeugen.

Ein Beitrag von Arne von Neubeck

Er ist Gründer & Geschäftsführender Gesellschafter von The Global Fine Art. Das Augsburger Kunsthandelshaus verbindet die Leidenschaft für die Kunst mit der kaufmännischen Analyse von Kunstwerken.
www.tgfag.de

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