Bitcoin: Der Vierjahreszyklus wartet auf Verkäufer, die es womöglich nicht mehr gibt

Milliardenzuflüsse in Bitcoin-ETFs, nachlassender Verkaufsdruck und immer mehr Bodensignale sprechen für eine Stabilisierung des Kryptomarktes. Doch viele Anleger warten weiterhin auf das Tief des klassischen Vierjahreszyklus – womöglich vergeblich.

(Bildquelle: pixabay / geralt)

Der August hat die These deutlich gestärkt, dass Bitcoins Zyklustief bereits hinter uns liegt. US-Spot-Bitcoin-ETFs absorbierten mehr als 3 Mrd. US-Dollar, Bitcoin eroberte den Short-Term-Holder Realized Price nahe 71.000 US-Dollar zurück, und die Erschöpfung auf Verkäuferseite deutet darauf hin, dass nun höhere Preise nötig sein könnten, um wieder Supply in den Markt zu bringen. Viele Investoren bleiben aus unserer Sicht dennoch unterinvestiert und warten darauf, dass der Vierjahreszyklus im Oktober ein weiteres Tief liefert. Doch das Alpha dieses Musters nimmt ab, da Eigentümerstruktur, Emission und Marktstruktur reifer werden.

Unser Boden-Framework zeigt nun, dass 89 Prozent der verfügbaren Signale ausgelöst wurden, gegenüber 78 Prozent rund um das geschätzte Juli-Tief. Während KI-nahe Aktien und Gold als inzwischen reifere Trades erste Ermüdungserscheinungen zeigen, bietet Krypto aus unserer Sicht die stärkste asymmetrische Chance über Anlageklassen hinweg. Doch Böden und Ausbrüche sind unterschiedliche Ereignisse. Angebotsüberhang nahe 82.000 US-Dollar und Volatilität rund um die US-Zwischenwahlen können den Weg weiterhin schwierig machen. Die Bestätigung hängt nun davon ab, dass Bitcoin seine wiederhergestellte Struktur verteidigt und den darüberliegenden Angebotsüberhang absorbiert.

Wertentwicklung und Korrelationen der Anlageklassen

Der S&P 500 liegt seit Jahresbeginn 9,2 Prozent im Plus und Gold 2,5 Prozent, während Bitcoin und Ethereum mit 11,5 Prozent bzw. 17,8 Prozent im Minus bleiben. Die Erholung von Krypto beginnt damit aus einer relativen Unterbewertung heraus, während die etablierten Gewinnertrades bereits weiter fortgeschritten sind.

Bitcoins 30-Tage-Korrelation zu Gold stieg auf 0,56, die derzeit stärkste Beziehung zu einer traditionellen Anlageklasse, während die Korrelation zu US-Aktien nahe null fiel. Über zwölf Monate bleiben die Beziehungen mit 0,40 und 0,44 jedoch moderater. Bitcoin rückt wieder stärker als Knappheits-Asset in den Fokus, doch ein kurzes Zeitfenster macht ihn noch nicht zu einem klassischen Hedge.

Kryptomarktdynamik

Der August kehrte die Schwäche vom Juni im Kryptomarkt um. 85 der Top-100-Assets legten zu, während Memes vom schwächsten Sektor mit einem Plus von 48,4 Prozent zur geteilten Spitzengruppe aufstiegen. Die Marktführung blieb jedoch konzentriert: Der gemeinsame Anteil von Bitcoin und Ethereum stieg von 68,8 auf 71,0 Prozent, während die Stablecoin-Dominanz von 12,7auf 10,4 Prozent fiel. Der Fear and Greed Index erreichte 72, der Altseason Index blieb jedoch bei 29. Das spricht für eine breite Erholung, nicht für eine undifferenzierte Altseason. Das Revenue Dashboard verengt das Feld zusätzlich: Auf annualisierter Monatsbasis führte Hyperliquid mit 620 Mio. US-Dollar Holder Revenue, während Pump.fun mit der Rückkehr der Meme-Aktivität rund 330 Mio. US-Dollar erreichte. Der Markt kann in einer Erholung relativ betrachtet fast alles anheben, doch dauerhafte wirtschaftliche Substanz bleibt auf Trading Venues, Derivate und monetäre Settlement-Netzwerke konzentriert.

Makroökonomische Indikatoren

Das makroökonomische Umfeld ist weniger restriktiv, als es die Kryptopreise nahelegen: Der National Financial Conditions Index fiel auf -0,57, der US-Dollar rutschte unter 99, und der ISM PMI blieb mit 54,6 im expansiven Bereich. Die Liquiditätskanäle sind offen, auch wenn der Kalender schwierig bleibt. In US-Zwischenwahljahren verzeichneten September und Oktober historisch einen medianen Rückgang von 8,6 Prozent, gegenüber 5,2 Prozent in Nicht-Wahljahren. Dennoch schlossen beide Gruppen den Zeitraum in rund 58 Prozent der Fälle höher ab. Die historische Botschaft lautet daher nicht, dass ein weiteres Tief bevorsteht, sondern dass der Weg in die Zwischenwahlen deutlich holpriger sein kann, als das Ziel vermuten lässt.

Onchain-Indikatoren

Robinhood Chain überschritt kurz nach dem Launch 10 Millionen tägliche Transaktionen und überholte zeitweise etablierte Ethereum Layer-2-Netzwerke. Das zeigt, wie schnell bestehende Distribution Onchain-Nachfrage aktivieren kann, macht aber auch deutlich, wie fragil Chain-Loyalität wird, wenn Anwendungen Execution abstrahieren und Wechselkosten sinken. Memes sind ein Einstieg, kein Burggraben. Ob die Aktivität nachhaltig bleibt, ist noch offen. Robinhoods dauerhafter Vorteil hängt davon ab, Brokerage-Reichweite in niedrigere Liquidität für tokenisierte Aktien und wiederkehrende Finanznutzung zu übersetzen, während Ethereum als Settlement-Layer relevant bleibt. Knapp ist nicht mehr nur Durchsatz, sondern Distribution, die Liquidität auch nach der ersten Welle halten kann.

Wichtige Entwicklungen im Kryptobereich

Die Krypto-Infrastruktur reifte weiter. Bitcoin und Ethereum trieben ihre Post-Quantum-Roadmaps voran, während Algorand und NEAR bereits standard­isierte Signaturschemata im Mainnet einsetzen. Institutionelle Rails rückten mit Circles Arc-Launch und der Wahl von Canton durch DTCC näher an den produktiven Einsatz. Tether schloss erstmals ein vollständiges Audit seiner Finanzberichte ab, während Lighter und Lido Token-Rückkäufe aktivierten. Über Sicherheit, Distribution und Token Economics hinweg ersetzt die Industrie Versprechen zunehmend durch funktionierende Infrastruktur und klarere Wertakkumulation.

Ein Beitrag von Denis Oevermann

Er ist Investment Strategist bei Bitcoin Suisse.

 

 

Der obige Text/Beitrag spiegelt die Meinung des oder der jeweiligen Autoren wider. Die CASMOS Media GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.

Vertrag widerrufen