Liebe Leserinnen und Leser,
nächste Woche blickt die Finanzwelt nach Amerika. Am Dienstag, dem 3. November, wählen die US-Bürger bei den sogenannten Midterms ihren Kongress neu. Wer die Schlagzeilen liest, könnte meinen, an diesem Abend entscheide sich das Schicksal der Börse. Wir sehen das anders: Für Langfristanleger ist dieser Termin weniger dramatisch, als er klingt. Schauen wir uns dennoch einmal das Ganze genauer an:
Was am 3. November ansteht
Zur Wahl stehen das gesamte Repräsentantenhaus, ein Teil des Senats, 36 Gouverneursposten und rund 6.000 Sitze in den Parlamenten der Bundesstaaten. Die Republikaner halten derzeit in beiden Kammern die Mehrheit. Traditionell gelten die Midterms als Stimmungstest für den amtierenden Präsidenten, und im Mittelpunkt stehen diesmal die Lebenshaltungskosten, hohe Energiepreise und die Inflation.
Die Börse wählt nicht, sie bewertet
Peter Doralt, Senior Research Analyst bei der DWS, bringt die Sache auf den Punkt: Wer ein Wahlergebnis richtig vorhersage, treffe damit noch lange nicht die richtige Anlageentscheidung, denn entscheidend sei, was bereits in den Kursen stecke. Monica Guerra von Morgan Stanley Wealth Management sieht es ähnlich. Die Wahl werde Washington wohl verändern, den Anlageausblick aber nicht zwangsläufig, denn für die Gesamtmärkte blieben Inflation, Wachstum und Unternehmensgewinne maßgeblich. J.P. Morgan Asset Management erinnert daran, dass die schwachen Börsenjahre 2018 und 2022 weniger der Wahl als den Zinserhöhungen der Notenbank geschuldet waren.

Statistik mit Vorsicht genießen
Gern wird auf die Nachwahlrallye verwiesen. Nach Berechnungen von Charles Schwab legte der S&P 500 seit 1974 in den sechs Monaten nach Zwischenwahlen im Schnitt gut zwölf Prozent zu, und zwar in allen untersuchten 13 Zyklen.
Morgan Stanley verweist auf durchschnittlich rund 23 Prozent im Jahr nach Zwischenwahlen, wenn ein republikanischer Präsident auf einen geteilten Kongress trifft. Klingt verlockend. Doch beweisen solche Zahlen keine Ursache, die Stichprobe ist klein, und die Märkte erholten sich historisch oft schon vor dem Wahltag. Wer jetzt auf die Rally nach der Wahl spekuliert, handelt nach dem Kalender, nicht nach den Fundamentaldaten.
Wie teuer politische Gesinnung werden kann, hat BlackRock einmal durchgerechnet: Ein Anleger, der seine Aktien immer dann verkauft hätte, wenn die ungeliebte Partei im Weißen Haus saß, hätte in der historischen Modellrechnung ungefähr die Hälfte der Rendite eingebüßt. Mit anderen Worten: Politik an der Börse zu spielen kostet Geld.
Wo die Wahl doch zählen könnte: KI und die Bundesstaaten
Interessant wird es bei der Künstlichen Intelligenz. Libby Cantrill, Head of Public Policy bei PIMCO, geht davon aus, dass „die Kontrolle über den Kongress in den kommenden zwei Jahren für die Investments in KI weniger entscheidend sein wird“. Der Präsident behalte sein Vetorecht, und für die meisten Gesetze seien im Senat 60 Stimmen nötig. Das eigentliche Risiko liege woanders, nämlich bei den Bundesstaaten. 40 von ihnen hätten in der jüngsten Gesetzgebungsperiode Beschränkungen für Rechenzentren erwogen, 14 sogar ein vollständiges Moratorium, und mit 36 Gouverneurswahlen könnten neue Bremsen folgen. Der KI-Ausbau komme deshalb nicht zum Erliegen, so Cantrill, doch rechne man damit, dass er „vielerorts auf erhebliche Hindernisse stoßen wird“. Höhere Kosten, längere Genehmigungen und weniger steuerliche Anreize könnten das Wachstum belasten und die Renditen langlaufender Anleihen treiben.

Was das für Langfristanleger heißt
Die Lehre daraus ist für uns dieselbe wie in den vergangenen Jahren: Politik hat an der Börse kurze Beine. Mehrheiten wechseln, Präsidenten kommen und gehen, und die Märkte haben unter ganz unterschiedlichen Konstellationen Höhen und Tiefen erlebt. Wer sein Depot an einem Wahlabend ausrichtet, macht sich abhängig von etwas, das er nicht beeinflussen kann. Ein einseitiges KI-Depot ist dabei besonders angreifbar, denn es hängt an Entscheidungen von Gouverneuren und Genehmigungsbehörden, die kaum jemand auf dem Zettel hat.
Unser mE-Fazit
Unabhängig davon, wer in Washington die Mehrheit gewinnt, verdienen starke Unternehmen weiter ihr Geld. Genau deshalb setzen wir auf Baustein-Aktien: Unternehmen mit stabilen Cashflows, Preissetzungsmacht und globaler Präsenz, deren Geschäft nicht von einem Wahlabend abhängt. Sie sind das Fundament, das auch dann trägt, wenn die Schlagzeilen wackeln.
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