Auf dem Weg zur Normalität

Durch den Zinsanstieg bei 10-jährigen US-Staatsanleihen – von einem Prozent auf fünf Prozent in der Spitze im Oktober – erlebten Rentenanleger ein Desaster historischen Ausmaßes.

(Bildquelle: unsplash / mostafa meraji)

Wir geben in den kommenden Tagen in der Reihe „Ausblick 2024“ marktEINBLICKE zu den Faktoren, die das Anlegerjahr 2024 mitbeherrschen sollten. Dazu haben wir uns wieder kompetente Verstärkung ins Haus geholt und verschiedene Börsen-Experten gebeten, einen Ausblick zu wagen. Ihre Einschätzungen werden wir zum Jahreswechsel an dieser Stelle veröffentlichen. Heute ist Michael Winkler an der Reihe.

Zwei außergewöhnliche Jahre liegen hinter uns. Erst ein explosionsartiger Preisanstieg mit zweistelligen Inflationsraten, der die Notenbanken zu dem aggressivsten Zinserhöhungszyklus seit den 80er Jahren zwang. Und im Jahr 2023 ein fast ebenso schneller und starker Rückgang der Inflation in Richtung drei Prozent.

Durch den Zinsanstieg bei 10-jährigen US-Staatsanleihen – von einem Prozent auf fünf Prozent in der Spitze im Oktober – erlebten Rentenanleger ein Desaster historischen Ausmaßes. Auch Investoren in 10-jährige Bundesanleihen mussten einen ähnlichen Zinsanstieg verkraften – von -0,5 Prozent auf 3 Prozent. All das wird 2024 nicht mehr passieren:

  • Von den Renditehöchstständen haben sich die Rentenmärkte zum Jahresausklang schon wieder entfernt. Die Renditen nähern bzw. unterschreiten die Marken von zwei Prozent (Deutschland) und vier Prozent (USA). Die Notenbanken werden mit Zinssenkungen beginnen. Das wird den Rentenmarkt unterstützen. Wir erwarten ein gutes Jahr für Rentenanleger. Der Kupon und ein gewisser Kursgewinn sollten verdient werden können. Wir erwarten, dass 2024 einen Schritt in Richtung Normalität geht.
  • Damit verbessern sich die geldpolitischen Rahmenbedingungen für die Aktienmärkte im nächsten Jahr deutlich. Vor allem USD-Aktien litten unter der Konkurrenzanlage Renten mit Renditen größer fünf Prozent. Diese Situation wird sich im nächsten Jahr entspannen.

Trotz aller Euphorie muss angemerkt werden, dass die negativen Auswirkungen der Zinserhöhungen erst im Laufe des nächsten Jahres in der Wirtschaft spürbar werden. Eine Verlangsamung der Wachstumsraten (USA) bzw. eine Rezession in der Eurozone ist in den nächsten Monaten realistisch. Vor diesem Hintergrund ist es zumindest fraglich, ob die sehr optimistischen Gewinnschätzungen der Analysten eintreffen werden.

Zumindest die Frühindikatoren, wie der IFO-Index, der ZEW, und die Einkaufsmanager Indizes stabilisieren sich bereits – wenn auch nur auf niedrigem Niveau. Daher wird vor allem das erste Halbjahr 2024 von schlechten harten Wirtschaftsdaten und besser werdenden Stimmungsindikatoren geprägt werden.

Allein durch das nachlassende Wirtschaftswachstum in China und den chinesischen Anteil am Welt-BIP, wird das globale Wachstum weniger steigen. Auch das aktuelle Zinsniveau wird dazu beitragen, dass Investitionen verschoben werden und sich damit das Wirtschaftswachstum reduziert. Vor diesem Hintergrund sollten Unternehmen mit strukturellem, aber auch profitablem Wachstum bevorzugt werden. Da Anleger in die Zukunft schauen, werden sie, vor allem, die sich verbessernden Aussichten in ihrer Investitionsentscheidung berücksichtigen.

Im Rahmen der Euphorie um Künstliche Intelligenz (KI), war das Aktienjahr 2023 massiv von Technologie Aktien geprägt. Die Performanceunterschiede zwischen „normalen“ Aktien und Tech Aktien waren so extrem, wie zuletzt zur Jahrtausendwende auf dem Höhepunkt der Tech Bubble. Der Dow Jones blieb etwa 40 Prozentpunkte hinter der Wertentwicklung des Nasdaq100 zurück. Value Aktien, Dividendenstrategien und Nebenwerte lagen per Ende Oktober sogar noch im Minus. Dieser Unterschied ist extrem und wird sich in 2024 so nicht wiederholen.

China war die große Enttäuschung dieses Jahres. Der chinesische Aktienmarkt liegt per Mitte Dezember zweistellig im Minus. Wer ein wenig mutig ist und sich von den geopolitischen Spannungen nicht abschrecken lässt, findet hier die große Turn Around Spekulation 2024. Die strukturellen Probleme im Immobilienmarkt sowie die hohe Verschuldung und das deflationäre Umfeld sind bekannt und unserer Meinung nach in den aktuellen Kursen eingepreist. Ausländische Investoren kürzen ihre Direktinvestitionen, die Anleger haben dem chinesischen Aktienmarkt den Rücken gekehrt. Nicht das schlechteste Umfeld für einen antizyklischen Einstieg mit der Chance auf Nachholpotenzial.

Insgesamt eignet sich das aktuelle Umfeld exzellent für gemischte Portfolien, die wieder stark an Bedeutung gewonnen haben: Investoren können endlich wieder über verschiedene Anlageklassen diversifizieren. Vor allem die wieder attraktiven Renditen an den Rentenmärkten bieten die Möglichkeit, in klassische gemischte Portfolien („Balanced Portfolios“) mit einem sehr interessanten Chance-Risko-Profil zu investieren. Mögliche schwierige Phasen an den Aktienmärkten können somit zumindest teilweise durch positive Kursentwicklungen der Anleihen im Portfolio ausgeglichen werden. Auf diese Möglichkeit mussten wir wegen der jahrelangen Null-Zins-Phase lange warten.

 

Ein Beitrag von Michael Winkler

Er ist Leiter Anlagestrategie bei der St.Galler Kantonalbank Deutschland AG