Liebe Leserinnen und Leser,
seit dieser Woche können Kunden von Scalable Capital ihr Depot per Sprachbefehl steuern. „Agentic Investing“ heißt das neue Feature – und es ist tatsächlich das, was der Name verspricht: Ein KI-Assistent wie ChatGPT, Claude oder Grok, der auf Zuruf Aktien kaufen, Sparpläne einrichten, Watchlists verwalten, Preisalarme setzen und Portfoliodaten analysieren kann. Scalable-Capital-Gründer und Co-CEO Erik Podzuweit bezeichnet es als „den größten technologischen Sprung in der Finanztechnologie seit dem Internet-Banking“.
Das ist keine leere Übertreibung. Die technische Leistung ist beachtlich: Wer sein Depot per Prompt analysieren, Szenarien simulieren und Orders vorbereiten lassen kann, hat tatsächlich ein neues Werkzeug in der Hand. Der Standard dahinter – das Model Context Protocol (MCP), ursprünglich von Anthropic entwickelt – ist inzwischen industrieübergreifend etabliert und wird von allen gängigen KI-Assistenten unterstützt. Scalable Capital ist die erste europäische Bank, die diesen Standard für ihr Kerngeschäft öffnet.
Aber Werkzeuge sind nur so gut wie ihr Einsatz. Und beim Einsatz von KI im Depot stellen sich Fragen, die Scalable Capital zwar im Kleingedruckten beantwortet – die aber jeder Anleger lesen sollte, bevor er seinen KI-Assistenten auf sein Konto lässt.
Wer haftet, wenn die KI falsch liegt?
Die Antwort steht klar in der Pressemitteilung: „Von der KI erzeugte Antworten, Empfehlungen oder Transaktionen stammen nicht von Scalable Capital, stellen keine Anlageberatung dar und erfolgen auf eigene Verantwortung der Anleger.“
KI-Assistenten wie ChatGPT oder Claude sind generative Sprachmodelle. Sie sind darauf trainiert, plausible Antworten zu liefern – nicht zwingend korrekte. In der Finanzwelt nennt man das Risiko „Halluzinationen“: falsche Zahlen, falsch interpretierte Marktdaten, fehlerhaft berechnete Sparraten. Wer auf Basis einer solchen Halluzination eine Order ausführt, hat keinerlei Rückgriffsrecht auf die Bank oder den KI-Anbieter. Er trägt den Schaden allein.
Das ist kein theoretisches Risiko. KI-Modelle sind heute beeindruckend leistungsfähig und machen dennoch Fehler, die ein erfahrener Anleger sofort erkannt hätte. Wer die Steuerstrategie, das Rebalancing oder die Aufteilung zwischen Aktien und Anleihen per Prompt delegiert, setzt ein großes Vertrauen in eine Technologie, die ausdrücklich keine Haftung übernimmt. Und die Qualität der Ausgabe hängt direkt davon ab, wie präzise der Prompt formuliert wurde. Das wiederum ist eine Fähigkeit, die die meisten Anleger erst noch erwerben müssen.
Meine Finanzdaten bei OpenAI – sicher?
Um Agentic Investing zu nutzen, müssen Anleger ihre Kontodaten, Portfoliozusammensetzung und Transaktionshistorie mit externen KI-Diensten teilen – also mit OpenAI, Anthropic oder dem SpaceX-Ableger xAI hinter Grok. Scalable Capital betont: „Diese Anwendungen von Drittanbietern agieren unabhängig und außerhalb der Kontrolle von Scalable Capital.“
Das ist transparent kommuniziert. Aber es stellt sich die Frage, ob den meisten Anlegern bewusst ist, was das bedeutet. Ihre Depotstruktur, ihre Kauf- und Verkaufshistorie, ihre Sparraten – all das fließt in Systeme, für deren Datenschutzpraktiken Scalable Capital keine Garantie übernimmt. Wer seinen gesamten Vermögensstand mit einem amerikanischen Tech-Konzern teilt, sollte das bewusst entscheiden und die Nutzungsbedingungen des jeweiligen KI-Anbieters gelesen haben. Allein die Frage, ob diese Daten zum Training zukünftiger Modelle verwendet werden, ist noch nicht abschließend beantwortet.
Die Overtrading-Falle: Bequemlichkeit als Risiko
Der vielleicht unterschwelligste Kritikpunkt ist der gefährlichste. Wenn Orders per Chat so einfach werden wie eine Nachricht schreiben, sinkt die Hürde für jeden einzelnen Trade. Finanzexperten warnen ausdrücklich vor dem Risiko des „Overtradings“: Wer häufiger kauft und verkauft, zahlt mehr Transaktionskosten, löst steuerliche Ereignisse aus und erhöht die Wahrscheinlichkeit, genau dann falsch zu liegen, wenn es am wichtigsten ist. Der Anleger-Volksmund kennt das Verhalten unter dem Sprichwort „Hin und her, macht Taschen leer.“
Die Forschung zur Verhaltensökonomie ist eindeutig: Anleger, die aktiver handeln, erzielen im Durchschnitt schlechtere Renditen als solche, die investiert bleiben und nichts tun. Der S&P 500 erzielte zwischen 2005 und 2025 eine durchschnittliche jährliche Rendite von rund 10 Prozent. Anleger, die nur die zehn stärksten Handelstage verpassten, erzielten im Durchschnitt weniger als die Hälfte. Ein KI-Assistent, der Trades bequemer macht, macht dieses Problem nicht kleiner. Er macht es größer.
Hinzu kommt ein technisches Risiko, das Scalable Capital selbst benennt: Über die CLI-Variante – die Kommandozeilen-Installation für fortgeschrittene Nutzer – können Schutzmechanismen wie die Zwei-Faktor-Bestätigung deaktiviert werden. Trades würden dann ohne Rückfrage ausgeführt. Das ist eine Funktion für erfahrene Entwickler, aber in einer Welt, in der KI-Tools immer zugänglicher werden, eine Einladung zum Missbrauch.
Was KI kann – und was nicht
Wir wollen fair sein: Agentic Investing hat echten Nutzen. Ein personalisierter News-Digest auf Basis des eigenen Depots spart Zeit. Eine automatisierte Vorbereitung der Steuerexporte oder ein Portfolio-Vergleich mit einem Referenzindex ist sinnvoll. Die Funktion, eine Sparrate zu berechnen und einen Sparplan vorzubereiten, ist für Einsteiger wertvoll – sofern der Anleger die Ergebnisse versteht und prüft, bevor er bestätigt.
Aber das ist etwas anderes als KI-gestütztes Trading. Analyse, Planung und Vorbereitung sind legitime Einsatzfelder für KI im Depot. Das eigenständige Ausführen von Trades auf Basis von KI-Empfehlungen ist ein anderes Kapitel – eines, das Erfahrung, kritisches Urteilsvermögen und ein klares Risikoverständnis voraussetzt. KI kann recherchieren und zusammenfassen. Sie kann aber nicht einschätzen, wie sich eine Position in das persönliche Risikoprofil, den Zeithorizont und die steuerliche Situation eines individuellen Anlegers einfügt.
Das mE-Fazit
Scalable Capital hat etwas Mutiges getan. Sie haben eine Plattform geöffnet und eine Technologie demokratisiert, die bisher nur Programmierern zugänglich war. Das verdient Respekt. Aber Demokratisierung ist nicht dasselbe wie Eignung.
Langfristiger Vermögensaufbau funktioniert nicht durch mehr Trades, sondern durch weniger. Nicht durch schnellere Entscheidungen, sondern durch bessere. Nicht durch KI-Empfehlungen im Chat, sondern durch Qualitätsunternehmen, die Jahr für Jahr liefern – ohne dass man täglich eingreifen muss.
Baustein-Aktien brauchen keinen KI-Assistenten. Sie brauchen Zeit. Wer Nestlé, Allianz oder Microsoft hält, muss keine Orders per Prompt optimieren und keine Sparraten berechnen lassen. Er muss investiert bleiben – und die Geduld aufbringen, die kein Sprachmodell der Welt ersetzen kann. Das ist weniger aufregend als Agentic Investing. Und genau deshalb funktioniert es.
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Christoph A. Scherbaum & Marc. O. Schmidt
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