KI-Aktien: Warum sich die Kurskorrektur zum Margin Call ausweiten kann

Hohe Bewertungen, zunehmende Verschuldung und immer mehr spekulatives Kapital: Bei KI-Aktien hatten sich zahlreiche Warnsignale aufgebaut. Die jüngste Korrektur zeigt, warum Anlagedisziplin und Risikomanagement gerade in Phasen großer Euphorie entscheidend sind.

(Bildquelle: Getty Images für Unsplash+)

Die jüngste Korrektur bei KI-bezogenen Aktien ist eine zeitlose Lektion für Anleger. In den letzten Monaten wurde deutlich, wie gefährlich es ist, Spekulation mit Investieren zu verwechseln. Ein viel beachtetes Beispiel war der Zusammenbruch eines stark fremdfinanzierten, auf KI fokussierten Fonds, der von einem 24-Jährigen verwaltet wurde, der praktisch keine professionelle Anlageerfahrung besaß. Die Geschwindigkeit seines Niedergangs war beeindruckend, doch vielleicht noch überraschender war die Bereitschaft versierter Anleger, Kapital in eine Strategie zu investieren, die kaum nachweisbare Erfolge vorweisen konnte.

Diese Episode erinnert uns gerade rechtzeitig daran, wie wichtig Anlagedisziplin ist. Eine starke Überzeugung von einem vorherrschenden Trend kann beeindruckende Renditen generieren, solange die Rahmenbedingungen günstig sind, doch die Bewältigung von Phasen mit Marktstress erfordert andere Fähigkeiten: das Verständnis von Abwärtsrisiken, das Management der Hebelwirkung und die Wahrung der Disziplin, wenn sich die Marktdynamik ändert.

Dies ist auch nicht die erste Marktstörung, in den letzten 30 Jahren haben die globalen Märkte mehrere große Turbulenzen erlebt. Die zweite Hälfte der 1990er Jahre war weitgehend von Krisen in den Schwellenländern geprägt, die in der russischen Finanzkrise von 1998 gipfelten, als russische Anleihen zeitweise bei nur 5 Cents pro US-Dollar gehandelt wurden. Im Gegensatz dazu waren die Dotcom-Blase und der darauf folgende Crash in erster Linie von den USA ausgehende Ereignisse. Dasselbe galt weitgehend auch für die Finanzkrise von 2008, obwohl sich deren Auswirkungen rasch auf die globalen Märkte ausbreiteten.

Angesichts dieser Marktverwerfungen sind die strengen Standards, die traditionell von professionellen Anlegern angewendet werden, besonders relevant. Seit Jahrzehnten erfordern professionelle Anlagen eine über Jahre nachgewiesene Performance, eine klar formulierte Anlagephilosophie, einen wiederholbaren Prozess und erfahrene Portfoliomanager. Diese Disziplinen existieren aus gutem Grund. Erfahrung ist zwar keine Garantie für Erfolg, bietet aber etwas, das sich nur schwer schnell erwerben lässt: das Urteilsvermögen und die Perspektive, die sich aus Investitionen in unterschiedlichen Marktumfeldern ergeben.

Rückgang bei Kurs-Gewinn-Verhältnissen

Für die meisten erfahrenen Anleger dürfte es nicht besonders schwer gewesen sein, zu erkennen, dass die Überbewertung bei KI-bezogenen Aktien sowohl real als auch außergewöhnlich war. Auch wenn die Bewertung an sich nicht unbedingt ein Auslöser ist, stellt sie letztlich doch einen begrenzenden Faktor dar. Selbst nach dieser „Korrektur“, die in vielen Fällen mit erheblichen prozentualen Rückgängen einherging, erscheinen einige Aktien gemessen an den relevantesten Bewertungskennzahlen immer noch teuer. Die Daten liefern überzeugende Argumente dafür, dass der Ausverkauf nicht in erster Linie durch eine Verschlechterung der kurzfristigen Gewinnerwartungen getrieben war. Vielmehr spiegelte er eine Verringerung der Kurs-Gewinn-Verhältnisse, eine Herabstufung der Bewertungen, die Auflösung von Positionen und in gewissem Maße auch eine Verlangsamung des Tempos bei den Gewinnanhebungen wider.

Auch mehrere allgemeine Marktsignale mahnten zur Vorsicht. Zunehmende Verschuldung, eine Rekordbeteiligung von Privatanlegern, gehebelte ETFs und anhaltende Begeisterung in den Medien schufen zusammen Bedingungen, die typischerweise mit spekulativen Exzessen verbunden sind. Keiner dieser Faktoren allein führt zum Platzen einer Blase. Zusammen schaffen sie jedoch ein Umfeld, in dem sich die Stimmung rasch umkehren kann und Verluste sich selbst verstärken. Philosophisch gesehen spiegelt diese Dynamik den zweiten Satz der Dialektik wider: „die Umwandlung quantitativer Anhäufung in qualitative Veränderung“. Exzesse häufen sich schrittweise an, bis ein Wendepunkt erreicht ist.

Schnelle Kehrtwende erwartet

Blasen halten fast immer länger an als erwartet und ziehen dabei immer mehr Anhänger an. Doch wenn sich die Stimmung schließlich wendet, verläuft die Kehrtwende in der Regel schnell und schmerzhaft. Die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, im Nachhinein zu reagieren, sondern die Warnsignale früh genug zu erkennen, um sich vorzubereiten. Die jüngste Korrektur ist eine weitere Mahnung. Märkte ändern sich, das Anlegerverhalten jedoch selten. Unser Team, das seit mehr als drei Jahrzehnten in Schwellenmärkten investiert, hat aus erster Hand erlebt, wie Phasen der Euphorie in scharfe Umkehrungen münden können. Diese Erfahrungen untermauern eine zeitlose Erkenntnis: Bewertung, Disziplin und Risikomanagement bleiben genauso wichtig wie die aktuellsten Marktmeinungen.

Ein Beitrag von Dr. Ivo Kovachev.

Er ist Senior Portfoliomanager bei J O Hambro.

 

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