Die im September veröffentlichte Gemeinschaftsdiagnose, die gemeinsame Analyse der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute zur Entwicklung der deutschen Wirtschaft, überraschte positiv. So wurde die Wachstumserwartung für Deutschland für dieses Jahr auf 1,3 Prozent angehoben und damit im Vergleich zum Frühjahrsgutachten mehr als verdoppelt. Im nächsten Jahr werden 1,1 Prozent – 0,2 Prozentpunkte mehr als zuvor – erwartet.
Ausgerechnet die Exporte der energieintensiven Industrie haben sich im Sommer unerwartet positiv entwickelt, trotz des globalen Energiepreisschocks im Zuge des Irankonflikts. Denn Wettbewerber, bspw. der Chemieindustrie, aus der Golfregion und aus Asien waren teils gar nicht oder aufgrund von Energierestriktionen nur eingeschränkt lieferfähig. Deutsche Unternehmen haben sich in diesem Fall als resilienter erwiesen, ein wichtiger Vorteil im internationalen Wettbewerb.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die deutsche Wirtschaft nachhaltig aus dem jahrelangen Wachstumstal entkommen wäre. Weiterhin wird die Konjunktur vor allem von staatlichen Aufträgen zur Ertüchtigung der Infrastruktur und der Verteidigungsfähigkeit getragen. Sowohl der private Konsum als auch privatwirtschaftliche Investitionen lassen zu wünschen übrig. Neben hohen Energiepreisen und stark gestiegenen Zinsen sorgen vor allem der tiefgreifende Strukturwandel in der Automobilindustrie sowie die fehlende politische Durchschlagskraft bei der Verbesserung der Standortbedingungen für eine anhaltend hohe Verunsicherung. Entsprechend dürfte das Wachstum im Jahr 2028 gemäß Gemeinschaftsdiagnose wieder auf 0,4 Prozent absacken.
Doch dieser Rückfall ließe sich vermeiden, wenn die Dynamik des aktuellen Wachstumsimpulses genutzt würde, um bereits eingeschlagene Wege zu verstärken. So hat die Bundesregierung mit der „Föderalen Modernisierungsagenda“ schon Ende 2025 diverse Maßnahmen definiert, um den Staat schneller, digitaler und effizienter zu machen. Die Umsetzung ist in Teilen bereits erfolgt und läuft weiter. Die Anzahl der Neugründungen, insbesondere bei Startups stieg zuletzt deutlich an. In wichtigen Zukunftsfeldern wie der Raumfahrtindustrie holen deutsche Unternehmen massiv auf.
Diese Basis ermöglicht die Chance, die deutsche Volkswirtschaft in den kommenden zwei Jahren nennenswert in Richtung Zukunftsfähigkeit voranzutreiben. Voraussetzung dafür ist, dass Politik, Unternehmen und die Gesellschaft weitere notwendige Transformationen entschlossen vorantreiben.
Ein Beitrag von Carsten Mumm
Er ist Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel. Das Traditionshaus mit Sitz in Hamburg und München setzt auf qualifizierte und umfassende Beratung für vermögende Privatkunden, Unternehmer, Immobilienkunden und institutionelle Kunden.
Der obige Text/Beitrag spiegelt die Meinung des oder der jeweiligen Autoren wider. Die CASMOS Media GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.








