Die neue Zeitrechnung der Airlines

Bildquelle: Pressefoto Lufthansa

Bei Airlines wie der Lufthansa (WKN: 823212 / ISIN: DE0008232125) gäbe es derzeit eigentlich Grund zur Freude. Zumal Spediteur Klaus-Michael Kühne gerade seinen Anteil am MDAX-Unternehmen aufgestockt hat und für einen Vertrauensbeweis gesorgt haben könnte. Gleichzeitig kehren Reisende nach den vielen COVID-19-Beschränkungen zurück. Wenn da nur nicht das scheinbar allgegenwärtige Flugchaos wäre…

“Fliegen ist zu billig”

So weit ist es also schon gekommen… Der König der Billigflugtickets in Europa, Michael O’Leary, sagt gegenüber der “Financial Times”, dass Flugtickets zu billig geworden sind, damit die Airlines noch Profite erzielen können. Damit meint er wohl auch seine eigene Fluggesellschaft, Ryanair (WKN: A1401Z / ISIN: IE00BYTBXV33).

Als Beispiel nimmt er seine Flüge nach London Stansted. So würde die Zugfahrt in die Londoner City mehr Kosten als der Flug selbst. Er rechnet damit, dass eine Kombination aus höheren Ölpreisen und strengeren Umweltauflagen mittelfristig dafür sorgen sollten, dass der Ryanair-Durchschnittspreis von derzeit 40 auf 50 bis 60 Euro steigt.

Auch bei anderen Airlines wird reagiert. Eurowings-Chef Jens Bischof sagte gegenüber der “Rheinischen Post”, dass die Lufthansa-Tochtergesellschaft, ihre Tarife wegen gestiegener Energiekosten um mindestens 10 Prozent anheben möchte, nachdem diese bereits in den vergangenen Jahren erhöht worden waren.

Für Ryanair kommt laut O’Leary wiederum ein zusätzliches, spezielles Problem hinzu. Demnach könne man wegen des Brexits nicht mehr günstige Arbeitskräfte aus der EU rekrutieren. Auch andere Airlines und Flughafenbetreiber haben derzeit Probleme, genügend Personal zu finden. Nur nicht immer wegen des Brexits.

Flugchaos in den Sommermonaten

In den Medien wird aktuell an vielen Stellen von einem Flugchaos berichtet. Ein Grund dafür ist der Umstand, dass während der Corona-Pandemie viele Flüge zusammengestrichen wurden. Entsprechend galt es, Personal einzusparen. Nun, da Kontaktbeschränkungen aufgehoben werden und die Menschen wieder verreisen wollen, fehlen Mitarbeiter. Dies führt wiederum zu Ausfällen und Verspätungen und damit auch zu unzufriedenen Fluggästen.

Fliegen ist nach Corona teurer geworden, der Service aber nicht unbedingt besser. Bildquelle: Pixabay / JoshuaWoroniecki

Um die enttäuschte Kundschaft zu besänftigen, schrieb Lufthansa-Chef Carsten Spohr einen Brief an die Kunden der Kranich-Airline, indem er unter anderem die Probleme anspricht, die damit einhergehen, wenn ein komplexes Luftverkehrssystem von fast Null auf derzeit wieder fast 90 Prozent hochgefahren wird. Dieses könne nicht in der Verlässlichkeit, Robustheit und Pünktlichkeit gelingen, die man den Kunden so gerne wieder bieten möchte. Kurzfristig sei auch keine Besserung in Sicht.

“Zu viele Mitarbeitende und Ressourcen fehlen noch, nicht nur bei unseren Partnern, sondern auch in einigen Bereichen bei uns. Nahezu alle Unternehmen unserer Branche rekrutieren derzeit neue Kolleginnen und Kollegen, allein in Europa sind mehrere Tausend Neueinstellungen geplant. Dieser Kapazitätsaufbau wird sich allerdings erst im kommenden Winter stabilisierend auswirken können”, sagt Spohr.

Inflation und Flugreisen

Die derzeitigen Berichte vom Flugchaos trüben die Stimmung in einer Zeit, in der die Reise- und Tourismusbranche von einer Erholung nach der Corona-Delle profitieren wollte. Die Lufthansa selbst hatte in ihrem Bericht zum ersten Quartal 2022 von einem großen Bedürfnis der Menschen zu reisen gesprochen.

Zeitweise seien so viele Flugtickets wie noch nie seit Beginn der Pandemie gebucht worden. Es wird damit gerechnet, dass in diesem Sommer voraussichtlich so viele Menschen mit den Airlines der Lufthansa Group in den Urlaub fliegen werden, wie nie zuvor. Es bleibt jedoch die Frage, ob die Stimmung so positiv bleibt.

Der Russland-Ukraine-Krieg, die hohe Inflation und die Aussicht auf eine Rezession könnten dafür sorgen, dass Konsumenten auf viele nicht lebensnotwendige Dinge wie Urlaubsreisen vermehrt verzichten. Gleichzeitig bleiben die Rohstoffe ein wichtiger Kostenfaktor bei den Airlines. Zumal Ryanair-Chef O’Leary auch die strengeren Umweltauflagen als Kostentreiber in den kommenden Jahren benannt hat.

mE-FAZIT

Die Aussicht auf eine Erholung der Tourismusbranche in den Sommermonaten hatte im Fall der Lufthansa-Aktie zunächst dafür gesorgt, dass selbst der Kurssturz infolge des Ausbruchs des Russland-Ukraine-Krieges wettgemacht werden konnte.

Inzwischen hat sich die Stimmung jedoch angesichts des Flugchaos und Entwicklungen wie der Inflation oder Aussicht auf eine wirtschaftliche Eintrübung deutlich verschlechtert. Zumindest scheint sich im Bereich von etwa 5,50 Euro so etwas wie ein Boden gebildet zu haben. Kurzfristig sollte das Kurspotenzial begrenzt bleiben. Mittel- bis langfristig dürften sich die Airlines und die Reiseindustrie von diesen schwierigen Zeiten jedoch erholen. Dies haben beispielsweise die Entwicklungen nach Ereignissen wie den Anschlägen vom 11. September gezeigt.

Bildquelle: Pressefoto Lufthansa