Bildquelle: Pressefoto Rocket Internet

Als Value Investor leidet man an der Börse mitunter emotional stärker als andere Anleger. Man ist nämlich öfter als „Contrarian Investor“ unterwegs, als derjenige, der gegen den Strom schwimmt. Und das ist nicht einfach, denn wir Menschen verhalten uns lieber so, dass uns andere zustimmen. Was an der Börse manchmal, in starken Trends, eine gute Investmentstrategie sein kann, meistens aber aber nicht. Weil man den Entwicklungen – und den Kursen – oft nur hinterher läuft und der Letzte ist, der noch bei der Party auftaucht. Und der zahlt bekanntlich am Ende die Zeche für alle…

Value Investoren leben also damit, dass sie „ganz offensichtliche“ gute Investmentgelegenheiten finden, die vom Markt sträflich ignoriert werden. Und nachdem sie diese gekauft haben, ignoriert der Markt sie weiterhin. Und dann ereilt einen der nagende Stachel des Zweifels. Denn wenn so klar ist, dass man etwas mit 50% Abschlag auf seinen Wert kaufen kann, dann müssten es doch alle tun und der Preis/Kurs entsprechend steigen. Und im Umkehrschluss müsste dieses Unterlassen dann doch wohl bedeuten, dass die anderen schlauer sind und man selbst falsch liegt. Also liegt der Markt auch beim MDAX-Wert Rocket Internet (WKN: A12UKK / ISIN: DE000A12UKK6) richtig und nur ich irre mich. Oder etwa nicht?

Letzte Woche habe ich mich schon einmal mit Rocket Internet beschäftigt und schrieb, die Börse warte auf den nächsten großen Wurf. Das zielte darauf, dass das Unternehmen zuletzt keine großen Investitionen in aussichtsreiche Unternehmen getätigt hat, während man auf einem immer größer werdenden Berg an Cash sitzt. Nun, das ist nicht mein Problem, um es klar zu sagen. Ich schaue mir lieber an, was Rocket Internet aus den vielen Beteiligungen und Venture-Investments macht, die man heute im Portfolio hat. Ich schaue, wie sich hieraus der Wert des Unternehmens errechnet und setzt dies ins Verhältnis zum Preis seiner Aktien.

Andere gehen offensichtlich anders vor. Und die Mahner (der aus ihrer Sicht ausbleibenden neuen Investmentideen) haben seit heute noch mehr Grund zur Klage. Denn mit dem erfolgreichen Börsendebüt der Rocket Internet-Tochter Home24 (WKN: A14KEB / ISIN: DE000A14KEB5) steigt nicht nur der Wert der Rocket-Beteiligungen, sondern wohl auch das Cash-Konto selbst weiter an. Die Papiere des Online-Möbelhändlers wurden zu bei 23,00 Euro ausgegeben und damit nahe dem oberen Ende der IPO-Spanne, die von 19,50 bis 24,50 Euro gereicht hatte. Unmittelbar nach Handelsbeginn schoss der Aktienkurs auf über 30 Euro hoch und das hat Folgen…

Während es Home24 selbst nicht mehr Geld bringt und auch Rocket Internet selbst direkt nicht, ist einerseits die Bewertung von Home24 nun bei 800 Mio. Euro deutlich über dem vorher angesetzten Wert und der Anteil von Rocket Internet alleine deshalb schon mit 200 Mio. höher bewertet als noch vor wenigen Stunden. Und dann gab es noch eine sog. Mehrzuteilungsoption und es ist wahrscheinlich, dass diese zum Tragen kam. Demnach hätte Rocket Internet einen kleinen Teil seiner Aktien über die aus einer Kapitalerhöhung stammenden neuen, jungen Aktien abgegeben. Und würde dafür nochmals Cash einnehmen, was den Cash-Berg nochmals erhöhen würde.

Rocket-Internet-Chart: boerse-stuttgart.de

Der Börsengang von Home24 ist der nächste Erfolg von Rocket Internet und je mehr ihrer Beteiligungen an der Börse gelistet sind, desto einfach lässt sich auch Rocket Internet selbst bewerten. Man kann einfach ihren Anteil an Delivery Hero, HelloFresh, Home24 und Marley Spoon mit dem jeweils aktuellen Börsenkurs ansetzen und schon hat man einen ersten groben Ansatz. Hier rechnet man dann zunächst den Cash-Bestand hinzu, den Rocket Internet per Mitte Mai mit rund 2,6 Mrd. Euro angegeben hat – der starke Anstieg seit Jahresende resultiert vor allem aus den zwischenzeitlich erfolgten (Teil-) Verkäufen an Delivery Hero, HelloFresch oder auch Daraz, die an den chinesischen Internetgiganten Alibaba ging. In diesen Bruttozahlungsmitteln sind die eigenen Bestände enthalten und die der vollkonsolidierten Beteiligungen. Also nicht die von Delivery Hero, HelloFresh, GlobalFashionGroup, Jumia oder Westwing. Mit einiger Unschärfe kann man also diese Bruttozahlungsmittel bei der Bewertung zum Ansatz bringen. Ich würde hier aber als Sicherheitsabschlag 25% ansetzen, so dass netto knapp 2 Mrd. Euro anzusetzen blieben…

Auf www.intelligent-investieren.net geht es weiter…

Kissig Ein Beitrag von Michael C. Kissig

Er studierte nach Abschluss seiner Bankausbildung Volks- und Rechtswissenschaften und ist heute als Unternehmensberater und Investor tätig. Neben seinem Value-Investing-Blog „iNTELLiGENT iNVESTiEREN“ verfasst Michael C. Kissig regelmäßig eine Kolumne für das „Aktien Magazin“.

Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die CASMOS Media GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.

Bildquellen: Michael C. Kissig / Pressefoto Rocket Internet

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