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Donald Trump spielt den Rächer der handelspolitisch Enterbten besser als jeder Hollywood-Schauspieler. Eine große Rolle spielt dabei die am 6. November 2018 anstehende US-Kongresswahl. Mit übelster Handelspolemik will sich Trump die Stimmen der angeblich von China und Deutschland ausgebeuteten Amerikaner sichern. Für ihn als selbsternannte Lichtgestalt wäre es unerträglich, wenn seine Partei die Kongressmehrheit verlöre und er bei vielen Gesetzesvorhaben auf die Demokraten angewiesen wäre. Tatsächlich haben sie den erbitterten Widerstand der Republikaner im Kongress gegen ihren Präsidenten Barack Obama noch in bester Erinnerung. Viele Rechnungen sind offen.

Gott gibt nach, Donald Trump nie

Seine wahlpopulistische Einbahnstraße macht es Trump unmöglich, vor November handelspolitische Kompromissfähigkeit ohne Gesichtsverlust zu zeigen. Dabei wissen Trumps Wirtschaftsberater – sicher keine dummen Jungs – dass bei einem ausgewachsenen Handelskrieg auch Amerika blutet.

Gerade der Freihandel hat Amerikas Konsumgüter weltweit verkaufbar gemacht. Gleichzeitig blieb die Inflation zahm, weil Amerikas Unternehmen auf globale Produktionsstandorte mit (Lohn-)Kostenvorteilen zurückgreifen konnten. Und so konnte die Fed statt einer restriktiven Geldpolitik sogar noch Konjunkturförderung betreiben. So kamen amerikanische Aktienmärkte in den Genuss einer dreifaltigen Happy Hour: Über die fundamentale Umsatz- und Gewinnverbesserung der US-Konzerne, die mangelnde Alternativrendite von Zinspapieren – Liquiditätshausse genannt – und eine geringe Aktienschwankungsbreite.

Protektionismus kommt als Bumerang nach Amerika zurück

Das stellt Trump dennoch alles in Frage. Er vertraut darauf, dass Länder mit Handelsbilanzüberschüssen gegenüber Amerika wie Deutschland und China noch mehr zu verlieren haben als das defizitäre Amerika. Ihr wirtschaftlicher Schmerz werde sie bald einknicken und in Washington zu Kreuze kriechen lassen.

Leider vergisst der gute Donald, dass Exportländer nicht mit willfährigen Handwerkern oder Banken aus seiner Zeit als Immobilienmogul zu vergleichen sind. Schon aus Gründen der politischen Hygiene müssen sie auf Zölle mit Gegenzöllen reagieren. Denn wer einmal nachgibt, gibt immer nach.

Bei einem munteren Zoll-Wettrüsten erlebt die Weltkonjunktur den Aschermittwoch und der globale Wohlstand den Karfreitag ohne Hoffnung auf Wiederauferstehung. In der Eurozone und insbesondere in Deutschland würde die Schleifung des Außenhandels zu dramatischen Überkapazitäten führen. Die Gefahr einer Deflation, dem Grundübel der Volkswirtschaft, wäre real. Die Kurse deutscher Exportaktien würden schmelzen wie Eis in der Sommerhitze.

Doch auch in Amerika würden Wunden geschlagen. Chinas zugehende Importtüren lassen US-Farmer schon jetzt auf ihren Weizen-, Mais- und Sojaernten sitzen wie Glucken auf ihren Eiern, was auch die Verkaufspreise drückt. Sind die Bauern im Mittleren Westen nicht die treuesten Trump-Wähler?

Und was ist, wenn das Beispiel Harley Davidson Schule macht und immer mehr globale US-Konzerne zur Umgehung der Exportzölle in Europa und China nicht mehr in Amerika, sondern in ihren ausländischen Absatzmärkten produzieren? Überhaupt, die in Amerika produzierende deutsche Autoindustrie wirkt dem US-Handelsbilanzdefizit mit einem Exportanteil von 60 Prozent entgegen. Und sie beschäftigt ca. 120 Tausend Mitarbeiter. Für viele amerikanische Arbeitnehmer ist es ökonomischer Selbstmord, über Trumps Handelspolitik entzückt zu sein.

Übrigens, das Trump-Bashing der früheren Verbündeten wird den geostrategischen Einfluss der USA immer mehr schwächen. Der US-Präsident sollte nicht vergessen, dass Europa als Gegenleistung für den Schutz von Uncle Sam vor dem „bösen Iwan“ auch massenhaft amerikanische Musik, Fernsehserien und Konsumgüter aufs Auge gedrückt wurde.

Protektionismus bedroht Unabhängigkeit der Geldpolitik

Übrigens, da die heimischen Produzenten vor ausländischer Billigkonkurrenz geschützt werden sollen, führen Importzölle z.B. auf Aluminium natürlich zu steigenden Preisen. Und da die amerikanische Binnennachfrage nicht mehr durch kostengünstige Auslandsware – aus China kommt doch bislang so ziemlich alles – sondern vor allem national befriedigt werden muss, kommt es zu dramatischen Kapazitätsüberlastungen in der Industrie. Dass alle steigenden Preise weitergeleitet werden, kann man aktuell bereits an teurerem Bier – was man in Amerika halt so Bier nennt – in Aluminiumbüchsen ablesen.

Damit könnte Amerika sogar wieder in den „Genuss“ einer restriktiven US-Geldpolitik kommen. Auch angesichts der biblischen Verschuldung wären dann selbst die bis dato nicht tot zu kriegende US-Konjunktur und amerikanische Aktien gefährdet.

Ein schwacher Aktienmarkt ist noch keinem US-Präsidenten gut bekommen. Vorsorglich hat der US-Präsident bereits die Fed für ihre strengere Zinspolitik kritisiert. Er denkt wohl, der von ihm ernannte US-Notenbankpräsident wäre sein Vasal, der die Zinsen zu senken habe.

Trump öffnet hier die Tür für massive Stabilitätsrisiken. Die großen Notenbanken könnten in den Schlamassel des Handelskonflikts hineingezogen werden. Dann werden sie einerseits gedrängt, im Sinne eines Abwertungswettlaufs die Importzölle mit geldpolitisch gedrückten Exportwährungen möglichst zu kompensieren. Tatsächlich hat die chinesische Währung seit April 2018 schon um über acht Prozent gegenüber US-Dollar abgewertet. Würde jedoch Inflationsbekämpfung gegenüber Außenhandelsförderung links liegengelassen, wären galoppierende Preise die Folge. Andererseits müssten sie wirtschaftsstabilisierende Konjunkturprogramme durch ihre Notenpressen hemmungslos finanzieren. Die weltweite Schulden-Apokalypse würde noch dramatischer.

Wird aus Saulus Trump doch noch ein Paulus?

Protektionismus ist der perfekte Dünger für weltweite Stagflation: Schwache Wirtschaft bei steigenden Preisen. Die internationale Arbeitsteilung aufzugeben ist nicht nur dumm, sondern saudumm. Dann könnte man moderne Industrietechnik auch durch die Dampfmaschine ersetzen.

Von allen Seiten wäre es weise, konstruktive Handelsgespräche ohne Vorbedingungen zu führen. Hier lässt ein Tweet Trumps aufhorchen: Er schlägt vor, dass zwischen Europa und den USA alle, wirklich alle Handelszölle und Subventionen fallen. Darauf sollte die EU sofort eingehen. Trump könnte vor seine Wähler treten und sagen, ich habe die EU gebändigt. Gönnen wir ihm diesen Triumph. Hauptsache, die Exportmärkte in den USA bleiben grundsätzlich offen.

Leider hat die Sache zwei Haken. Erstens ist die Lebensdauer von Trumps Aussagen geringer als die einer Eintagsfliege. Und zweitens ist es fraglich, ob Kater Trump das Mausen lässt, d.h. ob er seine Selbstverliebtheit und -bewunderung der guten handelspolitischen Sache auch zum Wohle Amerikas aufgibt.

Immerhin, die stabilen Aktienmärkte signalisieren früher oder später eine Handelseinigung. Wie lautet doch das feste Glaubensbekenntnis der Börsen: Die Märkte haben immer Recht.

Aus einer weltlichen Perspektive kann man aber noch die November-Wahl abwarten.

RobertHalverEin Beitrag von Robert Halver.

Robert Halver ist Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. Das Haus mit Sitz in Unterschleißheim bei München ist eine der führenden Investmentbanken in Deutschland und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten. Halver beschäftigt sich seit 1990 mit Wertpapieren und Anlagestrategien.

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