Bildquelle: markteinblicke.de

Der Markt ist gerade etwas unruhig. Da passt ein neuer Angst-Chart, der herumgereicht wird. Und was ist davon zu halten? Kurz gesagt: nichts. Aber worum geht es dabei überhaupt?

Der Chart, um den es geht, soll zeigen, wie unglaublich hoch bewertet US-Aktien derzeit sind. Ich bin der letzte, der sagt, dass Aktien aktuell günstig sind. Trotzdem muss man die Kirche im Dorf lassen. Der Chart suggeriert nämlich, dass heute alles noch viel schlimmer ist als zur Jahrhundertwende.

Zur Jahrhundertwende hatten wir die Mutter aller Aktienblasen. Der Neue Markt war alles. Gewinne mussten Unternehmen nicht schreiben. Alles egal. Hauptsache, am ersten Handelstag des Börsengangs wurden 70 % Gewinn erzielt. Jeder konnte reich werden. Usw.

Heute soll also angeblich alles noch viel schlimmer sein! Betrachtet man den Angstchart (Grafik 1), wird klar, dass die Bewertung heute tatsächlich mindestens so hoch ist wie damals. Das Verhältnis aus Preis und Umsatz (Marktkapitalisierung zu Umsatz) liegt heute bei 2,2. Man bekommt einen Dollar Umsatz, indem man 2,2 Dollar bezahlt.

Rein intuitiv macht das nicht viel Sinn. Wer ist schon so dumm und zahlt für einen Dollar ein Vielfaches? Nun, wir alle sind so dumm. Das Verhältnis lag zuletzt 2009 bei weniger als 1. Anleger zahlen im Durchschnitt für den Umsatz immer ein Vielfaches. Das ist bis zu einem gewissen Grad auch in Ordnung.

Wer längere Zeit investiert ist, zahlt mit seinem Investment von 2,2 pro einen Dollar Umsatz ja Umsätze von mehreren Jahren. Über die Zeit kommt da ganz schön etwas zusammen. Viel wichtiger als der Umsatz ist aber, wie viel Gewinn damit erwirtschaftet wird. Es hilft ja nicht, wenn wir für 10 Dollar Umsatz lediglich 50 Cents zahlen, aber auf die 10 Dollar Umsatz ein Verlust von 5 Dollar geschrieben wird. Das ist ein schlechter Deal.
Zahlen wir hingegen 2,2 Dollar für 1 Dollar Umsatz, machen dafür aber 20 Cents Gewinn, dann ist das kein schlechter Deal. Bei der heutigen Marktbewertung wäre das sogar ein richtig guter Deal.

Kurz gesagt: es kommt auf die Marge an. Die Marge ist heute relativ hoch (Grafik 2). Sie wird dank der Steuerreform in diesem Jahr in den USA möglicherweise ein neues Rekordhoch erreichen. Die Marge wäre dann 3x so hoch wie zur Jahrhundertwende. Das setzt die Sache wieder etwas ins Verhältnis.

Die Marge, die Unternehmen heute auf ihren Umsatz erzielen, ist viel höher als damals. Damals machten Unternehmen wenig Umsatz und verloren dabei Geld. Heute wird nicht unbedingt mehr Umsatz geschrieben, dafür aber das Dreifache verdient. Die Bewertung darf also durchaus höher sein.

Von dem Angstchart ist wenig zu halten. Er vergleicht nur das Preis/Umsatz-Verhältnis ohne auf die Margen Rücksicht zu nehmen. Das verfälscht das Bild gehörig.

Autor: Clemens Schmale, Finanzmarktanalyst bei GodmodeTrader.de

Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die CASMOS Media GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.

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